Überarbeitete Papierseite wölbt sich aus einer alten Schreibmaschine; ein korallfarbener Faden steigt am Farbbandmechanismus auf.

Gedanken aufschreiben: Warum ich zuerst für mich schreibe

Wenn ich einen Gedanken nicht aus dem Kopf bekomme, hilft es mir manchmal, ihn aufzuschreiben. Nicht, weil ich damit sofort etwas veröffentlichen möchte, sondern weil ein Satz eine andere Form hat als ein Gedanke, der den ganzen Tag in mir herumläuft. Auf dem Bildschirm kann ich sehen, was ich gerade eigentlich sagen will. Ich kann einen Satz verschieben, einen Widerspruch entdecken oder feststellen, dass ich mich seit zwanzig Minuten um eine Frage drehe, die noch gar nicht richtig gestellt ist.

Im Kopf geht das alles gleichzeitig. Dort hat jeder neue Gedanke die Angewohnheit, den alten zu unterbrechen, bevor der fertig ist. Beim Schreiben entsteht wenigstens eine Spur. Ich kann zurückgehen und schauen, wo ich abgebogen bin. Genau deshalb schreibe ich oft nicht, um jemandem etwas zu erklären. Ich schreibe, damit ich selbst nicht in all den unausgesprochenen Dingen stecken bleibe.

In meinem Buch habe ich einen ziemlich deutlichen Satz dazu geschrieben: Ich schreibe, weil ich sonst schreien müsste. Das klingt dramatisch, und manchmal ist der innere Druck tatsächlich so groß, dass ein harmloser Satz kaum ausreicht, ihn zu beschreiben. Trotzdem möchte ich daraus keine große Künstlergeschichte machen. Ich setze mich nicht an einen Text und denke: Jetzt produziere ich etwas besonders Tiefgründiges.

Manchmal bin ich wütend. Manchmal bin ich müde von Gesprächen, in denen ich mich nicht verständlich machen konnte. Manchmal ist da ein Widerspruch, der mich nicht loslässt, obwohl alle anderen längst zum nächsten Thema übergegangen sind. Wenn ich ihn aufschreibe, bekommt er eine Reihenfolge. Das ist der erste Grund. Dass später jemand etwas damit anfangen kann, ist schön. Aber es steht nicht am Anfang.

Gedanken aufschreiben: Was im Kopf gleichzeitig ist, muss auf dem Papier nacheinander kommen

Beim Schreiben kann ich nicht alle Gedanken auf einmal hinschmeißen und verlangen, dass jemand sofort den Zusammenhang sieht, den ich bereits im Kopf habe. Ich muss eine Tür finden, durch die ein anderer überhaupt hineinkommt. Das ist manchmal anstrengend, aber auch nützlich.

Wenn ich einen Absatz nicht erklären kann, habe ich womöglich selbst noch nicht verstanden, was ich eigentlich damit meine. Dann schreibe ich ihn um. Nicht, damit ich mich für eine fremde Erwartung passend mache, sondern damit der Gedanke seine eigene Form findet. Ich kann dabei widersprüchlich bleiben. Ich muss nicht nach drei Sätzen so tun, als hätte ich eine Antwort, wenn ich gerade erst eine Frage entdeckt habe. Ein guter persönlicher Text darf zeigen, wo die Sache offen ist. Für mich ist das oft ehrlicher als eine sauber formulierte Schlussfolgerung, die sich zwar gut liest, aber gar nicht zu dem passt, was in mir vorgeht.

Wenn ich beim Schreiben schon an die Veröffentlichung denke

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem das Schreiben seinen ursprünglichen Zweck verlieren kann. Sobald ich an Veröffentlichung denke, tauchen andere Fragen auf. Ist der Einstieg gut genug? Wird jemand den Text lesen? Ist der Absatz zu lang? Muss ich den Titel ändern, damit er gefunden wird? Solche Fragen gehören dazu, wenn man eine Website betreibt. Ich will nicht so tun, als wären mir Leser egal. Wenn ich einen Text veröffentliche, wünsche ich mir natürlich, dass jemand etwas darin entdeckt.

Aber wenn diese Fragen zu früh kommen, verändert sich das Schreiben. Dann schaue ich nicht mehr, was aus mir herausmuss, sondern überlege, wie es von außen bewertet werden könnte. Ich fange an, den Text zu kontrollieren, bevor er überhaupt existiert. Das ist für mich ein ziemlich zuverlässiger Weg, ihm genau das zu nehmen, weshalb ich ihn begonnen habe.

