Erwachsene mit Autismus und ADHS können gleichzeitig soziale Erwartungen bedienen, auffällige Merkmale verbergen und organisatorische Schwierigkeiten kompensieren. Nicht jede Anpassung ist Masking – und nicht jede sichtbare Kompetenz entsteht mühelos.
Was mit Masking überhaupt gemeint ist
Masking, Camouflaging und Kompensation werden im Alltag oft austauschbar benutzt. In der Autismusforschung bezeichnet Camouflaging meist Verhaltensweisen, mit denen eine Person autistische Merkmale weniger sichtbar macht oder soziale Erwartungen erfüllt. Dazu können einstudierter Blickkontakt, vorbereitete Gesprächssätze, das Unterdrücken regulierender Bewegungen oder die bewusste Nachahmung anderer gehören. Das Camouflaging Autistic Traits Questionnaire, kurz CAT-Q, unterscheidet drei selbstberichtete Bereiche: Kompensation, Maskierung und Assimilation. Das Instrument erfasst subjektiv berichtete Strategien; es misst weder eine verborgene „wahre“ Persönlichkeit noch objektiv, wie unauffällig jemand auf andere wirkt.
Bei ADHS wird Kompensation breiter verwendet. Erwachsene können Kalender mehrfach kontrollieren, sehr früh zu Terminen erscheinen, jede Aufgabe sofort erledigen oder sich auf Angst und hohen Druck verlassen, damit Vergesslichkeit und Aufschub weniger sichtbar werden. Solche Strategien können wirksam sein und zugleich unverhältnismäßig viel Zeit beanspruchen. Manche ähneln Camouflaging, andere sind schlicht externe Hilfen. Eine Erinnerung im Telefon verbirgt keine Identität; die ständige Behauptung, man sei „nur etwas chaotisch“, obwohl der Alltag zusammenbricht, kann dagegen eine Form sozialen Verbergens sein.
Für AuDHS ist diese Unterscheidung wichtig, weil Anpassungsarbeit auf mehreren Ebenen stattfinden kann. Eine Person überwacht im Meeting gleichzeitig ihre Mimik, bremst spontane Beiträge, sortiert Nebengeräusche aus und hält mit detaillierten Notizen das Arbeitsgedächtnis zusammen. Von außen ist vielleicht nur eine engagierte Kollegin zu sehen. Wissenschaftlich wäre es dennoch zu grob, alle Anstrengung als ein einheitliches AuDHS-Masking zu bezeichnen. Die einzelnen Prozesse sind unterschiedlich gut untersucht und können verschiedene Funktionen haben.
Was die Forschung tatsächlich erfasst
Van der Putten und Kolleginnen verglichen Erwachsene mit Autismus, ADHS und ohne diese Diagnosen. Erwachsene mit ADHS berichteten mehr Camouflaging als die Vergleichsgruppe, aber im Durchschnitt weniger als autistische Erwachsene. In der gemischten diagnostischen Stichprobe sagten autistische Merkmale, nicht jedoch ADHS-Merkmale, höhere CAT-Q-Werte statistisch voraus. Die Autorinnen betonen eine entscheidende Einschränkung: Der CAT-Q wurde ausdrücklich für das Camouflaging autistischer Merkmale entwickelt. Dass er ADHS-bezogene Anpassung nur unvollständig erfasst, ist daher kein Nebendetail, sondern Teil des Messergebnisses.
Die Studie zeigt, dass Camouflaging nicht exklusiv bei Autismus vorkommen muss. Sie beweist aber nicht, dass Erwachsene mit beiden Diagnosen einfach die Summe zweier Maskingformen erleben. Dafür bräuchte es Instrumente, die unter anderem Impulskontrolle, organisatorische Überkompensation, sensorisches Verbergen und soziale Assimilation trennscharf erfassen. Zudem beruhen viele Studien auf Querschnittsdaten und Selbstberichten. Menschen müssen ihre Strategien bereits erkennen und benennen können, damit sie in solchen Fragebögen auftauchen.
