Zwei Metallablagen tragen sehr unterschiedlich viele Karten und sind durch einen gespannten korallfarbenen Faden verbunden.

Leistungsdruck: Ich verlange, worunter ich selbst leide

Wenn ich darüber schreibe, wie sehr mich Erwartungen erschöpfen, könnte ich mich bequem auf die Seite derjenigen stellen, die darunter leiden. Die anderen verlangen, ich muss liefern, und am Ende geht mir die Kraft aus. An dieser Beschreibung ist etwas dran. Aber sie wäre unvollständig, wenn ich eine unangenehme Beobachtung auslasse: Unter Druck kann ich selbst verdammt viel von anderen verlangen.

Wenn eine Frist näherkommt oder ich darauf angewiesen bin, dass etwas endlich erledigt wird, interessiert mich im ersten Moment häufig das Ergebnis. Ich weiß dann genau, warum eine Aufgabe wichtig ist, und habe wenig Geduld dafür, dass der andere Mensch vielleicht gerade etwas ganz anderes erlebt. Manchmal erwarte ich Verfügbarkeit, obwohl ich selbst weiß, wie schlimm es sich anfühlt, ständig verfügbar sein zu sollen. Es ist keine besonders schöne Erkenntnis. Aber ich will sie nicht aus meinem eigenen Text herausschneiden, nur damit meine Geschichte besser aussieht.

In meinem Buch habe ich diesen Widerspruch ausdrücklich beschrieben. Ich kenne den Druck, wenn man liefern soll, obwohl innen längst alles zu viel ist. Und ich kenne die Wut, wenn ich mich auf jemanden verlasse und dann etwas nicht so läuft, wie ich es erwartet habe. Das macht mich nicht zu einem grundsätzlich schlechten Menschen. Es zeigt nur, dass ich das Muster, unter dem ich leide, selbst weitergeben kann. Eine Sache zu erkennen bedeutet offenbar noch nicht, in jeder angespannten Situation anders zu handeln.

Wenn ich ruhig bin, finde ich es selbstverständlich, dass jeder Mensch Grenzen hat. Wenn mir im entscheidenden Moment eine Antwort fehlt, klingt derselbe Satz plötzlich wie eine störende Verzögerung. Dann merke ich, wie leicht aus einem berechtigten Anliegen eine Forderung wird, in der der Mensch dahinter kaum noch vorkommt.

Leistungsdruck: Wie sich meine eigene Grenze plötzlich in Luft auflöst

Mich ärgert das besonders, weil ich selbst so empfindlich auf pauschale Leistungsforderungen reagiere. Wenn jemand erwartet, dass ich ungeachtet meiner Belastung funktioniere, habe ich dafür wenig Verständnis. Ich möchte erklären dürfen, warum etwas gerade nicht geht. Ich möchte nicht jedes Mal beweisen müssen, dass meine Grenze ernst gemeint ist.

Und dann gibt es Situationen, in denen ich beim anderen genau diese Erklärung nicht hören will. Nicht bewusst, nicht als sorgfältig durchdachte Haltung, sondern weil ich gerade dringend etwas brauche. Ich sehe das Ziel, erlebe die Verzögerung und beginne zu drücken. Erst später fällt mir auf, dass ich so reagiert habe, wie ich selbst nicht behandelt werden möchte. Der Druck entschuldigt das nicht automatisch. Aber er hilft mir zu verstehen, an welcher Stelle ich den Blick auf mein Gegenüber verloren habe.

Ich will dabei nicht in das andere Extrem rutschen. Wenn ich Rücksicht nehme, heißt das nicht, dass ich nichts mehr erwarten darf. In einer Beziehung, bei der Arbeit oder bei einer gemeinsamen Aufgabe muss man sich aufeinander verlassen können. Man kann etwas vereinbaren und nachfragen, wenn es nicht klappt. Ich darf ärgerlich sein, wenn eine zugesagte Sache ausfällt und ich die Folgen auffangen muss.

Die Frage ist für mich nicht, ob ich überhaupt Ansprüche stellen darf. Sie lautet, wie ich das tue. Frage ich nach dem Problem, oder erkläre ich den anderen schon zum Problem? Geht es um eine konkrete Aufgabe, oder ziehe ich aus der Verzögerung sofort einen Schluss über seine Haltung? Lasse ich zu, dass seine Belastung genauso real sein könnte wie meine eigene, auch wenn sie in diesem Moment nicht in meinen Plan passt?

