Über mich

Eigentlich wollte ich nur eine kleine Facebook-Gruppe gründen …

Hallo zusammen,

ich bin Jens, knackige 47 Jahre alt (sagen meine Knie), und habe erst mit 46 erfahren, dass ich im Spektrum bin und ADHS habe.

Wie es dazu kam und warum daraus inzwischen eine Website geworden ist? Tja, eigentlich wollte ich wirklich nur eine kleine Facebook-Gruppe gründen. Aber ich glaube, ich muss da ein bisschen weiter vorne anfangen.

Irgendwie war ich schon immer anders

Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich manchmal, wieso das eigentlich so lange niemandem aufgefallen ist. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass ich selbst auch nicht wirklich auf die Idee gekommen bin.

Als Kind war ich schon irgendwie anders. Mein Kopf war ständig in Bewegung, bei vielem oft schon drei Schritte weiter und gleichzeitig habe ich die einfachsten und normalsten Dinge nicht auf die Kette bekommen. Manches habe ich sofort verstanden, bei anderen Dingen stand ich da und dachte mir: Was wollen die eigentlich alle von mir? Ich habe Dinge wahrgenommen, die anderen offenbar gar nicht aufgefallen sind. Und umgekehrt schienen alle anderen irgendwelche Selbstverständlichkeiten zu beherrschen, für die ich offensichtlich keine Bedienungsanleitung mitbekommen hatte.

Das zog sich irgendwie durch mein ganzes Leben. Ich habe immer versucht, mich anzupassen, so zu sein wie mein Umfeld. Normal halt. Was auch immer normal eigentlich bedeutet. Ich habe gearbeitet, Beziehungen geführt, Entscheidungen getroffen, Fehler gemacht und mein Leben mal besser, mal nicht so auf die Reihe bekommen. Zumindest sah es von aussen meistens so aus.

Dass mich manche Dinge unglaublich viel Kraft gekostet haben, hat selten jemand gemerkt. Auch ich selbst habe lange nicht wirklich kapiert, warum mir manches so schwerfiel. Andere machen das doch auch. Also warum bekomme ich das nicht hin?

Dafür konnte ich mich stundenlang mit irgendwelchen Dingen beschäftigen, die mich gerade interessiert haben. Wenn mich etwas gepackt hat, dann richtig. Da konnte der Rest der Welt auch mal warten. Blöd nur, dass der Rest der Welt das meistens anders gesehen hat.

Ich habe lange gedacht, dass ich mich einfach mehr anstrengen müsste. Mich besser organisieren, weniger nachdenken, mich nicht immer von allem ablenken lassen. Die üblichen gut gemeinten Ratschläge eben. Hat nur irgendwie nie dauerhaft funktioniert.

Und irgendwann ging es dann einfach nicht mehr.

was mit mir los ist

Ich habe angefangen, selbst nach Antworten zu suchen, viel zu lesen und zu recherchieren. Irgendwann bin ich auf den Begriff «Hypersensibilität» gestossen und dachte: Ja, das passt. Endlich hatte ich etwas gefunden, mit dem ich zumindest einen Teil meiner Erfahrungen erklären konnte.

Ich habe mich daraufhin mehr mit meiner Vergangenheit beschäftigt. Mit den Dingen, die ich erlebt hatte, mit meinen Gedanken und damit, warum ich in manchen Situationen so reagiert habe, wie ich eben reagiert habe. Und ich habe angefangen zu schreiben.

Eigentlich wollte ich damit nur meine Gedanken sortieren. Wobei das bei meinem Kopf ungefähr so funktioniert, als würde man versuchen, einen Sack Flöhe nach Körpergrösse zu ordnen. Aber es hat mir geholfen, die ganzen Gedanken, die sonst ständig in meinem Kopf herumgeisterten, irgendwo abzulegen und mich mit ihnen zu beschäftigen.

Aus dieser ganzen Schreiberei ist irgendwann mein Buch «Zu schnell für Euch» entstanden. Damals wusste ich noch nichts von meinen späteren Autismus- und ADHS-Diagnosen. Ich habe einfach versucht, mein Leben und meine Erfahrungen irgendwie zu verstehen und in Worte zu fassen.

Rückblickend ist das schon ein bisschen verrückt. Da schreibt man ein Buch über sich selbst, versucht zu erklären, warum man so ist, wie man ist, und bekommt erst danach eine Erklärung, die vieles noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Aber so war es nun mal.

