Fünf Minuten können erstaunlich lang sein, wenn nichts passiert. Und manchmal wird eine kleinere Lösung sofort attraktiver, nur weil die bessere Lösung irgendwo hinter dem Wort „später“ liegt.
Warten klingt zunächst nach einer ziemlich simplen Tätigkeit. Eigentlich muss man dabei nicht einmal besonders viel tun. Genau genommen besteht die Aufgabe sogar darin, etwas nicht zu tun: nicht anfangen, nicht weitergehen, nicht sofort reagieren und nicht die Alternative nehmen, die jetzt verfügbar wäre.
Trotzdem kann Warten ausgesprochen anstrengend sein. Die Schlange bewegt sich nicht. Eine Website lädt. Jemand schreibt „Bin in fünf Minuten da“, und diese fünf Minuten entwickeln plötzlich eine erstaunliche zeitliche Elastizität. Oder ich könnte etwas sofort bekommen, wenn ich mich mit einer weniger guten Lösung zufriedengebe. Die bessere Variante gäbe es später.
Im Zusammenhang mit ADHS wird dieses Phänomen seit Jahrzehnten untersucht. Dabei tauchen zwei Begriffe besonders häufig auf: Delay Discounting und Delay Aversion. Sie hängen miteinander zusammen, bedeuten aber nicht dasselbe.
Und nein, die wissenschaftliche Erklärung lautet nicht einfach: „Das ADHS-Gehirn braucht sofort Dopamin.“
So praktisch dieser Satz für Social Media auch sein mag.
Eine Belohnung verändert ihren Wert, wenn wir darauf warten müssen
Stell dir vor, du könntest zwischen zwei Möglichkeiten wählen: 50 Franken heute oder 70 Franken in vier Wochen.
Die 70 Franken sind objektiv mehr. Trotzdem kann die sofort verfügbare kleinere Summe subjektiv attraktiver sein. Je weiter eine Belohnung in der Zukunft liegt, desto stärker kann ihr gegenwärtiger subjektiver Wert sinken.
Dieser Vorgang wird als Delay Discounting oder zeitliche Diskontierung bezeichnet.
Das ist zunächst einmal kein ADHS-Phänomen. Menschen bewerten unmittelbare und zukünftige Belohnungen grundsätzlich unterschiedlich. Wie stark zukünftige Belohnungen abgewertet werden, unterscheidet sich jedoch zwischen Personen und Situationen.
Bei ADHS findet die Forschung im Durchschnitt eine stärkere Tendenz, kleinere unmittelbare gegenüber größeren verzögerten Belohnungen zu bevorzugen. Eine Meta-Analyse von 21 unabhängigen Untersuchungen mit insgesamt 3.913 Teilnehmenden fand einen Gruppenunterschied mittlerer Größe zwischen Menschen mit ADHS und Kontrollgruppen. Die Stärke dieses Unterschieds unterschied sich in dieser Analyse nicht signifikant zwischen jüngeren und erwachsenen Stichproben.
Das ist ein relativ stabiler Befund.
Es bedeutet aber nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich unfähig wären, langfristig zu planen oder auf etwas zu warten.
„Später“ kann erstaunlich teuer werden
Delay Discounting lässt sich vielleicht am besten als eine Art subjektiver Preis für Zeit verstehen. Je länger ich auf etwas warten muss, desto weniger attraktiv kann es sich jetzt anfühlen.
Dabei geht es nicht darum, dass jemand mathematisch nicht versteht, dass 70 mehr als 50 ist. Die Person kann vollkommen korrekt erkennen, welche Option objektiv den größeren Wert besitzt.
Die Frage ist vielmehr, welchen subjektiven Wert diese 70 Franken heute haben, wenn sie erst in vier Wochen verfügbar werden.
Das lässt sich auf viele Alltagssituationen übertragen. Eine langfristig bessere Entscheidung kann mit einer unmittelbaren Anstrengung oder Wartezeit verbunden sein. Eine weniger günstige Alternative liefert dagegen sofort ein Ergebnis.
Der Unterschied zwischen diesen Optionen besteht dann nicht nur in ihrem objektiven Nutzen.
Er besteht auch in der Zeit.
Und Zeit ist für unser Entscheidungssystem nicht kostenlos.
Bei ADHS zeigt sich dieser Unterschied in verschiedenen Aufgaben
Eine weitere Meta-Analyse verglich zwei unterschiedliche experimentelle Verfahren zur Untersuchung impulsiver Entscheidungen. Insgesamt gingen 37 Gruppenvergleiche mit 3.763 Teilnehmenden ein.