Der Unterschied zwischen Fordern und Entmenschlichen

Ich mag keine perfekten Sätze darüber, dass wir einfach alle ein bisschen verständnisvoller sein sollten. Sie helfen mir wenig, wenn es ernst wird. Ich brauche eine Unterscheidung, die auch im Alltag trägt. Ich kann sagen, dass ich auf eine Rückmeldung angewiesen bin. Ich kann erklären, was passiert, wenn sie ausbleibt. Ich kann gemeinsam überlegen, ob wir etwas anders organisieren müssen. Das alles ist etwas anderes, als dem Gegenüber indirekt zu vermitteln, sein Zustand interessiere mich nicht, solange meine Aufgabe erledigt wird.

Ich möchte nicht, dass jemand für meine Entlastung seine eigene Grenze verleugnen muss. Gleichzeitig brauche ich manchmal Hilfe. Beides ist wahr, und genau deshalb sind solche Situationen schwierig. Wer nur den Anspruch auf Leistung sieht, übersieht den Menschen. Wer so tut, als gäbe es überhaupt keine Verbindlichkeit, lässt den anderen mit der Aufgabe allein.

Mir ist wichtig, meinen eigenen Anteil daran nicht als weitere Selbstanklage zu benutzen. Ich kann etwas falsch machen und es beim nächsten Mal anders versuchen. Das ist konkreter als der Satz, ich sei eben genauso schlimm wie alle anderen. Damit wäre nichts gewonnen.

Ich möchte bemerken, wann aus meiner Sorge um ein Ergebnis ein Ton wird, den ich selbst nicht ertragen würde. Vielleicht gelingt mir das nicht immer rechtzeitig. Aber ich will wenigstens nicht hinterher so tun, als wäre die Reaktion allein durch die Situation erzwungen worden. Es war mein Ärger, meine Erwartung und auch meine Entscheidung, wie ich sie ausgedrückt habe. Ich muss daraus kein Urteil über meine gesamte Person machen, um die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Was ich bei anderen unter Druck auslöse

Manchmal beginnt ein solches Muster mit einem völlig vernünftigen Satz: Ich brauche die Information heute, sonst kann ich morgen nicht weitermachen. Wenn ich dabei bleibe, ist die Lage klar. Wenn ich aber im Kopf ergänze, der andere müsse doch sehen, wie dringend alles ist, wird aus meiner Situation stillschweigend seine Pflicht.

Vielleicht weiß er gerade gar nicht, wie eng es bei mir geworden ist. Vielleicht hat er ebenfalls etwas zugesagt, das er jetzt nicht halten kann. Ich möchte lernen, die konkrete Konsequenz auszusprechen, statt zu erwarten, dass der andere sie bereits aus meinem Ton heraushört. Das löst nicht jeden Konflikt. Aber es macht einen Unterschied, ob ich sage, was ich brauche, oder ob ich durch meinen Ärger mitteile, dass sein Menschsein gerade im Weg ist.

Was ich mir wünsche, ist eigentlich ziemlich schlicht: Wenn ich von Menschlichkeit rede, soll sie nicht genau dann aufhören, wenn ich selbst unter Druck gerate. Sonst wäre sie nur eine Forderung an die anderen und kein Maßstab, den ich ernst nehme. Ich werde weiterhin manchmal ungeduldig sein. Ich werde weiterhin eine klare Antwort brauchen und nicht jede Verzögerung gelassen hinnehmen.

Aber ich möchte die Fähigkeit behalten, noch einmal hinzusehen: Wer steht mir gerade gegenüber? Was habe ich tatsächlich vereinbart? Was verlange ich zusätzlich, nur weil ich Angst habe, dass etwas nicht klappt? Die unangenehme Wahrheit ist, dass ich Teil der gleichen Welt bin, die mich erschöpft. Die etwas bessere Nachricht ist, dass ich zumindest an meinem eigenen Teil arbeiten kann, ohne mich deshalb wieder zum nächsten Optimierungsprojekt zu erklären.

Zum Weiterlesen über Anforderungen und Belastung im Alltag: Warum Alltagsanforderungen bei AuDHS Energie kumulativ verbrauchen können.

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