Warum Aufgaben bei ADHS kurz vor dem Ende liegen bleiben können

Fast fertig ist manchmal ein erstaunlich stabiler Zustand.

Die Wäsche ist gewaschen und getrocknet.

Sie liegt sogar zusammengelegt auf dem Bett.

Eigentlich fehlt nur noch ein Schritt: in den Schrank räumen.

Dort liegt sie drei Tage später immer noch.

Oder ich schreibe eine E-Mail. Der Text ist fertig, ich habe ihn gelesen, der Empfänger stimmt. Ich müsste nur noch auf Senden drücken.

Mache ich gleich.

Zwei Stunden später ist die E-Mail weiterhin geöffnet.

Dann gibt es diese Projekte, die zu 90 Prozent fertig sind. Manchmal zu 95 Prozent. Gelegentlich sogar zu beeindruckenden 99 Prozent.

Das letzte Prozent scheint allerdings unter besonderen Schutz gestellt worden zu sein.

Von außen wirkt das schnell absurd. Wer fast alles geschafft hat, müsste den Rest doch erst recht problemlos erledigen können.

Aber eine Aufgabe zu beginnen und an einer Aufgabe dranzubleiben, bis sie tatsächlich abgeschlossen ist, sind nicht derselbe Prozess. Bei Erwachsenen mit ADHS können Schwierigkeiten, Anstrengung aufrechtzuerhalten, Verhalten zu überwachen und zielgerichtete Handlungen zu organisieren, Teil der alltäglichen exekutiven Schwierigkeiten sein. Das europäische Konsensuspapier zu ADHS im Erwachsenenalter beschreibt genau solche Bereiche der Verhaltensselbstregulation.

Wann sind Aufgaben bei ADHS eigentlich fertig?

Das klingt zunächst nach einer ziemlich einfachen Frage.

Die Spülmaschine ist fertig, wenn das Geschirr sauber ist.

Oder?

Eigentlich muss ich sie noch ausräumen.

Dann steht ein Topf auf der Arbeitsfläche, weil ich nicht weiß, wohin damit.

Ist die Aufgabe jetzt fertig?

Bei vielen Tätigkeiten besteht das, was wir umgangssprachlich als eine Aufgabe bezeichnen, tatsächlich aus mehreren einzelnen Handlungsschritten.

Eine Rechnung bezahlen kann bedeuten:

Rechnung öffnen, Zahlungsinformationen finden, Banking öffnen, Zahlung erfassen, kontrollieren, freigeben und anschließend die Rechnung ablegen oder als erledigt markieren.

„Rechnung bezahlen“ klingt nach einer Handlung.

Es sind aber mehrere.

Und jeder Übergang zwischen diesen Schritten verlangt, dass das aktuelle Ziel weiterverfolgt wird.

Genau hier kommen exekutive Funktionen ins Spiel. Sie umfassen Prozesse, die zielgerichtetes Verhalten ermöglichen – etwa Planung, Arbeitsgedächtnis, Inhibition, Aufmerksamkeitssteuerung und die Überwachung des eigenen Verhaltens. Meta-analytische Forschung findet bei ADHS im Durchschnitt Unterschiede in mehreren dieser Bereiche. Gleichzeitig sind solche Unterschiede keineswegs bei allen Menschen mit ADHS vorhanden und erklären die Störung nicht vollständig.

Das ist für unsere Artikel wichtig:

„Ich lasse Dinge manchmal fast fertig liegen“ ist kein neuropsychologischer Befund.

Aber verschiedene Prozesse, die bei ADHS beeinträchtigt sein können, können dazu beitragen.

Der interessante Teil ist vorbei

Manche Aufgaben verändern während ihrer Bearbeitung ihren Charakter.

Am Anfang gibt es vielleicht ein Problem zu lösen.

Etwas Neues entsteht.

Ich recherchiere, entwickle eine Idee, gestalte etwas oder finde heraus, wie etwas funktioniert.

Und irgendwann ist das Problem gelöst.

Jetzt fehlen nur noch:

Datei ordentlich benennen.