In beiden Aufgabentypen wählten Menschen mit ADHS im Durchschnitt häufiger kleinere unmittelbare gegenüber größeren verzögerten Belohnungen als Kontrollpersonen. Die Effekte lagen im kleinen bis mittleren Bereich. Interessanterweise wurde der Unterschied bei einem der untersuchten Verfahren größer, wenn tatsächlich reale Belohnungen statt nur hypothetischer Belohnungen verwendet wurden.
Das ist wichtig, weil es zeigt, dass der Kontext einer Entscheidung eine Rolle spielen kann.
Eine hypothetische Frage wie „Was würdest du wählen?“ ist eben nicht zwangsläufig dasselbe wie eine Situation, in der ich die kleinere Belohnung tatsächlich jetzt bekommen könnte.
Das dürfte außerhalb eines Labors niemanden völlig überraschen.
Auf dem Papier bin ich ebenfalls ausgesprochen vernünftig.
Delay Discounting und Delay Aversion sind nicht dasselbe
Jetzt kommt die entscheidende Unterscheidung.
Delay Discounting beschreibt, wie stark der subjektive Wert einer Belohnung mit zunehmender Wartezeit sinkt.
Delay Aversion beschreibt dagegen die Annahme, dass die Verzögerung selbst als unangenehm beziehungsweise aversiv erlebt wird und deshalb möglichst vermieden werden soll.
Das klingt ähnlich, führt aber zu unterschiedlichen Erklärungen.
Bei Delay Discounting könnte ich die sofortige Option wählen, weil die spätere Belohnung für mich subjektiv weniger wertvoll geworden ist.
Bei Delay Aversion könnte ich dieselbe Option wählen, weil ich damit das Warten vermeiden kann.
Von außen sieht die Entscheidung identisch aus.
Der zugrunde liegende Prozess muss es nicht sein.
Die Delay-Aversion-Hypothese wurde insbesondere durch Arbeiten von Edmund Sonuga-Barke und Kollegen geprägt. Sie versteht die Vermeidung von Verzögerung als einen motivationalen Weg, der bei einem Teil der Menschen mit ADHS zur Symptomatik beitragen könnte. Gleichzeitig wurde schon in diesen Modellen betont, dass ADHS heterogen ist und sich nicht auf einen einzigen kognitiven oder motivationalen Mechanismus reduzieren lässt.
Warten kann selbst zum Problem werden
Das macht einen interessanten Unterschied für den Alltag.
Vielleicht möchte ich gar nicht unbedingt die kleinere Belohnung.
Vielleicht möchte ich einfach, dass jetzt etwas passiert.
Eine Schlange ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Wenn ich zwanzig Minuten warten muss, bekomme ich am Ende keine größere Belohnung. Ich stehe einfach zwanzig Minuten herum.
Der unangenehme Teil ist die Verzögerung selbst.
Das kann sich als Unruhe zeigen, als Drang, etwas anderes zu tun, als zunehmende Gereiztheit oder als Wunsch, die Situation möglichst schnell zu verlassen. Es kann dazu führen, dass eine weniger günstige Alternative attraktiver wird, wenn sie die Wartezeit beendet.
Ein früher Fragebogen zur Erfassung verzögerungsbezogenen Verhaltens bei Erwachsenen unterschied deshalb ausdrücklich zwei Dimensionen: Delay Aversion und Delay Discounting. In einer Stichprobe von 575 Erwachsenen zeigten beide Skalen unterschiedliche Zusammenhänge mit ADHS-, Angst- und Depressionsmerkmalen. Die Autoren betonten allerdings, dass weitere Validierung in klinisch diagnostizierten Stichproben notwendig sei.
Schon daran sieht man: Selbst innerhalb des Themas „Warten“ gibt es nicht nur einen einzigen Prozess.
Aber nicht jedes Warten ist gleich
Auch die Situation verändert, wie schwer eine Verzögerung erlebt wird.
Zehn Minuten auf einen Zug zu warten, während ich etwas Interessantes lesen kann, sind nicht zwangsläufig dieselben zehn Minuten wie zehn Minuten vor einem geschlossenen Schalter ohne Beschäftigung.
Objektiv verstreicht exakt dieselbe Zeit.
Subjektiv kann sie vollkommen anders aussehen.
Wenn Aufmerksamkeit gebunden ist, etwas passiert oder ich weiß, wie lange die Wartezeit dauert, kann eine Verzögerung anders erlebt werden als in einer offenen Situation ohne klare zeitliche Grenze.
