Stundenlang bei einer Sache bleiben – und fünf Minuten später nicht mitbekommen, was jemand gerade gesagt hat. Wie passt das zusammen?
ADHS heißt Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
Damit scheint die Sache eigentlich geklärt zu sein.
Defizit.
Also zu wenig Aufmerksamkeit.
Das Problem ist nur: Im Alltag kann sich ADHS überhaupt nicht so eindeutig anfühlen.
Ich kann Schwierigkeiten haben, zehn Minuten bei einer Aufgabe zu bleiben, die ich erledigen müsste. Gleichzeitig kann ich mich stundenlang mit etwas beschäftigen, das mich interessiert. Ich kann während eines Gesprächs abschweifen – und bei einem anderen jedes Detail aufnehmen. Ich kann eine Seite dreimal lesen, ohne anschließend zu wissen, was darauf stand, und mich an anderer Stelle so intensiv konzentrieren, dass ich kaum wahrnehme, was um mich herum passiert.
Wenn Aufmerksamkeit bei ADHS einfach grundsätzlich zu wenig wäre, wäre das ziemlich schwer zu erklären.
Tatsächlich beschreibt die Forschung ein komplexeres Bild. Bei Erwachsenen mit ADHS werden unter anderem Schwierigkeiten beim Fokussieren, Aufrechterhalten und Wechseln der Aufmerksamkeit sowie bei der Regulation von Wachheit und Anstrengung beschrieben. Neuropsychologische Untersuchungen finden außerdem Unterschiede bei Vigilanz und insbesondere bei der Stabilität der Leistung über die Zeit.
Vielleicht ist die interessantere Frage deshalb nicht:
„Wie viel Aufmerksamkeit habe ich?“
Sondern:
„Wie gut lässt sich meine Aufmerksamkeit gerade dorthin steuern und dort halten, wo ich sie brauche?“
Aufmerksamkeit bei ADHS ist kein Lichtschalter
Wir sprechen über Aufmerksamkeit häufig, als gäbe es nur zwei Zustände.
Aufmerksam.
Nicht aufmerksam.
So einfach funktioniert sie allerdings nicht.
Ich muss auswählen können, was gerade relevant ist. Ich muss meine Aufmerksamkeit darauf richten. Ich muss sie möglicherweise über längere Zeit dort halten. Ich muss Ablenkungen verarbeiten oder ausblenden. Und wenn sich die Situation verändert, muss ich meine Aufmerksamkeit wieder lösen und neu ausrichten.
Das europäische Konsensuspapier zu ADHS im Erwachsenenalter beschreibt genau diese unterschiedlichen Bereiche: Probleme können unter anderem beim Fokussieren, Aufrechterhalten und Wechseln der Aufmerksamkeit, beim Regulieren der Wachheit und beim Aufrechterhalten von Anstrengung auftreten. Gleichzeitig wird betont, dass solche klinischen Alltagserfahrungen nicht einfach mit einzelnen neuropsychologischen Testergebnissen gleichgesetzt werden dürfen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn ich beim Lesen abschweife, habe ich damit noch keinen Aufmerksamkeitstest durchgeführt.
Und wenn ich drei Stunden konzentriert an etwas arbeite, habe ich damit ADHS nicht widerlegt.
„Aber du kannst dich doch konzentrieren“
Dieser Satz dürfte einigen Erwachsenen mit ADHS bekannt vorkommen.
Man sitzt stundenlang an einem Computer, baut etwas, schreibt, programmiert, spielt, recherchiert oder beschäftigt sich intensiv mit einem Interessengebiet.
Also kann man sich offensichtlich konzentrieren.
Warum funktioniert das dann nicht bei der Steuererklärung?
Weil die Fähigkeit, sich unter bestimmten Bedingungen intensiv zu konzentrieren, nicht dasselbe ist wie die Fähigkeit, Aufmerksamkeit jederzeit willentlich und gleichmäßig zu regulieren.
Das ist eigentlich gar nicht so exotisch.
Auch Menschen ohne ADHS konzentrieren sich nicht auf jede Tätigkeit gleich gut. Interesse, Müdigkeit, Ablenkungen, Schwierigkeit, Motivation und Umgebung beeinflussen Aufmerksamkeit bei jedem Menschen.
Bei ADHS können diese Schwankungen jedoch stärker ausgeprägt sein und im Alltag zu relevanten Beeinträchtigungen führen. In einer großen Übersicht über 34 Meta-Analysen gehörten unter anderem Vigilanz und Reaktionszeitvariabilität zu den Bereichen, in denen sich ADHS-Gruppen im Durchschnitt von Kontrollgruppen unterschieden.
