Wenn Erwartungen die Wahrnehmung färben: Stigma bei Autismus

Menschen beurteilen Verhalten nie völlig ohne Vorwissen. Ein Ruf, ein Aktenvermerk oder eine Diagnose kann Aufmerksamkeit lenken und mehrdeutige Situationen vorstrukturieren – doch die Forschung zeigt kein einfaches Muster, nach dem Information über Autismus stets schadet oder stets vor Vorurteilen schützt.

Wahrnehmung ist Auswahl und Einordnung

Soziale Wahrnehmung beginnt nicht mit einem vollständigen Datensatz. Menschen sehen einen Ausschnitt, hören einen Satz und verbinden ihn mit Erwartungen. Diese schnelle Einordnung ist im Alltag unvermeidlich. Ohne sie wäre jede Begegnung eine unlösbare Informationsmenge. Problematisch wird sie, wenn eine vorläufige Annahme wie ein Beweis behandelt wird und spätere Informationen nur noch danach bewertet werden, ob sie in das bestehende Bild passen.

Der Bestätigungsfehler beschreibt die Tendenz, bestätigende Informationen stärker zu suchen, zu erinnern oder zu gewichten als widersprechende Hinweise. Erwartungseffekte können zusätzlich beeinflussen, welche Fragen gestellt und welche Reaktionen hervorgerufen werden. Wer eine Person als unkooperativ erwartet, formuliert möglicherweise kontrollierender, reagiert schneller defensiv und erhält dadurch tatsächlich eine angespannte Antwort. Das Ergebnis scheint den ersten Eindruck zu bestätigen, obwohl die Interaktion ihn mit erzeugt hat.

Solche Mechanismen sind allgemeinpsychologisch und nicht auf Autismus beschränkt. Bei autistischen Erwachsenen treffen sie jedoch auf verbreitete Stereotype: gefühllos, unflexibel, unhöflich, sozial uninteressiert oder außergewöhnlich begabt. Keine dieser Zuschreibungen beschreibt die Vielfalt autistischer Menschen. Trotzdem können sie beeinflussen, wie Schweigen, Direktheit, Blickverhalten oder eine Bitte um Klarheit gedeutet werden.

Eine faire Bewertung verlangt deshalb zwei Trennungen. Erstens ist beobachtbares Verhalten nicht dasselbe wie seine Ursache. Eine knappe Antwort kann Desinteresse, Überlastung, Zeitdruck oder schlicht einen knappen Kommunikationsstil bedeuten. Zweitens ist eine diagnostische Erklärung nicht dasselbe wie eine Entschuldigung für jede Handlung. Autismus kann relevante Bedingungen sichtbar machen, ohne Verantwortung und Wirkung zu löschen.

Der Kern des Problems ist nicht, dass Menschen überhaupt Erwartungen bilden. Er liegt in der fehlenden Korrigierbarkeit. Ein Urteil wird unfair, wenn jede mögliche Reaktion als weitere Bestätigung gelesen wird: Widerspruch gilt als Trotz, Schweigen als Einsicht, Erklärung als Ausrede. Dann kann die Person kaum noch Informationen liefern, die das Bild verändern.

Was Forschung zu ersten Eindrücken zeigt

Sasson und Kollegen untersuchten erste Eindrücke von autistischen und nichtautistischen Erwachsenen anhand kurzer „thin slices“ – sehr knapper Ausschnitte sozialer Darstellung. Nichtautistische Beobachtende bewerteten autistische Personen in audiovisuellen, reinen Audio- und Standbildbedingungen im Durchschnitt ungünstiger und gaben eine geringere Bereitschaft zu weiterer Interaktion an. Bemerkenswert war, dass diese Unterschiede in einer Bedingung mit schriftlichen Transkripten nicht in gleicher Weise auftraten. Das deutet darauf hin, dass Bewertung nicht nur am Inhalt, sondern auch an Ausdruck, Stimme und Bewegung hing.

Die Studie ist wichtig, weil sie den Blick von einem vermeintlich einseitigen Kommunikationsdefizit auf die Reaktion der Umwelt richtet. Sie beweist jedoch nicht, dass jeder nichtautistische Mensch autistische Personen negativ beurteilt oder dass schriftliche Kommunikation immer vor Stigma schützt. Die Stichproben, Stimuli und Bewertungssituationen waren begrenzt. Kurze Videoaufnahmen sind keine langfristige Beziehung, und Laborurteile lassen sich nicht eins zu eins auf Arbeit, Freundschaft oder Versorgung übertragen.