Exportieren.

Hochladen.

Dokumentieren.

Wegräumen.

Abheften.

Absenden.

Mit anderen Worten: der Verwaltungsakt nach dem interessanten Teil.

ADHS wird nicht nur im Zusammenhang mit klassischen exekutiven Funktionen untersucht. Auch Motivation, Belohnungsverarbeitung, Aufmerksamkeit und die Regulation von Anstrengung spielen in aktuellen Erklärungsmodellen eine Rolle. Deshalb wäre es zu einfach, jede liegengebliebene Abschlussaufgabe ausschließlich mit „schlechter Exekutivfunktion“ zu erklären.

Im Alltag können mehrere Dinge zusammenkommen.

Vielleicht ist der stimulierende Teil einer Tätigkeit abgeschlossen. Vielleicht verlangt der Rest eine neue Art von Aufmerksamkeit. Vielleicht muss ich zwischen Arbeitsschritten wechseln. Vielleicht ist das Ziel nicht mehr präsent. Vielleicht kommt eine andere Aufgabe dazwischen.

Und manchmal ist der letzte Schritt einfach langweilig.

Auch langweilig darf eine wissenschaftlich zulässige Erklärungskomponente sein.

„Aber es dauert doch nur zwei Minuten“

Das ist einer meiner Lieblingssätze.

Denn die Dauer einer Aufgabe sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie leicht sie sich beginnen oder beenden lässt.

Die Tasse in die Küche bringen: 20 Sekunden.

Den Brief einwerfen: 30 Sekunden.

Die Datei verschicken: 15 Sekunden.

Den Termin bestätigen: vielleicht eine Minute.

Wenn Zeitaufwand allein bestimmen würde, welche Aufgaben Menschen problemlos erledigen, dürfte praktisch niemand einen unbeantworteten Brief, eine herumstehende Tasse oder eine seit drei Tagen offene Browserregisterkarte besitzen.

Bei ADHS können Schwierigkeiten beim Initiieren, Organisieren, Aufrechterhalten von Anstrengung und Überwachen des eigenen Verhaltens auftreten. Das bedeutet: Ein objektiv kleiner letzter Schritt kann trotzdem einen erneuten Handlungsimpuls erfordern.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht immer:

„Wie lange dauert das?“

Sondern möglicherweise:

„Muss ich dafür noch einmal neu ins Handeln kommen?“

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Fast fertig kann einen neuen Anfang enthalten

Hier verbindet sich unser fünfter Artikel mit dem ersten.

Angenommen, ich habe ein Formular ausgefüllt.

Dann klingelt das Telefon.

Nach dem Gespräch liegt das Formular noch auf dem Tisch. Inhaltlich ist es fertig.

Ich muss es nur noch einscannen und verschicken.

Aber genau genommen beginnt jetzt eine neue Handlungskette:

Scanner oder App öffnen.

Dokument erfassen.

Datei speichern.

E-Mail öffnen.

Empfänger auswählen.

Datei anhängen.

Absenden.

Die ursprüngliche Aufgabe war vielleicht „Formular ausfüllen“.

Der Kopf behandelt „Formular verschicken“ möglicherweise längst als etwas Neues.

Dann ist das Problem am Ende einer Aufgabe plötzlich wieder das Problem vom Anfang:

Ich muss anfangen.

Deshalb können „Aufgaben beginnen“ und „Aufgaben beenden“ im Alltag eng miteinander verbunden sein.

Und dann kommt etwas Neues dazwischen

Ein weiterer unspektakulärer Grund für unfertige Dinge ist Konkurrenz.

Ich räume die Küche auf und finde einen Brief.

Der Brief erinnert mich daran, dass ich etwas überweisen muss.

Dafür hole ich das Handy.

Dort sehe ich eine Nachricht.

Ich antworte.

Zwanzig Minuten später stehe ich im Wohnzimmer.

Die Küche ist zu 80 Prozent fertig.

Der Brief liegt irgendwo.

Aber immerhin habe ich jemandem ein ausgesprochen schönes GIF geschickt.