Qualitative Forschung ergänzt diese Zahlen. Autistische Erwachsene beschreiben Camouflaging als bewusste und teilweise automatisierte Arbeit, die Zugehörigkeit, Sicherheit oder Beschäftigung ermöglichen kann. Manche Strategien werden so früh gelernt, dass sie sich nicht mehr wie eine Entscheidung anfühlen. Für Erwachsene mit zusätzlichem ADHS kann Automatisierung widersprüchlich sein: Ein soziales Skript stabilisiert ein Gespräch, wird aber bei Ablenkung oder schneller Erregung schwerer abrufbar. Das ist eine plausible Wechselwirkung, bislang jedoch kaum direkt experimentell geprüft.
Strategie, Zwang und Preis
Nicht jede Anpassung ist schädlich. Menschen verändern ihr Verhalten ständig je nach Rolle und Kontext. Eine vorbereitete Agenda, schriftliche Kommunikation oder das Üben eines Bewerbungsgesprächs kann Selbstbestimmung erhöhen. Problematisch wird Anpassung eher, wenn sie unter Gefahr von Ausschluss erzwungen ist, zentrale Regulationsmöglichkeiten verhindert oder dauerhaft mehr Ressourcen verbraucht, als verfügbar sind. Der gleiche Blickkontakt kann in einer Situation bewusst gewählt und in einer anderen als schmerzhafte Pflicht erlebt werden.
AuDHS kann die Kosten schwer sichtbar machen. Eine Person wirkt sozial sicher, weil sie jedes Gespräch vor- und nachbereitet, verliert dadurch aber Zeit für Essen, Haushalt und Erholung. Sie wirkt organisiert, weil Fehlerangst ein engmaschiges Kontrollsystem antreibt, nicht weil Planung leichtfällt. Wenn die Leistung gelingt, wird Unterstützung oft gerade deshalb verweigert. Das Ergebnis ist ein merkwürdiger Beweiszirkel: Wer die Barriere mit enormem Aufwand überwindet, gilt als Beleg dafür, dass keine Barriere vorhanden war.
Eine hilfreiche Einordnung fragt daher nach Funktion, Freiwilligkeit und Folgekosten. Was soll eine Strategie ermöglichen oder verhindern? Kann die Person sie je nach Kontext wählen? Was geschieht danach mit Energie, Konzentration und Selbstgefühl? Diese Fragen sind wissenschaftlich näher an den untersuchten Konzepten als die Suche nach einer vollständigen Liste typischer Maskingzeichen. Sie verhindern außerdem, dass gewöhnliche Höflichkeit oder jede Form von Selbststeuerung vorschnell pathologisiert wird.
Sichtbare Kompetenz und tatsächlicher Unterstützungsbedarf
Im Erwachsenenleben werden Anforderungen häufig an Ergebnisse gemessen. Der Bericht ist pünktlich, das Gespräch höflich, die Wohnung beim Besuch ordentlich. Ob davor eine Nacht durchgearbeitet, ein Meltdown verschoben oder ein ganzer freier Tag geopfert wurde, bleibt unsichtbar. Diagnostik und Unterstützung sollten deshalb nicht nur erfragen, was gelingt, sondern unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis. Das betrifft Arbeit, Beziehungen, medizinische Termine und selbstständige Lebensführung gleichermaßen.
Masking und Kompensation sind keine Beweise für AuDHS. Sie kommen auch bei anderen psychischen Bedingungen und als Reaktion auf Stigma vor. Bei diagnostizierten Erwachsenen können die Begriffe jedoch helfen, die Differenz zwischen äußerem Eindruck und innerem Aufwand zu beschreiben. Wissenschaftlich sauber bleibt dabei, von mehreren Strategien und Funktionen zu sprechen. Es gibt nicht die AuDHS-Maske; es gibt Menschen, die in konkreten Umwelten konkrete Folgen zu vermeiden versuchen.