Folgestudien zu realen Interaktionen zeigen ebenfalls, dass die Zusammensetzung eines Gesprächspaars Bedeutung hat. Autistische Erwachsene können Interaktionen mit anderen autistischen Personen günstiger erleben als gemischte Begegnungen. Solche Befunde stützen das doppelte Empathieproblem: Missverständnisse entstehen aus Unterschieden zwischen Kommunikationsweisen und nicht ausschließlich aus einem Defizit einer Seite. Auch hier gilt, dass Neurotyp-Übereinstimmung keine automatische Sympathie erzeugt.

Erste Eindrücke haben praktische Folgen, weil sie Entscheidungen vorbereiten: Wer wird zu einem zweiten Gespräch eingeladen, wem wird Kompetenz zugetraut, wessen Erklärung gilt als glaubwürdig? Gleichzeitig sind sie fehleranfällig. Eine kurze Begegnung enthält wenig Information, wird aber häufig als Hinweis auf stabile Persönlichkeit behandelt. Besonders bei ungewohnten Ausdrucksformen ist diese Schlussfolgerung riskant.

Die Forschung liefert damit keinen Grund, nonverbale Eindrücke grundsätzlich zu ignorieren. Sie zeigt, dass ihre Bedeutung gelernt, kulturell geprägt und durch Erwartungen beeinflusst ist. Wer eine Bewertung trifft, sollte deshalb angeben können, welches konkrete Verhalten relevant war und warum es für die betreffende Aufgabe oder Situation zählt.

Stigma besteht aus Wissen, Gefühl und Macht

Stigma ist mehr als eine negative Meinung. Sozialpsychologische Modelle unterscheiden mehrere Prozesse: Menschen werden benannt oder kategorisiert, mit Stereotypen verbunden, voneinander getrennt und erfahren Statusverlust oder Diskriminierung. Entscheidend ist das Machtgefälle. Eine private Antipathie ist nicht dasselbe wie ein institutionelles Urteil, das Zugang zu Arbeit, Behandlung oder Unterstützung steuert.

Autismusbezogenes Stigma kann offen auftreten, etwa als abwertender Kommentar. Häufiger wirkt es indirekt: Bedürfnisse werden als Sonderwunsch behandelt, direkte Kommunikation als Charakterfehler oder Unterstützungsbedarf als Beweis geringer Kompetenz. Positive Stereotype können ebenfalls schaden. Die Erwartung besonderer Detailgenauigkeit oder technischer Begabung kann reale Schwierigkeiten unsichtbar machen und Menschen ausschließen, die nicht in dieses Bild passen.

Stigma kann antizipiert werden. Wer wiederholt negative Reaktionen erlebt hat, rechnet in neuen Situationen damit und passt Verhalten vorsorglich an. Das kann zu Camouflaging beitragen, also zum Verbergen oder Kompensieren autistischer Merkmale. Forschung verbindet Camouflaging mit Erschöpfung und psychischer Belastung, erlaubt aber keine einfache Ursache-Wirkungs-Aussage. Menschen maskieren aus unterschiedlichen Gründen, und nicht jede soziale Anpassung ist schädlich.

Internalisiertes Stigma entsteht, wenn gesellschaftliche Abwertungen Teil des eigenen Selbstbilds werden. Eine Person deutet Schwierigkeiten dann nicht nur als situativ, sondern als Beweis persönlicher Minderwertigkeit. Die Grenzen zwischen realistischer Selbstkritik, erlernter Vorsicht und internalisiertem Stigma sind im Einzelfall komplex. Unterstützung sollte nicht jede unangenehme Selbsteinschätzung vorschnell umetikettieren, sondern prüfen, welche Erfahrungen und Maßstäbe dahinterstehen.

Akzeptanzforschung bei autistischen Erwachsenen zeigt Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Akzeptanz und psychischer Gesundheit. Die Daten sind überwiegend querschnittlich. Sie stützen die Bedeutung des sozialen Umfelds, können aber nicht alle individuellen Verläufe erklären. Stigma ist ein Risikofaktor, keine vollständige Biografie.

Was eine Diagnoseoffenlegung an Erwartungen verändert

Die Information, dass eine Person autistisch ist, kann Urteile in verschiedene Richtungen verändern. Sie kann ein Verhalten verständlicher machen und Schuldzuschreibungen reduzieren. Beobachtende interpretieren dann einen ungewöhnlichen Gesprächsstil eher als Kommunikationsunterschied statt als Desinteresse. Gleichzeitig kann das Etikett neue Stereotype aktivieren und Erwartungen an Leistungsfähigkeit, Selbstständigkeit oder Gefährlichkeit verzerren.