Hier können Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Zielaufrechterhaltung zusammenspielen. Wenn ein neues Ziel in den Vordergrund rückt, muss das ursprüngliche Ziel weiterhin verfügbar bleiben oder später wieder aktiviert werden.

Das europäische Konsensuspapier nennt bei Erwachsenen mit ADHS neben Organisation und Initiierung auch Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit und Anstrengung sowie bei der Selbstüberwachung des Verhaltens. Gleichzeitig betont es, dass diese alltagsbezogenen Beschreibungen nicht mit einem einzelnen neuropsychologischen Test gleichgesetzt werden dürfen.

Das schützt uns vor der beliebten Versuchung, aus jedem herumstehenden Wäschekorb eine Hirnfunktion abzuleiten.

Manchmal wurde man schlicht unterbrochen.

Bei ADHS kann es allerdings schwieriger sein, anschließend zum ursprünglichen Ziel zurückzukehren.

Erledigt ist nicht dasselbe wie perfekt

Es gibt noch einen anderen Grund, warum der letzte Schritt schwer werden kann, und der ist nicht spezifisch für ADHS:

Die Aufgabe muss bewertet werden.

Solange ich an einem Text arbeite, kann ich ihn verändern.

Sobald ich auf „Veröffentlichen“ drücke, steht er da.

Solange eine Bewerbung auf meinem Rechner liegt, kann ich sie verbessern.

Sobald ich sie abschicke, kann jemand anderes sie beurteilen.

Der Abschluss einer Aufgabe kann also bedeuten, Kontrolle abzugeben.

Perfektionismus, Unsicherheit oder Angst vor Bewertung können deshalb ebenfalls dazu beitragen, dass Dinge nicht abgeschlossen werden. Das ist wichtig, weil nicht jede Schwierigkeit bei einem Menschen mit ADHS automatisch wegen ADHS entsteht.

Wenn ich eine E-Mail zwanzigmal überarbeite, weil ich Angst habe, falsch verstanden zu werden, ist das möglicherweise eine andere Situation als eine E-Mail, die schlicht aus meinem Blickfeld verschwunden ist.

Von außen sehen beide gleich aus:

Entwurf. Nicht gesendet.

Der zugrunde liegende Prozess kann völlig verschieden sein.

Das letzte Prozent sichtbar machen

Eine Möglichkeit, mit unfertigen Aufgaben umzugehen, besteht deshalb darin, genauer hinzusehen, wo „fertig“ eigentlich liegt.

„Wäsche machen“ endet nicht zwingend, wenn die Waschmaschine piept.

„Steuerunterlagen erledigen“ endet vielleicht nicht beim Ausfüllen.

„Artikel schreiben“ endet möglicherweise erst nach Korrektur, Veröffentlichung und Ablage.

Das klingt banal. Aber wenn der letzte Schritt in der ursprünglichen Planung gar nicht vorkommt, kann er später wie eine zusätzliche Aufgabe auftauchen.

Hilfreicher kann deshalb eine konkrete Definition sein:

Was muss passiert sein, damit ich diese Sache wirklich als erledigt betrachten kann?

Nicht perfekt.

Nicht für alle Ewigkeit optimiert.

Erledigt.

Externe Strukturen dürfen den Abschluss übernehmen

Wie schon beim Arbeitsgedächtnis gilt auch hier: Nicht alles muss intern geregelt werden.

Checklisten können Abschluss-Schritte sichtbar machen.

Ein fester Ablageort kann verhindern, dass erledigte Dokumente noch eine zweite Karriere auf dem Küchentisch beginnen.

Kalender und Erinnerungen können offene Enden wieder sichtbar machen.

Und bei wiederkehrenden Tätigkeiten können feste Abläufe die Zahl der Entscheidungen reduzieren.

Die NICE-Leitlinie empfiehlt bei ADHS ausdrücklich, individuell sinnvolle Umweltanpassungen und Struktur zu berücksichtigen. Dazu können beispielsweise schriftliche Informationen, veränderte Arbeitsbedingungen oder eine Verringerung von Ablenkungen gehören. Bei Erwachsenen mit anhaltender relevanter Beeinträchtigung kommen abhängig von der individuellen Situation außerdem medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsansätze infrage.