Erst der Gedanke, dann die Veröffentlichung

Ich versuche deshalb, zwei Dinge auseinanderzuhalten. Zuerst darf ein Text mein Arbeitsraum sein. Darin muss nicht jeder Satz sofort sitzen. Ich darf mich wiederholen, etwas zurücknehmen oder merken, dass ich eigentlich über ein anderes Thema schreibe.

Später kann ich daraus einen Artikel machen, den ein anderer gern liest. Dann ordne ich die Absätze, streiche Umwege und schaue, ob der Anfang tatsächlich zum Ende führt. Das eine ist nicht unehrlicher als das andere. Es sind nur zwei verschiedene Arbeiten. Schwierig wird es, wenn ich die zweite Arbeit schon während der ersten mitlaufen lasse und mir bei jedem Satz vorstelle, welche Kritik ich dazu bekommen könnte. Dann schreibe ich nicht mehr frei, sondern mit einer unsichtbaren Jury im Raum.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich nicht mit jedem Text sofort erklären möchte. Manchmal steht etwas auf der Seite, weil es endlich eine Form brauchte. Es muss nicht gleich ein Bekenntnis sein, das meine gesamte Person auf immer festlegt. Ein Artikel kann ein Zeitpunkt sein: So habe ich gerade darüber nachgedacht. Ich kann morgen eine neue Nuance entdecken und muss deshalb den alten Text nicht für eine Lüge halten.

Wer schreibt, darf sich entwickeln. Ich möchte nicht anfangen, jeden Gedanken erst auf endgültige Gültigkeit zu prüfen, bevor ich ihn überhaupt zulasse. Dann bliebe am Ende nur noch das übrig, was niemanden irritiert. Und das wäre vielleicht ordentlich, aber ziemlich weit weg von meinem eigentlichen Grund zu schreiben.

Der Leser kommt dazu, er muss nicht alles tragen

Wenn ein Mensch einen Text von mir liest und sagt, er habe sich darin wiedergefunden, freut mich das. Wenn jemand eine andere Erfahrung hat, kann daraus ein Gespräch entstehen. Beides ist ein zusätzlicher Wert, den ich nicht kleinreden will. Ich möchte nur nicht davon abhängig werden. Denn dann müsste jeder Text eine Reaktion bekommen, damit er sich gelohnt hat. Und ein Artikel ohne Kommentare oder sichtbare Aufrufe wäre plötzlich eine vergebliche Anstrengung. Das passt nicht zu dem, was mir das Schreiben ursprünglich gegeben hat.

Schon bevor ein Mensch den Text sieht, habe ich etwas aus meinem Kopf auf eine Seite gebracht. Ich habe einen Zusammenhang gefunden, den ich vorher nur gespürt habe. Das nimmt mir niemand, nur weil der Beitrag später nicht die gewünschte Reichweite erreicht.

Nicht jeder Gedanke muss veröffentlicht werden

Ich weiß nicht, ob jeder Gedanke, den ich schreibe, veröffentlicht werden muss. Vermutlich nicht. Manche Texte sind eine Zwischenstation, andere verändern sich noch, und einige dürfen einfach privat bleiben. Aber ich möchte mir die Möglichkeit erhalten, die Dinge zuerst auszusprechen, ohne bereits an das Ergebnis zu denken.

Schreiben ist für mich keine schicke Art, meine Gedanken zu verpacken. Es ist häufig der Weg, auf dem ich überhaupt erst merke, was da ist. Wenn daraus später ein lesbarer Artikel wird, umso besser. Wenn nicht, war der Satz trotzdem nicht umsonst. Er hat mir erlaubt, etwas anzusehen, das vorher nur Druck war. Und manchmal ist das der wichtigere Teil der ganzen Arbeit.

Ein verwandter Gedanke: Leser interpretieren meinen Text – und glauben, sie kennen mich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Teilen

Weitere Artikel:

Neues aus der AuDHS-Welt

Neue Inhalte, Wissen und Werkzeugkisten-Downloads direkt per Mail. Nicht ständig. Nur wenn es wirklich etwas Neues gibt.

Aktuelle Beiträge

Mehrere kleine Schalen mit unterschiedlichen Gegenständen stehen neben einem aufgeschlagenen Notizbuch auf einem Tisch; ein korallfarbener Faden verbindet die Anordnung.

Beobachtungen für die Diagnostik sammeln

Konkrete Situationen, Folgen, Hilfen und Gegenbeispiele sind für eine Diagnostik meist hilfreicher als eine lange Sammlung diagnostischer Schlagwörter.