Studien zur diagnostischen Offenlegung berichten daher kein universelles Ergebnis. Wirkung hängt davon ab, welche Informationen gegeben werden, welches Vorwissen das Gegenüber besitzt, in welchem Kontext die Begegnung stattfindet und welches Verhalten bewertet wird. Eine bloße Diagnosebezeichnung ohne Erklärung kann weniger hilfreich sein als eine konkrete Information über Kommunikation oder Anpassung. Umgekehrt muss niemand eine Diagnose offenlegen, nur um fair behandelt zu werden.

Offenlegung ist eine persönliche und kontextabhängige Entscheidung. Am Arbeitsplatz können rechtliche Schutz- und Anpassungsansprüche eine Rolle spielen; gleichzeitig bestehen reale Diskriminierungsrisiken. In medizinischer Versorgung kann die Information wichtig sein, wenn Kommunikation, Sensorik oder Symptomausdruck berücksichtigt werden müssen. In privaten Beziehungen kann sie Nähe ermöglichen oder unerwünschte Festlegungen erzeugen.

Forschungsergebnisse über durchschnittliche Einstellungsänderungen können diese Entscheidung nicht abnehmen. Sinnvoll ist eine Zweckprüfung: Welche konkrete Unterstützung oder welches Verständnis soll die Information ermöglichen? Wer erhält sie? Wie vertraulich ist der Rahmen? Gibt es eine Möglichkeit, falsche Annahmen zu korrigieren? Eine Diagnose ist kein Freibrief für andere, jedes Verhalten neu zu interpretieren.

Auch nach Offenlegung bleibt individuelle Information nötig. Sätze wie „Autistische Menschen brauchen klare Sprache“ können als grobe Orientierung dienen, ersetzen aber keine Frage an die Person. Manche bevorzugen direkte Hinweise, andere benötigen Zeit oder schriftliche Informationen. Das Ziel ist nicht, das alte Vorurteil durch ein freundlicheres Standardbild zu ersetzen.

Akten, Übergaben und die Dauer institutioneller Etiketten

In Institutionen werden Eindrücke dokumentiert. Das kann notwendig sein: Berichte sichern Informationen, ermöglichen Kontinuität und halten Risiken oder vereinbarte Unterstützung fest. Gleichzeitig verändern schriftliche Zusammenfassungen den Status einer Beobachtung. Ein situatives Urteil wirkt in einer Akte dauerhaft und objektiv, obwohl es unter bestimmten Bedingungen entstand.

Wörter wie „unkooperativ“, „aggressiv“ oder „schwierig“ verdichten komplexe Ereignisse. Sie nennen selten, welche Aufforderung vorausging, welche sensorische Belastung bestand oder wie andere Beteiligte handelten. Die nächste Fachperson liest dann bereits eine Interpretation. Wenn sie mit dieser Erwartung in das Gespräch geht, können Fragen und Reaktionen voreingenommen sein.

Gute Dokumentation trennt Beobachtung, Kontext und Interpretation. „Die Person verließ das Gespräch nach zehn Minuten, nachdem drei Fragen gleichzeitig gestellt wurden“ ist überprüfbarer als „geringe Kooperationsbereitschaft“. Eine Interpretation kann ergänzt werden, sollte aber als solche erkennbar sein. Ebenso gehören Stärken, hilfreiche Bedingungen und Veränderungen in eine Akte, nicht nur Probleme.

Betroffene sollten nach den geltenden rechtlichen Regeln Zugang zu ihren Daten, Korrekturmöglichkeiten und eine Stimme in der Dokumentation haben. Die konkreten Rechte unterscheiden sich nach Land und Institution; dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Fachlich ist jedoch klar: Eine Akte ist eine Informationsquelle, nicht die vollständige Person. Frühere Berichte müssen mit aktuellen Beobachtungen abgeglichen werden.

Besonders kritisch ist diagnostische Überschattung. Dabei werden neue Beschwerden vorschnell einer bestehenden Diagnose zugeschrieben. Bei autistischen Menschen kann etwa Schmerz, Angst oder eine körperliche Erkrankung als „Teil des Autismus“ fehlgedeutet werden. Das bestehende Etikett verkürzt dann die Differentialdiagnostik. Bewusste Gegenfragen – Welche anderen Ursachen wurden geprüft? Welche Befunde passen nicht? – sind ein wichtiger Schutz.