Das bedeutet nicht, dass jede Schwierigkeit beim Warten auf Delay Aversion zurückzuführen wäre. Aufmerksamkeit, Langeweile, Zeitwahrnehmung, emotionale Regulation und Impulsivität können ebenfalls eine Rolle spielen.
Genau deshalb ist die einfache Erklärung „Menschen mit ADHS können nicht warten“ wenig hilfreich.
Die interessantere Frage lautet:
Was macht das Warten in dieser konkreten Situation schwierig?
Manchmal geht es gar nicht um Ungeduld
Von außen wird Warten schnell als Charakterfrage interpretiert.
„Sei doch nicht so ungeduldig.“
Dabei beschreibt Ungeduld zunächst nur, wie das Verhalten aussieht. Sie erklärt nicht, wodurch es entsteht.
Vielleicht wird eine verzögerte Belohnung subjektiv schneller entwertet. Vielleicht ist die Verzögerung selbst unangenehm. Vielleicht entsteht während des Wartens Unterstimulation. Vielleicht fällt es schwer, die Aufmerksamkeit sinnvoll zu binden. Vielleicht ist die Dauer unklar. Vielleicht erzeugt das Warten starke innere Unruhe.
Oder ich bin schlicht ungeduldig.
Auch das darf vorkommen.
Nicht jede menschliche Eigenart benötigt sofort eine neuropsychologische Erklärung.
Sofort ist nicht automatisch irrational
Bei Delay-Discounting-Aufgaben wird die Wahl der kleineren unmittelbaren Belohnung häufig als impulsive choice bezeichnet. Das kann leicht den Eindruck erzeugen, die verzögerte Option sei grundsätzlich die vernünftigere.
Im echten Leben stimmt das nicht immer.
50 Franken heute können sinnvoller sein als 70 Franken in vier Wochen, wenn ich heute dringend eine Rechnung bezahlen muss. Eine sofort verfügbare, etwas schlechtere Lösung kann vernünftig sein, wenn eine Verzögerung zusätzliche Kosten verursacht. Und zukünftige Belohnungen sind in der Realität oft mit Unsicherheit verbunden.
Experimentelle Aufgaben versuchen solche Faktoren möglichst stark zu kontrollieren.
Der Alltag tut uns diesen Gefallen nicht.
Deshalb dürfen Ergebnisse aus Delay-Discounting-Experimenten nicht einfach in die Aussage übersetzt werden, Menschen mit ADHS würden schlechtere finanzielle Entscheidungen treffen.
Die Forschung zeigt eine durchschnittlich stärkere Präferenz für unmittelbare Belohnungen unter bestimmten experimentellen Bedingungen. Das ist wesentlich präziser.
Auch bei Erwachsenen ist das Bild nicht völlig einheitlich
Gerade weil viele frühe Studien zu Delay Aversion und impulsiven Entscheidungen mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden, ist bei Aussagen über Erwachsene Vorsicht sinnvoll.
Eine Meta-Analyse zu Entscheidungsprozessen bei Erwachsenen mit ADHS wertete 59 Studien aus, darunter Untersuchungen verschiedener Formen belohnungsbasierter Entscheidungen. Insgesamt zeigten sich robuste Unterschiede kleiner bis mittlerer Größe. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Schwierigkeiten in bestimmten Entscheidungsbereichen bei Erwachsenen mit ADHS ähnlich relevant sein können wie Unterschiede in Aufmerksamkeitsmaßen.
Einzelne Studien finden jedoch nicht in jeder Aufgabe einen Verhaltensunterschied. Eine bildgebende Untersuchung mit Erwachsenen fand beispielsweise Unterschiede der neuronalen Aktivierung während einer Delay-Discounting-Aufgabe, aber keinen entsprechend deutlichen Gruppenunterschied im tatsächlichen Discounting-Verhalten.
Das widerspricht der Meta-Analyse nicht zwangsläufig.
Es zeigt vielmehr, warum einzelne Studien und Gruppenmittel nicht dasselbe sind wie eine universelle Eigenschaft jedes Menschen mit ADHS.
Und nein, wir brauchen dafür keine Dopamin-Tankanzeige
Bei Belohnung und ADHS dauert es im Internet meist nicht lange, bis Dopamin auftaucht.
Dopaminerge Systeme spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle bei Motivation, Lernen und Belohnungsverarbeitung und sind für neurobiologische Modelle von ADHS relevant.
