Ich erinnere mich an den Satz aus meiner Kindheit, der angeblich alles erklären sollte: Sei ein Mann. Er fiel nicht in einem Moment, in dem ich besonders mutig gewesen wäre. Ich war traurig. Und plötzlich schien diese Traurigkeit nicht mehr zu mir passen zu dürfen. Als ob sich mit einem Wort über mein Geschlecht entscheiden ließe, welche Gefühle ich zeigen darf.
Ich habe damals nicht verstanden, warum eine natürliche Reaktion erst einmal gegen eine Rolle geprüft werden muss. Wenn etwas weh tut, tut es weh. Wenn ich einen Verlust spüre, verschwinden die Gefühle nicht, nur weil jemand meint, ich sollte mich anders verhalten. Trotzdem habe ich gelernt, manches zurückzuhalten. Es schien einfacher, nicht zu zeigen, wie sehr mich etwas trifft, als anschließend auch noch dafür kritisiert zu werden, dass es mich getroffen hat.
In meinem Buch habe ich beschrieben, wie aus dieser unterdrückten Trauer später innerer Druck und Wut werden konnten. Ich möchte daraus keinen einfachen Mechanismus für alle Männer machen. Nicht jede Wut ist versteckte Trauer, und nicht jeder Mensch reagiert auf dieselben Sätze wie ich. Ich weiß nur, dass ich in bestimmten Momenten etwas anderes fühlte als das, was nach außen von mir erwartet wurde.
Ich durfte stark sein, durchhalten und weitermachen. Traurig sein schien dagegen eine Art Verstoß gegen eine Anleitung, die niemand mir je gezeigt hatte und nach der ich trotzdem beurteilt wurde. Das ist ein seltsames Spiel: Man soll erwachsen mit seinen Gefühlen umgehen, bekommt aber zugleich gesagt, einige davon hätten bei einem selbst nichts zu suchen.
„Sei ein Mann“: Ein Gefühl verschwindet nicht, weil es unpassend ist
Wenn ich heute zurückdenke, frage ich mich, was ich damals eigentlich hätte tun sollen. Sollte ich eine überzeugendere Miene aufsetzen? So tun, als wäre der Anlass nicht wichtig? Schnell eine Lösung finden, damit niemand länger mit meiner Traurigkeit konfrontiert ist? Es gibt keinen Schalter, an dem ich ein Gefühl in ein gesellschaftlich erwünschtes verwandeln kann.
Ich kann entscheiden, was ich damit tue. Ich kann mich zurückziehen, darüber sprechen oder warten, bis ich klarer sehe. Aber das Gefühl selbst fragt nicht nach dem passenden Rollenbild. Wenn ich versuche, es ausschließlich wegzudrücken, muss ich zusätzlich noch aufpassen, dass niemand merkt, wie viel Kraft mich genau dieses Verbergen kostet. Am Ende bin ich nicht weniger betroffen, sondern mit dem Betroffensein und seinem Verstecken gleichzeitig beschäftigt.
Ich habe lange gedacht, Härte sei der Preis dafür, ernst genommen zu werden. Wenn ich zugebe, dass mich etwas verletzt, mache ich mich angreifbar. Diese Erfahrung ist nicht aus der Luft gegriffen. Manchmal werden persönliche Dinge später gegen einen verwendet, manchmal kommt nur ein ungeduldiger Ratschlag zurück. Ich verstehe also, warum Menschen sich schützen.
Aber ich möchte unterscheiden, ob ich ein Gefühl bewusst privat halte oder ob ich glaube, es überhaupt nicht haben zu dürfen. Das erste ist eine Grenze, die ich selbst setze. Das zweite ist eine fremde Regel, die sich irgendwann in meinem Kopf eingerichtet hat. Ich muss nicht jedem Menschen meine verletzlichsten Seiten zeigen. Ich möchte nur nicht, dass ich sie vor mir selbst verstecken muss.
Wenn Wut sichtbar wird, weil Trauer keinen Platz bekam
Wut ist in meinem Erleben ein Gefühl, auf das andere sofort reagieren. Sie macht eine Grenze hörbar. Wenn ich traurig bin, kommt dagegen manchmal nur die Aufforderung, mich zusammenzureißen. Wenn ich lange genug versuche, etwas wegzuschieben, kann sich die Spannung verändern. Irgendwann werde ich ungeduldig, hart oder laut, obwohl ich ursprünglich gar keinen Streit wollte.