Das bedeutet nicht:
„Menschen mit ADHS können sich nur auf interessante Dinge konzentrieren.“
Auch das wäre wieder zu einfach.
Es bedeutet vielmehr, dass Aufmerksamkeit von mehreren Bedingungen beeinflusst wird und ihre Regulation bei ADHS weniger stabil sein kann.
Vielleicht ist nicht die Menge das Auffällige, sondern die Schwankung
Einer der interessantesten Forschungsbefunde betrifft die Variabilität von Reaktionszeiten.
In vielen experimentellen Aufgaben reagieren Menschen mit ADHS nicht einfach konstant langsamer. Auffällig ist vielmehr, dass ihre Reaktionszeiten im Durchschnitt stärker schwanken können.
Eine große Meta-Analyse wertete 319 Studien aus. Bei Erwachsenen mit ADHS zeigte sich gegenüber Kontrollgruppen eine erhöhte Reaktionszeitvariabilität mit einer mittleren Effektstärke. Nachdem diese Variabilität statistisch berücksichtigt wurde, zeigte sich dagegen kein entsprechender genereller Unterschied der durchschnittlichen Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Das ist spannend, weil es zu einem anderen Bild führt.
Nicht unbedingt:
immer weniger aufmerksam.
Sondern möglicherweise:
weniger gleichmäßig aufmerksam.
Allerdings müssen wir auch hier vorsichtig sein. Reaktionszeitvariabilität ist kein direkter Messfühler für „Aufmerksamkeit“ und sie ist nicht spezifisch genug, um damit ADHS zu diagnostizieren. In der Forschung wird diskutiert, welche kognitiven und neuronalen Prozesse genau hinter diesen Schwankungen stehen.
Wir sollten aus einem interessanten Gruppenbefund also keine neue Internetregel bauen.
Das erklärt diese merkwürdig guten und schlechten Tage zumindest ein Stück weit
Manchmal funktioniert eine Aufgabe problemlos.
Am nächsten Tag sitze ich vor genau derselben Sache und frage mich, wer gestern offenbar meinen Job übernommen hat.
Das kann irritierend sein.
Vor allem, weil Fähigkeiten normalerweise als etwas relativ Stabiles verstanden werden.
Wenn ich etwas gestern konnte, müsste ich es heute schließlich auch können.
Grundsätzlich stimmt das natürlich. Aber die Verfügbarkeit einer Leistung in einer konkreten Situation kann schwanken.
Schlaf, Stress, emotionale Belastung, Umgebung, Reize, Motivation, Aufgabenstruktur und viele weitere Faktoren können beeinflussen, wie gut Aufmerksamkeit gerade funktioniert.
Bei ADHS kann eine stärkere intraindividuelle Variabilität hinzukommen. Die Forschung zur Reaktionszeitvariabilität ist dafür ein messbares Beispiel, ohne dass sie sämtliche Schwankungen des echten Alltags erklären könnte.
Das ist wichtig, weil inkonsistente Leistung von außen schnell wie fehlender Wille aussieht.
„Gestern ging es doch auch.“
Stimmt.
Das beweist nur leider nicht, dass heute dieselben Bedingungen vorliegen.
Aufmerksamkeit kann auch von außen gekapert werden
Dann gibt es noch die andere Seite.
Ich versuche, einen Text zu lesen.
Draußen fährt ein Auto vorbei.
Mein Handy leuchtet.
Irgendwo läuft Musik.
Ich erinnere mich plötzlich an etwas, das ich gestern machen wollte.
Und zwei Minuten später lese ich zwar noch immer denselben Absatz, bin gedanklich aber inzwischen bei einem völlig anderen Thema.
ADHS umfasst diagnostisch unter anderem Ablenkbarkeit. Im europäischen Konsensuspapier wird Distraktibilität ebenfalls als typisches Merkmal der Unaufmerksamkeit bei Erwachsenen aufgeführt.
Aber auch hier ist „zu wenig Aufmerksamkeit“ eigentlich keine besonders gute Beschreibung.
Denn während ich vom Text abgelenkt bin, ist meine Aufmerksamkeit nicht verschwunden.
Sie ist nur woanders.
Vielleicht beim Geräusch.
Beim Handy.
Beim Gedanken.
Bei der Erinnerung.
Das Problem kann also darin bestehen, welcher Information gerade Priorität gegeben wird und wie gut irrelevante Informationen zugunsten des aktuellen Ziels zurückgestellt werden können.
Dem Thema Ablenkbarkeit widmen wir deshalb noch einen eigenen Artikel.