Faire Bewertung braucht kriteriumsbezogene Information

Eine faire Beurteilung ist nicht vollständig voraussetzungslos. In Auswahl, Leistung oder Konfliktklärung müssen Kriterien angewendet werden. Entscheidend ist, dass sie für die tatsächliche Aufgabe relevant, transparent und für Korrektur offen sind. Ein Blickkontaktmaß ist für viele Tätigkeiten kein valider Leistungsindikator. Präzision, Sicherheit oder die Qualität eines Arbeitsergebnisses können dagegen unmittelbar relevant sein.

Strukturierte Verfahren reduzieren den Einfluss spontaner Eindrücke. Wenn alle Bewerbenden dieselben arbeitsbezogenen Fragen erhalten und Antworten nach vorab definierten Kriterien bewertet werden, bleibt weniger Raum für Sympathie als versteckten Maßstab. Arbeitsproben können geeigneter sein als unstrukturierte Gespräche, sofern sie die reale Tätigkeit abbilden und zugänglich gestaltet sind.

In Konflikten hilft eine Ereignisanalyse. Wer tat oder sagte was, unter welchen Bedingungen und mit welcher belegbaren Folge? Frühere Ereignisse dürfen Kontext liefern, sollten den aktuellen Vorfall aber nicht ersetzen. Eine Person kann wiederholt dasselbe Problem zeigen; auch dann braucht jede Bewertung aktuelle Daten. Umgekehrt darf ein einzelner positiver Moment ein stabiles schädliches Muster nicht unsichtbar machen.

Korrekturmöglichkeiten sind zentral. Menschen müssen eine Beobachtung ergänzen, falsche Tatsachen richtigstellen und verändertes Verhalten zeigen können. Wenn ein System nur Belege für das bestehende Urteil sammelt, wird es selbstbestätigend. Faire Verfahren definieren daher auch, welche Information ein Urteil ändern würde.

Das bedeutet nicht, dass alle Perspektiven immer gleich richtig sind. Belege können unterschiedlich stark sein. Eine konkrete Dokumentation wiegt mehr als ein Gerücht. Mehrere unabhängige Beobachtungen können ein Muster stützen. Fairness verlangt keine künstliche Neutralität, sondern nachvollziehbare Gründe und die Bereitschaft, sie an neuen Informationen zu prüfen.

Was Beobachtende gegen voreilige Urteile tun können

Der erste Schritt ist sprachliche Präzision. Statt eine Person mit einem Adjektiv zu beschreiben, sollte das konkrete Verhalten benannt werden. „Sie stellte drei Rückfragen zur Zuständigkeit“ enthält mehr nutzbare Information als „sie war schwierig“. Danach folgt die Frage nach alternativen Erklärungen. Welche davon lassen sich prüfen? Welche Information fehlt?

Ein zweiter Schritt ist die Trennung von Wirkung und Absicht. Eine direkte Formulierung kann verletzend wirken, auch wenn keine Verletzung beabsichtigt war. Die Wirkung darf besprochen werden, ohne sofort einen feindseligen Charakter zu diagnostizieren. Ebenso entlastet gute Absicht nicht von Verantwortung für wiederkehrende Folgen. Diese doppelte Perspektive hält Kommunikation konkret.

Drittens sollte die betroffene Person früh gehört werden. „Über jemanden reden“ erzeugt leicht ein geschlossenes Bild, bevor eine eigene Erklärung vorliegt. Beteiligung bedeutet nicht, jede Selbstaussage ungeprüft zu übernehmen. Sie stellt sicher, dass Entscheidungen nicht ausschließlich auf Fremddeutung beruhen.

Viertens brauchen Institutionen regelmäßige Überprüfung ihrer Kategorien. Welche Begriffe werden in Akten häufig verwendet? Sind sie beobachtbar definiert? Treffen negative Beschreibungen bestimmte Gruppen überproportional? Werden Anpassungsbedürfnisse als Verhaltenseigenschaften dokumentiert? Solche Audits können strukturelle Muster sichtbar machen, die im Einzelfall unscheinbar bleiben.