Solche Hilfen sind kein Ersatz dafür, „endlich organisiert zu werden“.

Sie sind Organisation.

Ein Abschluss braucht manchmal einen eigenen Platz

Vielleicht hilft deshalb eine kleine gedankliche Verschiebung.

Der Abschluss ist nicht der belanglose Rest einer Aufgabe.

Er ist ein Teil der Aufgabe.

Wenn ich für etwas eine Stunde einplane und nach 55 Minuten mit dem eigentlichen Inhalt fertig bin, gehören die letzten fünf Minuten möglicherweise dem Abschluss:

speichern, versenden, aufräumen, dokumentieren, zurücklegen.

Das verhindert natürlich nicht automatisch, dass etwas liegen bleibt.

Aber es macht sichtbar, dass zwischen „inhaltlich fertig“ und „wirklich erledigt“ noch Arbeit liegen kann.

Und genau diese Arbeit verschwindet in unserer Planung erstaunlich häufig.

Fast fertig ist noch offen

Unfertige Aufgaben sind kein exklusives ADHS-Phänomen.

Menschen ohne ADHS lassen Wäsche liegen, vergessen E-Mails und besitzen Schubladen voller Dinge, die sie „später noch erledigen“ wollten.

Bei ADHS können jedoch Schwierigkeiten in mehreren Bereichen exekutiver Selbstregulation dazu beitragen, dass Aufgabeninitiation, Zielaufrechterhaltung, Organisation und Abschluss im Alltag mehr Aufwand verlangen. Forschung findet auf Gruppenebene Unterschiede in verschiedenen exekutiven Bereichen, zeigt aber gleichzeitig deutlich, dass es nicht das eine universelle exekutive Defizit gibt, das jeden Menschen mit ADHS beschreibt.

Deshalb müssen wir aus einer herumliegenden Wäscheladung kein neurologisches Großereignis machen.

Aber wir müssen auch nicht so tun, als wäre der letzte Schritt immer automatisch der leichteste.

Vielleicht fehlt nicht mehr viel.

Aber auch „nicht mehr viel“ muss noch gemacht werden.


Quellen & weiterführende Literatur

Kooij, J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34. Das Konsensuspapier beschreibt bei Erwachsenen mit ADHS alltagsbezogene Schwierigkeiten unter anderem beim Organisieren und Initiieren von Arbeit, Aufrechterhalten von Anstrengung sowie bei Selbstüberwachung und Verhaltensregulation. Es betont zugleich die notwendige Unterscheidung zwischen solchen Alltagsbeschreibungen und neurokognitiven Testbefunden.

European Consensus Statement

Boonstra, A. M., Oosterlaan, J., Sergeant, J. A. & Buitelaar, J. K. (2005): Executive functioning in adult ADHD: a meta-analytic review. Psychological Medicine, 35(8), 1097–1108. Die Meta-Analyse fand bei Erwachsenen mit ADHS mittlere Gruppenunterschiede in mehreren exekutiven Bereichen, aber auch in nicht-exekutiven Maßen und warnt vor einer zu einfachen Erklärung von ADHS ausschließlich über exekutive Funktionen.

Boonstra et al. bei PubMed

Willcutt, E. G. et al. (2005): Validity of the executive function theory of attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analytic review. Biological Psychiatry, 57(11), 1336–1346. Die Meta-Analyse von 83 Studien fand Gruppenunterschiede in mehreren exekutiven Bereichen, insbesondere Inhibition, Vigilanz, Arbeitsgedächtnis und Planung. Die Autoren betonen zugleich, dass exekutive Schwächen weder notwendig noch ausreichend sind, um alle Fälle von ADHS zu erklären.

Willcutt et al. bei PubMed

National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). Die Leitlinie behandelt bei Erwachsenen unter anderem individuelle Umweltanpassungen, Struktur sowie medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten.

NICE-Leitlinie NG87

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.

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