46 Jahre. Und plötzlich hat das Ganze einen Namen.

Aufgrund anderer Geschichten musste beziehungsweise durfte ich diverse Arzttermine, Untersuchungen und Fehldiagnosen über mich ergehen lassen. Ich erspare euch an dieser Stelle die ganze medizinische Odyssee. Das würde den Rahmen hier dann doch etwas sprengen. Und ich glaube, mein Körper hat inzwischen mehr Untersuchungen hinter sich als so manches Gebrauchtfahrzeug beim TÜV.

Jedenfalls hatte ich irgendwann das grosse Glück, an einen wirklich guten Arzt zu geraten. Und so bekam ich mit 46 Jahren schliesslich meine Autismus- und ADHS-Diagnosen.

46 Jahre lang habe ich mich gefragt, was eigentlich mit mir los ist. Warum ich in manchen Dingen so anders funktioniere, warum mir manches so leichtfällt und andere, völlig alltägliche Dinge unglaublich schwerfallen. Und dann bekommt das Ganze plötzlich einen Namen. Einen ziemlich grossen sogar.

Ich glaube, man kann sich nur schwer vorstellen, was das mit einem macht, wenn man nicht selbst in dieser Situation war. Einerseits ist da die Erleichterung, endlich eine Erklärung für Dinge zu haben, über die man sich sein halbes Leben lang den Kopf zerbrochen hat. Andererseits fängt man plötzlich an, sein bisheriges Leben noch einmal durchzugehen. Die Kindheit, die Arbeit, die Beziehungen und all die Situationen, in denen man sich gefragt hat, warum man schon wieder anders reagiert als alle anderen.

Natürlich fragt man sich auch, wie das eigene Leben wohl verlaufen wäre, wenn man das alles schon früher gewusst hätte. Hätte ich manche Entscheidungen anders getroffen? Wäre mir vielleicht einiges erspart geblieben? Keine Ahnung. Ich werde es wohl auch nie erfahren.

Mit den Diagnosen war natürlich nicht auf einmal alles schick. Mein Alltag hat sich dadurch nicht über Nacht verändert und meine Schwierigkeiten waren ja immer noch da. Nur weil ich jetzt weiss, warum mein Kopf manchmal macht, was er will, hält er sich deswegen noch lange nicht an irgendwelche Absprachen. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

Aber ich konnte langsam besser verstehen, warum mein Leben so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Und vor allem konnte ich anfangen, manche Dinge anders zu betrachten. Nicht mehr ständig nur mit der Frage, warum ich etwas nicht hinbekomme, sondern auch damit, was ich eigentlich brauche, damit es für mich funktioniert.

Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit. Nach 46 Jahren ist es das aber nicht unbedingt. Und ich bin damit auch noch lange nicht fertig.

mit uns Erwachsenen?

Nach meinen Diagnosen habe ich angefangen, mich immer mehr mit Autismus und ADHS zu beschäftigen. Ich habe gelesen, recherchiert, Informationen gesammelt und versucht, das alles irgendwie auf mein eigenes Leben zu übertragen.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es zwar unglaublich viele Informationen über Autismus und ADHS gibt, sich aber gefühlt ein grosser Teil davon um Kinder dreht. Schule, Erziehung, Eltern, Hausaufgaben … Alles wichtige Themen, keine Frage. Aber was ist eigentlich mit uns Erwachsenen?

Mit denen, die vielleicht schon 30, 40, 50 oder noch mehr Jahre auf dem Buckel haben und gerade erst erfahren, warum sie ihr halbes Leben lang mit manchen Dingen zu kämpfen hatten? Was ist mit den Schwierigkeiten im Berufsleben, mit Beziehungen, dem ganz normalen Alltag und der ständigen Anpassung? Mit all den Dingen, die uns unglaublich viel Kraft kosten, obwohl andere vielleicht gar kein Problem damit haben?

Und was ist mit den Menschen, die ihre Diagnosen schon länger haben, aber trotzdem immer wieder vor neuen Herausforderungen stehen?

Ich wollte mich mit anderen Erwachsenen austauschen, ihre Erfahrungen hören und vielleicht auch mal feststellen, dass ich mit irgendeiner meiner Macken gar nicht so allein bin, wie ich immer dachte. Vor allem wollte ich aber einen Ort, an dem nicht ständig jemand erklärt, wie wir gefälligst zu funktionieren haben. Davon hatte ich schliesslich lange genug.