Anpassung kann zwischen Kontexten wechseln
Strategien sind selten über den ganzen Tag konstant. Eine Person kann im Kundengespräch stark camouflieren, im vertrauten Team direkter sprechen und zu Hause auf Sprache verzichten. Organisatorische Kompensation kann im Beruf mit festen Systemen funktionieren, während private Aufgaben ohne äußere Frist ausfallen. Diese Variation ist kein Beleg für Täuschung. Sie zeigt, dass Motivation, Sicherheit, Struktur und verfügbare Energie Verhalten mitbestimmen.
Forschung erfasst solche Wechsel bisher nur begrenzt. Ein Fragebogen bildet meist eine durchschnittliche Selbsteinschätzung ab; Beobachtungsstudien sehen wenige Situationen. Tagebuchmethoden könnten genauer zeigen, wann Strategien eingesetzt werden und welche unmittelbaren sowie verzögerten Kosten folgen. Spezifische AuDHS-Daten fehlen. Für den Einzelfall lohnt dennoch eine Kontextkarte: Wo ist Anpassung gewählt, wo automatisiert, wo notwendig und wo vermeidbar? Daraus entsteht eine präzisere Grundlage als aus der pauschalen Frage, ob jemand „maskiert“.
Auch kulturelle und berufliche Normen beeinflussen, was überhaupt als auffällig gilt. Direkte Sprache, Blickkontakt, Bewegung und Pünktlichkeit werden nicht überall gleich bewertet. Ein Verhalten kann in einem Team akzeptiert und im nächsten sanktioniert werden. Masking ist deshalb nicht nur eine Eigenschaft der Person, sondern eine Beziehung zwischen Verhalten und Erwartung. Diese Perspektive verteilt Verantwortung angemessener: Nicht jede Differenz muss in der Person korrigiert werden.
Eine weitere Unterscheidung betrifft vorbeugende und reparierende Strategien. Ein Kalender verhindert möglicherweise, dass ein Termin vergessen wird; eine vorbereitete Entschuldigung repariert die soziale Folge eines Fehlers. Camouflagingforschung konzentriert sich häufig auf Darstellung während sozialer Situationen und erfasst solche zeitlich versetzten Prozesse nur teilweise. Bei AuDHS können ganze Ketten entstehen: übermäßige Vorbereitung, kontrollierter Auftritt, Erschöpfung und anschließende Kompensation liegen um dasselbe Ereignis. Diese Kette ist klinisch informativer als die Frage nach einer einzelnen Maske. Sie zeigt auch, an welcher Stelle eine Umweltanpassung Aufwand reduzieren könnte.
Quellen & weiterführende Literatur
• van der Putten, W. J. et al. (2024). Is camouflaging unique for autism? A comparison of camouflaging between adults with autism and ADHD. Autism Research, 17(4), 812–823. https://doi.org/10.1002/aur.3099 – Vergleich von Erwachsenen mit Autismus, ADHS und einer Vergleichsgruppe; wichtig ist die Begrenzung des autismusspezifischen CAT-Q.
• Hull, L. et al. (2019). Development and validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q). Journal of Autism and Developmental Disorders, 49, 819–833. https://doi.org/10.1007/s10803-018-3792-6 – Validierungsstudie des häufig genutzten Selbstberichtsinstruments; erfasst Strategien, nicht objektive Unsichtbarkeit.
• Cook, J. et al. (2021). Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical Psychology Review, 89, 102080. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2021.102080 – Systematische Übersicht zu Definitionen, Messung und Folgen; zeigt erhebliche begriffliche und methodische Heterogenität.
• Young, S. et al. (2020). Guidance for identification and treatment of individuals with ADHD and autism spectrum disorder based upon expert consensus. BMC Medicine, 18, 146. https://doi.org/10.1186/s12916-020-01585-y – Klinischer Konsens zur gemeinsamen Diagnostik und Unterstützung; keine systematische Interventionsübersicht.
„Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.“