Schließlich ist Wissen über Autismus sinnvoll, wenn es differenziert ist. Ein kurzes Sensibilisierungstraining mit Stereotypen kann neue Schubladen schaffen. Gute Fortbildung erklärt Heterogenität, wechselseitige Kommunikation und konkrete Barrieren. Sie macht deutlich, dass diagnostisches Wissen eine Frage eröffnet – „Welche Bedingungen sind hier relevant?“ – und nicht bereits die Antwort liefert.

Was Betroffene tun können – und was nicht ihre Aufgabe ist

Menschen, die mit festen Erwartungen konfrontiert sind, entwickeln häufig Strategien: schriftliche Zusammenfassungen, Zeugen, konkrete Beispiele oder die Bitte um Kriterien. Solche Mittel können in wichtigen Gesprächen schützen. Sie sind jedoch zusätzliche Arbeit. Eine faire Institution darf nicht voraussetzen, dass die benachteiligte Person jeden Vorurteilsmechanismus selbst ausgleicht.

Hilfreich kann sein, Tatsachen und Interpretationen getrennt zu dokumentieren. Datum, Wortlaut, Entscheidung und Folgen sind später leichter überprüfbar als eine allgemeine Erinnerung an Ungerechtigkeit. Bei formellen Verfahren können Beratungsstellen, Interessenvertretungen oder rechtliche Hilfe nötig sein. Welche Stelle zuständig ist, hängt vom Kontext ab.

Eine Diagnoseoffenlegung sollte nicht als einzige Korrekturmöglichkeit erscheinen. Menschen können um klare Kommunikation, schriftliche Informationen oder einen reizärmeren Raum bitten, ohne ihre gesamte medizinische Geschichte mitzuteilen, soweit der jeweilige Rahmen dies erlaubt. Gleichzeitig können bestimmte Ansprüche einen Nachweis erfordern. Hier ist individuelle Beratung sinnvoll.

Selbstzweifel nach wiederholten negativen Zuschreibungen sind verständlich. Unterstützung kann helfen, konkrete Verantwortung von globaler Scham zu trennen. Das Ziel ist nicht die Gegenbehauptung, die eigene Wahrnehmung sei immer richtig. Es geht darum, wieder prüfbare Fragen zu ermöglichen: Was ist belegt, was wurde interpretiert, und welche Reaktion wäre verhältnismäßig?

Nicht jede Gruppe oder Institution lässt sich durch bessere Erklärung verändern. Manchmal sind Schutz, Beschwerde oder Distanz notwendig. Diese Entscheidung kann Forschung nicht allgemein vorgeben. Sie hängt von Macht, Risiko, Alternativen und persönlicher Kapazität ab.

Grenzen der Forschung

Forschung zu ersten Eindrücken verwendet häufig kurze standardisierte Stimuli und studentische oder online rekrutierte Beobachtende. Dadurch lassen sich Bedingungen kontrollieren, aber reale Beziehungen nur begrenzt abbilden. Ergebnisse über durchschnittliche Bewertungen dürfen nicht als Vorhersage für eine einzelne Begegnung verwendet werden.

Offenlegungsstudien variieren stark in Wortlaut, Kontext und Vorwissen. Ein Diagnoseetikett, eine persönliche Erklärung und eine Schulung sind nicht dasselbe. Zudem können sozial erwünschte Fragebogenantworten von tatsächlichem Verhalten abweichen. Langfristige Daten zu institutionellen Entscheidungen und der Korrektur negativer Erwartungen sind vergleichsweise selten.

AuDHS wird in diesem Feld kaum getrennt untersucht. ADHS-bezogene Stereotype können zusätzlich wirken, etwa Annahmen über Zuverlässigkeit oder Motivation. Es wäre unzulässig, Ergebnisse aus Autismusstudien einfach zu addieren. Menschen erleben zudem mehrere Formen von Stigma, die sich mit Geschlecht, Herkunft, Armut oder psychischer Erkrankung überschneiden können.

Trotz der Grenzen ist die zentrale Aussage gut begründbar: Soziale Bewertung entsteht nicht nur aus dem beobachteten Verhalten. Erwartungen, Darstellungskanal, Kontext und Macht wirken mit. Eine Diagnose kann Verständnis fördern und zugleich neue Stereotype aktivieren. Faire Verfahren machen ihre Kriterien sichtbar, trennen Beobachtung von Deutung und lassen reale Korrektur zu. Damit wird nicht jedes Urteil vermieden, aber verhindert, dass der Ruf einer Person an die Stelle der aktuellen Frage tritt.