Daraus folgt aber nicht:
„Menschen mit ADHS wählen sofortige Belohnungen, weil ihr Gehirn zu wenig Dopamin hat.“
Delay Discounting entsteht aus komplexen Bewertungs- und Entscheidungsprozessen. Auch die neurowissenschaftliche Forschung untersucht dabei Netzwerke und mehrere beteiligte Systeme, nicht einen einzelnen „Belohnungsknopf“. Eine Meta-Analyse bildgebender Studien über verschiedene Erkrankungen hinweg betrachtet erhöhtes Delay Discounting sogar als einen möglichen transdiagnostischen Prozess, der neben ADHS unter anderem auch bei Suchterkrankungen untersucht wird.
Stärkeres Delay Discounting ist also weder exklusiv für ADHS noch ein direkter Dopamin-Test.
Wir können über Dopamin reden.
Nur bitte nicht so, als hätte das Gehirn oben rechts eine Tankanzeige.
Warum „Du musst nur lernen zu warten“ wenig erklärt
Natürlich kann man warten lernen. Menschen entwickeln Strategien, Erfahrungen verändern Entscheidungen und Verhalten ist nicht unveränderlich.
Aber „warte einfach“ beschreibt wiederum nur das gewünschte Ergebnis.
Wenn eine Verzögerung selbst unangenehm ist oder eine spätere Belohnung subjektiv schnell an Wert verliert, muss eine hilfreiche Strategie genau dort ansetzen.
Eine große zukünftige Belohnung kann beispielsweise abstrakt bleiben. Ein näherer Zwischenschritt ist dagegen unmittelbar sichtbar. Eine offene Wartezeit kann schwerer auszuhalten sein als ein klarer Countdown. Eine Phase ohne Beschäftigung kann anders erlebt werden als dieselbe Zeit mit einer konkreten Tätigkeit.
Das bedeutet nicht, dass diese Dinge bei jedem Menschen mit ADHS funktionieren. Es zeigt nur, dass die Gestaltung einer Verzögerung beeinflussen kann, wie sie erlebt wird.
Manchmal muss die Zukunft ein bisschen näher heranrücken, damit sie im Jetzt überhaupt Konkurrenz bekommt.
Das kann auch Selbstorganisation beeinflussen
Hier berührt das Thema unsere früheren Artikel.
Viele Aufgaben haben ihre Belohnung nicht am Anfang.
Die Steuererklärung fühlt sich beim Öffnen des ersten Formulars erstaunlicherweise noch nicht erledigt an. Eine aufgeräumte Wohnung existiert erst nach dem Aufräumen. Ein abgeschlossenes Projekt ist möglicherweise Wochen entfernt.
Die unmittelbaren Alternativen sind dagegen ausgesprochen präsent.
Das Smartphone funktioniert jetzt.
Das neue Thema ist jetzt interessant.
Die andere Aufgabe liefert jetzt ein kleines Erfolgserlebnis.
Delay Discounting allein erklärt deshalb keine Prokrastination oder Schwierigkeiten der Aufgabeninitiierung. Dafür sind diese Phänomene viel zu komplex.
Aber die zeitliche Entfernung eines Ergebnisses kann ein Teil davon sein, warum unmittelbare Alternativen im jeweiligen Moment so konkurrenzfähig werden.
Dann konkurrieren nicht nur zwei Tätigkeiten.
Es konkurrieren auch zwei Zeitpunkte.
Warten ist nicht automatisch Zeitverschwendung
Das klingt banal, ist aber im Alltag interessant: Wartezeit wird häufig als leere Zeit erlebt.
Dabei kann man sie unterschiedlich strukturieren.
Wenn ich weiß, dass etwas zehn Minuten dauert, kann ich entscheiden, was in diesen zehn Minuten passiert. Wenn ich dagegen jederzeit damit rechne, dass es „gleich“ weitergeht, bleibe ich möglicherweise innerlich in Bereitschaft.
Das ist besonders bei unklaren Wartezeiten relevant.
„Der Techniker kommt zwischen 8 und 12 Uhr“ ist formal eine Zeitangabe.
Psychologisch ist es eher eine Drohung.
Vier Stunden sind verfügbar, aber gleichzeitig auch nicht verfügbar, weil jederzeit etwas passieren könnte.
Das ist kein spezifischer ADHS-Befund. Aber es zeigt sehr schön, warum Dauer allein nicht bestimmt, wie belastend Warten ist.
Vorhersagbarkeit, Kontrolle und die Möglichkeit, die Zwischenzeit zu nutzen, verändern die Situation.