Und manchmal kommt die Ablenkung von innen
Nicht jede Ablenkung klingelt, blinkt oder fährt am Fenster vorbei.
Ich kann in einem völlig ruhigen Raum sitzen und trotzdem den Faden verlieren.
Gedanken tauchen auf.
Erinnerungen.
Ideen.
Eine Frage führt zur nächsten.
Und plötzlich denke ich seit fünf Minuten über etwas nach, das mit meiner ursprünglichen Aufgabe überhaupt nichts zu tun hat.
Dieses sogenannte Mind-Wandering, also aufgabenunabhängiges Gedankenwandern, wird inzwischen intensiv im Zusammenhang mit ADHS untersucht.
Eine aktuelle Studie von 2026 mit medikationsnaiven Erwachsenen mit ADHS fand während einer länger dauernden Aufmerksamkeitsaufgabe häufigeres Mind-Wandering als in der Kontrollgruppe; besonders spontanes Gedankenwandern hing mit stärkerer ADHS-Symptomatik zusammen. Die Studie war mit jeweils 28 Personen pro Gruppe allerdings relativ klein und sollte deshalb nicht als alleiniger Beweis für ein allgemeingültiges Modell verstanden werden.
Auch dieses Thema bekommt später seinen eigenen Artikel.
Denn innere Ablenkung ist möglicherweise mindestens genauso interessant wie das Handy auf dem Tisch.
Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen lassen sich nicht sauber mit dem Lineal trennen
Hier berühren wir außerdem unsere gerade fertiggestellte Kategorie Exekutive Funktionen.
Um Aufmerksamkeit zielgerichtet einzusetzen, spielen mehrere Prozesse zusammen.
Ich muss ein Ziel im Blick behalten.
Irrelevante Handlungsimpulse zurückstellen.
Informationen möglicherweise im Arbeitsgedächtnis halten.
Meine Leistung überwachen.
Und gegebenenfalls erkennen, dass ich gerade abgeschweift bin und zurückkehren muss.
Deshalb ist es schwierig, alltägliche Situationen eindeutig einem einzigen kognitiven Bereich zuzuordnen.
War ich unaufmerksam?
Hat mein Arbeitsgedächtnis die Information verloren?
Bin ich einem anderen Reiz gefolgt?
War meine Motivation niedrig?
Oder war ich schlicht müde?
Die Antwort kann lauten:
Ja.
Nicht weil alles dasselbe wäre, sondern weil mehrere Systeme gleichzeitig an unserem Verhalten beteiligt sind.
Genau deshalb sollte ADHS auch nicht auf eine einzelne kognitive Schwäche reduziert werden. Die Forschung findet Gruppenunterschiede in verschiedenen neurokognitiven Bereichen, gleichzeitig gibt es große individuelle Unterschiede. Eine Übersicht über 34 Meta-Analysen fand Effekte über zahlreiche Domänen hinweg – von Vigilanz und Arbeitsgedächtnis bis zu Inhibition und Planung.
Es gibt also nicht den einen Test, der erklärt, wie „die Aufmerksamkeit eines ADHS-Gehirns“ funktioniert.
Intensiver Fokus widerspricht ADHS nicht automatisch
Und damit kommen wir zurück zum scheinbaren Widerspruch vom Anfang.
Wie kann jemand ADHS haben und sich gleichzeitig stundenlang konzentrieren?
Weil ADHS diagnostisch nicht bedeutet:
„Diese Person ist unfähig, Aufmerksamkeit zu erzeugen.“
Entscheidend sind anhaltende Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, die zu relevanten Beeinträchtigungen führen. Im Erwachsenenalter können sich diese Merkmale anders zeigen als im Kindesalter, und ihre Ausprägung variiert zwischen Menschen und Situationen.
Ein einzelner Nachmittag konzentrierter Arbeit sagt deshalb genauso wenig gegen ADHS aus wie ein chaotischer Nachmittag allein dafür spricht.
Entscheidend ist das Gesamtbild.
Den häufig verwendeten Begriff Hyperfokus schauen wir uns in einem eigenen Artikel genauer an. Denn auch dort lohnt es sich, zwischen persönlicher Erfahrung, populärer Sprache und wissenschaftlicher Evidenz zu unterscheiden.
Unterstützung bedeutet nicht, Aufmerksamkeit zu erzwingen
Wenn Aufmerksamkeit tatsächlich reguliert werden muss, ergibt sich daraus auch eine andere Frage für den Alltag.