Jeder von uns ist anders. Was dem einen hilft, bringt den anderen vielleicht überhaupt nicht weiter. Was für den einen eine Kleinigkeit ist, kann für jemand anderen eine riesige Herausforderung sein. Und nur weil zwei Menschen dieselbe Diagnose haben, müssen sie noch lange nicht dieselben Schwierigkeiten haben.

Deshalb wollte ich einen Ort für uns Erwachsene schaffen, an dem es um unsere Erfahrungen geht, um die Dinge, mit denen wir im Alltag zu tun und zu kämpfen haben, aber eben auch darum, was uns hilft. Individuell, ohne Schublade, ohne «das muss so oder so sein».

Also dachte ich mir, ich gründe einfach eine Facebook-Gruppe. Eigentlich eine ziemlich überschaubare Angelegenheit. Dachte ich.

Aus einer kleinen Idee wurde AuDHS bei Erwachsenen

Wie gesagt: Eigentlich wollte ich nur eine kleine Facebook-Gruppe gründen. Dann kam mir die Idee, dass eine Website vielleicht auch ganz praktisch wäre. Schliesslich hatte ich inzwischen selbst so viel gelesen und recherchiert, dass ich einen Teil davon auch für andere aufbereiten könnte.

Also habe ich angefangen, Wissensartikel zu schreiben. Dann dachte ich mir, dass ein paar kostenlose Hilfsmittel für den Alltag vielleicht auch nicht schlecht wären. Daraus wurde die Werkzeugkiste mit ihren Downloads.

Und irgendwann kam auch noch Reizi dazu. Eine kleine Comicfigur, mit der ich typische Situationen aus unserem Alltag aufgreife. Manchmal etwas überspitzt, manchmal mit einem Augenzwinkern und manchmal einfach nur so, wie es eben ist.

Tja. Soviel zum Thema, ich mache mal eben etwas Kleines.

Inzwischen gibt es also eine Facebook-Gruppe, eine Website, Wissensartikel, kostenlose Downloads, persönliche Gedanken und Reizi. Und gefühlt alle fünf Minuten fällt mir noch irgendetwas ein, das man auch noch machen könnte. Vielleicht kennt das ja der eine oder andere.

So ist jedenfalls «AuDHS bei Erwachsenen» entstanden. Nicht als grosses Geschäftsmodell und auch nicht, weil ich plötzlich beschlossen hätte, die Welt mit meinen Erkenntnissen zu beglücken. Sondern weil ich mir selbst einen Ort gewünscht hätte, an dem ich mich mit meinen Erfahrungen wiederfinden kann.

Einen Ort, an dem es um uns Erwachsene geht. Um Autismus, ADHS und das Zusammenspiel von beidem. Aber auch um die ganz normalen Dinge des Lebens, die bei uns manchmal eben nicht ganz so normal ablaufen.

Und jetzt?

Ich bin weder Arzt noch Therapeut und habe auch nicht auf alles eine Antwort. Schon gar nicht DIE Antwort. Ich bin einfach Jens, 47 Jahre alt, spät diagnostiziert und selbst noch dabei, vieles zu verstehen und meinen eigenen Weg zu finden.

Es gibt Tage, an denen ich ziemlich gut zurechtkomme, und es gibt Tage, an denen schon die einfachsten Dinge mehr Kraft kosten, als ich eigentlich zur Verfügung habe. Die Diagnosen haben mir geholfen, vieles besser einzuordnen, aber sie haben nicht plötzlich alle Schwierigkeiten verschwinden lassen.

Und genau deshalb möchte ich hier auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich irgendjemandem erklären könnte, wie er sein Leben richtig zu führen hat. Ich kann meine Erfahrungen teilen, recherchieren, Informationen zusammentragen, meine Gedanken aufschreiben und vielleicht den einen oder anderen Denkanstoss geben. Was davon für euch passt, müsst ihr selbst herausfinden.

Wenn ich mit dem, was ich hier mache, dem einen oder anderen helfen kann, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen, dann hat sich die ganze Arbeit für mich schon gelohnt. Und wenn jemand beim Lesen eines meiner Texte denkt: «Ach, das kenne ich doch. Ich dachte immer, nur ich bin so», dann freut mich das ganz besonders. Denn genau so ging es mir selbst, als ich angefangen habe, mich mit Autismus und ADHS zu beschäftigen.

So. Jetzt wisst ihr auch, wer hier hinter der ganzen Sache steckt und warum es AuDHS bei Erwachsenen überhaupt gibt.

Eigentlich wollte ich ja nur eine kleine Facebook-Gruppe gründen. Aber das hatten wir ja schon.

Jens