Nicht jeder mit ADHS hasst Warten
Auch hier gilt: ADHS ist heterogen.
Ein Mensch kann problemlos mehrere Monate auf etwas warten, das ihm wichtig ist, und gleichzeitig nach drei Minuten in einer Warteschlange nervös werden. Jemand anderes kann langfristig sparen, aber bei kleinen Entscheidungen sehr stark auf unmittelbare Optionen reagieren.
Das ist kein Widerspruch.
Delay Discounting wird von Kontext, Art der Belohnung, tatsächlicher Wartezeit und weiteren Faktoren beeinflusst. Die Forschung zeigt Unterschiede auf Gruppenebene, keine feste persönliche Eigenschaft, die in jeder Situation gleich stark vorhanden sein muss.
Deshalb sollten wir aus einem Laborbefund auch keine neue Identität bauen.
„Ich habe ADHS, deshalb kann ich nicht warten“ ist genauso ungenau wie „Wenn du wirklich willst, kannst du problemlos warten.“
Beides macht aus einem komplexen Prozess eine absolute Aussage.
Vielleicht ist „später“ manchmal einfach zu weit weg
Warten bei ADHS ist also mehr als Ungeduld.
Forschung zeigt relativ konsistent, dass Menschen mit ADHS im Durchschnitt kleinere unmittelbare gegenüber größeren verzögerten Belohnungen häufiger wählen. Gleichzeitig gibt es verschiedene Erklärungsmodelle dafür. Delay Discounting beschreibt die Abwertung zukünftiger Belohnungen. Delay Aversion betont dagegen das mögliche unangenehme Erleben der Verzögerung selbst. Beide Konzepte sollten nicht einfach gleichgesetzt werden.
Und auch diese Prozesse erklären nicht jede Situation, in der ein Mensch mit ADHS ungeduldig wird.
Manchmal ist Warten langweilig.
Manchmal ist es unvorhersehbar.
Manchmal konkurriert eine entfernte Belohnung mit etwas, das unmittelbar verfügbar ist.
Und manchmal sind fünf Minuten einfach fünf Minuten zu viel.
Vielleicht ist das eigentliche Problem dann nicht, dass die Zukunft unwichtig wäre.
Sie steht nur gerade ziemlich weit hinten in der Schlange.
Quellen & weiterführende Literatur
Jackson, J. N. S. & MacKillop, J. (2016): Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Monetary Delay Discounting: A Meta-Analysis of Case-Control Studies. Die Meta-Analyse umfasste 21 unabhängige Untersuchungen mit insgesamt 3.913 Personen und fand stärkeres Delay Discounting bei ADHS mit einer mittleren Effektstärke von d = 0,43.
Patros, C. H. G. et al. (2018): ADHD and the Choice of Small Immediate Over Larger Delayed Rewards: A Comparative Meta-Analysis of Performance on Simple Choice-Delay and Temporal Discounting Paradigms. Die Analyse von 37 Gruppenvergleichen mit 3.763 Teilnehmenden fand in beiden untersuchten Paradigmen eine stärkere Präferenz für kleinere unmittelbare Belohnungen bei ADHS.
Sonuga-Barke, E. J. S. et al. (2010): Context-dependent dynamic processes in attention deficit/hyperactivity disorder: differentiating common and unique effects of state regulation deficits and delay aversion. Der Review ordnet Delay Aversion als einen möglichen kontextabhängigen motivationalen Prozess innerhalb heterogener ADHS-Modelle ein.
Clare, S. et al. (2010): The Quick Delay Questionnaire: a measure of delay aversion and discounting in adults. Die Validierungsstudie mit 575 Erwachsenen unterschied Delay Aversion und Delay Discounting als zwei separate Dimensionen verzögerungsbezogenen Verhaltens.
Dekkers, T. J. et al. (2016): A meta-analysis of decision-making and attention in adults with ADHD. Die Übersichtsarbeit fand bei Erwachsenen mit ADHS robuste kleine bis mittlere Gruppenunterschiede in verschiedenen Bereichen belohnungsbezogener Entscheidungen.
Gelino, B. W. et al. (2024): A systematic review and meta-analysis of test-retest reliability and stability of delay and probability discounting. Die Analyse von 30 Publikationen untersuchte die Zuverlässigkeit und zeitliche Stabilität von Discounting-Messungen und zeigt zugleich, wie stark die Messqualität vom verwendeten Verfahren und Kontext abhängen kann.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.