Nicht nur:
„Wie zwinge ich mich, mich besser zu konzentrieren?“
Sondern:
„Unter welchen Bedingungen funktioniert meine Aufmerksamkeit besser?“
Das kann bedeuten, Ablenkungen zu reduzieren, Informationen schriftlich festzuhalten, Arbeitsphasen anders zu strukturieren oder die Umgebung anzupassen. Das europäische Konsensuspapier beschreibt solche Schwierigkeiten als Teil des klinischen Bildes; Leitlinien wie NICE sehen bei Erwachsenen mit relevanter Beeinträchtigung zudem individuell passende Umweltanpassungen sowie – je nach Situation – medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungen vor.
Auch die Forschung zu Medikamenten zeigt dabei einen interessanten Punkt: Eine Meta-Analyse von 2024 zu längerfristiger Behandlung fand bei Menschen mit ADHS unter Methylphenidat Verbesserungen in untersuchten kognitiven Bereichen wie Aufmerksamkeit, Inhibition, Reaktionszeit und Arbeitsgedächtnis; für Atomoxetin zeigten sich Verbesserungen in mehreren, aber nicht allen untersuchten Bereichen. Das ist kein Beleg dafür, dass Medikamente für jeden Menschen die richtige Lösung sind – aber ein weiterer Hinweis darauf, dass Aufmerksamkeitsleistung nicht einfach eine Frage des Wollens ist.
Welche Behandlung individuell sinnvoll und verträglich ist, gehört in fachliche medizinische Begleitung.
Vielleicht ist „Aufmerksamkeitsdefizit“ einfach ein missverständliches Wort
Der Begriff ADHS wird bleiben.
Aber das Wort Aufmerksamkeitsdefizit kann im Alltag eine Vorstellung erzeugen, die der tatsächlichen Erfahrung nicht besonders gerecht wird.
Als hätte jemand einen Aufmerksamkeitstank und bei ADHS wäre grundsätzlich zu wenig darin.
So eindeutig ist die Forschung nicht.
Wir sehen Hinweise auf Schwierigkeiten bei verschiedenen Aufmerksamkeits- und Regulationsprozessen, auf stärkere Leistungsschwankungen und auf Unterschiede in mehreren neurokognitiven Bereichen. Gleichzeitig sind die Befunde heterogen, und kein einzelnes kognitives Merkmal beschreibt alle Erwachsenen mit ADHS.
Vielleicht erklärt das auch einen der häufigsten scheinbaren Widersprüche:
Ich kann mich konzentrieren.
Manchmal sogar außergewöhnlich intensiv.
Ich kann nur nicht immer zuverlässig bestimmen, wann, worauf und wie lange.
Und das ist etwas völlig anderes als „zu wenig Aufmerksamkeit“.
Quellen & weiterführende Literatur
Kooij, J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34. Das Konsensuspapier beschreibt bei Erwachsenen unter anderem Schwierigkeiten beim Fokussieren, Aufrechterhalten und Wechseln der Aufmerksamkeit sowie bei der Regulation von Wachheit und Anstrengung. Es betont außerdem die Unterscheidung zwischen klinischen Alltagserfahrungen und neuropsychologischen Testbefunden.
European Consensus Statement bei Cambridge Core
Kofler, M. J. et al. (2013): Reaction time variability in ADHD: a meta-analytic review of 319 studies. Clinical Psychology Review, 33(6), 795–811. Die Meta-Analyse fand auch bei Erwachsenen mit ADHS eine erhöhte intraindividuelle Reaktionszeitvariabilität gegenüber Kontrollgruppen.
Pievsky, M. A. & McGrath, R. E. (2018): The Neurocognitive Profile of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Review of Meta-Analyses. Archives of Clinical Neuropsychology, 33(2), 143–157. Die Übersicht über 34 Meta-Analysen fand Unterschiede über verschiedene neurokognitive Bereiche hinweg; zu den stärkeren Befunden gehörten unter anderem Reaktionszeitvariabilität und Vigilanz.
Tamm, L. et al. (2012): Reaction time variability in ADHD: a review. Neurotherapeutics, 9, 500–508. Der Review diskutiert Reaktionszeitvariabilität und mögliche Aufmerksamkeitslücken, weist aber auch auf Grenzen der Interpretation und unterschiedliche Messmethoden hin.
Effects of mind-wandering on cognitive and neural processes: Identifying specific impairments in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder (2026). Aktuelle Untersuchung zu spontanem Mind-Wandering während einer länger dauernden Aufmerksamkeitsaufgabe bei Erwachsenen mit ADHS.
National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von ADHS einschließlich der Versorgung von Erwachsenen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.