Dann sieht das Umfeld die Wut und reagiert auf sie. Der Anlass, der vorher dahinterlag, ist inzwischen fast verschwunden. Das ist für alle Beteiligten schwierig. Ich will damit keine verletzende Reaktion entschuldigen. Wenn ich jemanden anfahre, bleibt das meine Verantwortung. Aber ich möchte genauer hinschauen, statt aus dem letzten sichtbaren Gefühl zu schließen, dass vorher nichts anderes da war.
Was ich mir damals gewünscht hätte, wäre kein endloses Gespräch über meine Empfindungen gewesen. Vielleicht hätte ein schlichter Satz gereicht: Du darfst gerade traurig sein. Wir müssen das nicht sofort lösen. Ich muss daraus keine Regel ableiten, nach der jeder Mensch immer über alles sprechen soll. Manche möchten allein sein, andere brauchen eine Umarmung, wieder andere möchten erst Stunden später reden.
Ich hätte vor allem die Erlaubnis gebraucht, nicht in derselben Minute eine andere Rolle annehmen zu müssen. Wenn ein Junge traurig ist, muss man ihm nicht erst erklären, wie ein Junge sich gefälligst zu fühlen hat. Vielleicht könnte man zunächst fragen, was passiert ist. Das wäre bereits eine andere Erfahrung gewesen.
Ich will nicht ständig beweisen, dass ich stark bin
Heute fällt mir auf, wie viele Erwartungen sich an dieses eine Wort hängen. Stark sein, Verantwortung übernehmen, nicht jammern, sich durchbeißen. Ich kann Verantwortung tragen und trotzdem überfordert sein. Ich kann etwas aushalten und später traurig darüber werden. Ich kann einen Menschen schützen und selbst Unterstützung brauchen.
Keiner dieser Sätze widerspricht dem anderen. Ich möchte mich nicht mehr dafür rechtfertigen, dass meine Gefühle manchmal komplizierter sind als die Rolle, die andere mir zugedacht haben. Und ich möchte umgekehrt nicht jeden Mann in eine Geschichte über unterdrückte Gefühle hineinziehen. Ich schreibe über meine Erfahrung. Bei anderen kann es anders gewesen sein.
Wenn ich bei anderen Menschen Traurigkeit wahrnehme, möchte ich deshalb vorsichtiger sein mit den Sätzen, die ich selbst so oft gehört habe. Ich muss nicht das Richtige über ihre Gefühle wissen und ich muss sie nicht durch ein Gespräch führen, wenn sie keines möchten. Ich kann aber vermeiden, ihnen ausgerechnet die Rolle aufzuerlegen, die mir früher selbst so wenig geholfen hat.
Ein Mann, der schweigt, ist nicht automatisch gelassen. Einer, der weint, muss nicht erst wieder stark werden, bevor man normal mit ihm spricht. Und einer, der ärgerlich reagiert, lässt sich vielleicht besser verstehen, wenn wir später auch die Gefühle davor anschauen, statt nur den lautesten Moment zum ganzen Menschen zu erklären.
Traurigkeit muss kein Versagen bedeuten
Vielleicht ist die wichtigste Veränderung für mich, dass ich Traurigkeit nicht mehr als Vorstufe eines Versagens sehen möchte. Sie ist zunächst ein Hinweis darauf, dass mir etwas nahegeht. Was ich daraus mache, muss ich erst später entscheiden. Ich darf ein Gefühl ernst nehmen, ohne es zur endgültigen Erklärung meines Lebens zu machen.
Und ich darf eine Grenze ziehen, wenn jemand meine Offenheit nicht gut behandelt. Aber die alte Rechnung, nach der ein Mann seine Trauer am besten dadurch bewältigt, dass er sie nicht zeigt, möchte ich nicht länger übernehmen. Sie hat mir nicht beigebracht, gelassener zu werden. Sie hat mir vor allem beigebracht, mehr zu verbergen. Dass unter der Oberfläche trotzdem etwas weiterarbeitet, habe ich irgendwann deutlich genug gemerkt.