Warum ein wohlwollendes Stereotyp trotzdem ungenau bleibt

Stigmaforschung richtet den Blick zu Recht auf Abwertung. Für die Praxis ist aber auch die scheinbar positive Festlegung wichtig. Wird Autismus mit besonderer Logik, Ehrlichkeit oder Detailgenauigkeit gleichgesetzt, klingt das zunächst anerkennend. Als Erwartung kann es jedoch ebenso einengen: Menschen, die diese Zuschreibung nicht erfüllen, erscheinen dann als untypisch oder enttäuschend; tatsächliche Kompetenz wird einer Diagnose zugerechnet, während Unterstützungsbedarf weniger glaubhaft wirkt. Turnock und Kollegen beschreiben in ihrem Modell deshalb nicht nur offen negative Einstellungen, sondern auch die Folgen vereinfachender gesellschaftlicher Vorstellungen.

Der Unterschied zwischen Anerkennung und Stereotyp liegt in der Individualisierung. Eine konkrete Person kann sehr genau arbeiten. Diese Beobachtung bleibt gültig, ohne daraus eine Eigenschaft aller autistischen Menschen zu machen. Ebenso kann ein Team eine direkte Kommunikationsweise schätzen, ohne sie als moralisch überlegene „autistische Ehrlichkeit“ zu verklären. Präzise Sprache schützt hier in beide Richtungen: Sie würdigt eine tatsächliche Fähigkeit und lässt zugleich Raum für andere Profile.

Für Entscheidungen ist entscheidend, ob die Zuschreibung überprüfbar und aufgabenbezogen ist. „Diese Person erkennt in unseren Datensätzen wiederkehrende Fehler“ beschreibt eine beobachtete Leistung. „Autistische Menschen sind gut mit Daten“ ersetzt dagegen die Leistungsprüfung durch ein Gruppenbild. Auch ein freundliches Gruppenbild bleibt wissenschaftlich zu grob und kann Auswahl, Aufgabenverteilung oder Selbstbild verzerren.

Stigma lässt sich außerdem nicht mit einem einzigen Fragebogenwert vollständig erfassen. Einstellungen, erwartete Ablehnung, tatsächliche Benachteiligung und internalisierte Bewertung sind verschiedene Ebenen. Eine Studie kann eine davon messen und eine andere nur indirekt berühren. Aussagen im Artikel werden deshalb auf die jeweils untersuchte Ebene begrenzt; eine berichtete Assoziation mit psychischer Gesundheit beweist weder individuelle Verursachung noch die Richtung des Zusammenhangs.

Auch sogenannte positive Stereotype können Nachteile statistisch unsichtbar machen. Wird jemand wegen der Erwartung besonderer Genauigkeit eingestellt, erscheint die Entscheidung zunächst günstig. Scheitert die Passung später an Aufgabenvielfalt, Reizumgebung oder fehlender Unterstützung, wird das Ergebnis leicht der Person zugerechnet. Eine wissenschaftlich saubere Analyse betrachtet daher sowohl den anfänglichen Vorteil als auch die Bedingungen, unter denen die Zuschreibung neue Risiken erzeugt.

Quellen

  • Cage, E., Di Monaco, J. & Newell, V. (2018). Experiences of Autism Acceptance and Mental Health in Autistic Adults. Journal of Autism and Developmental Disorders, 48, 473–484. https://doi.org/10.1007/s10803-017-3342-7
  • Morrison, K. E., DeBrabander, K. M., Jones, D. R., Faso, D. J., Ackerman, R. A. & Sasson, N. J. (2020). Outcomes of real-world social interaction for autistic adults paired with autistic compared to typically developing partners. Autism, 24(5), 1067–1080. https://doi.org/10.1177/1362361319892701
  • Sasson, N. J., Faso, D. J., Nugent, J., Lovell, S., Kennedy, D. P. & Grossman, R. B. (2017). Neurotypical peers are less willing to interact with those with autism based on thin slice judgments. Scientific Reports, 7, 40700. https://doi.org/10.1038/srep40700
  • Turnock, A., Langley, K. & Jones, C. R. G. (2022). Understanding stigma in autism: A narrative review and theoretical model. Autism in Adulthood, 4(1), 76–91. https://doi.org/10.1089/aut.2021.0005

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine individuelle medizinische, psychologische, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Teilen

Weitere Gedanken

Neues aus der AuDHS-Welt

Neue Inhalte, Wissen und Werkzeugkisten-Downloads direkt per Mail. Nicht ständig. Nur wenn es wirklich etwas Neues gibt.