Wenn Gedanken einfach verschwinden: Arbeitsgedächtnis bei ADHS

Ich wollte gerade noch etwas machen. Ich weiß sogar, dass es wichtig war. Nur was es war, hat mein Kopf offenbar nicht für erwähnenswert gehalten.

Ich gehe in die Küche.

Dort angekommen stehe ich da und habe keine Ahnung, warum.

Also zurück ins Wohnzimmer. Und kaum bin ich dort, fällt es mir wieder ein: Wasser holen.

Ich gehe erneut in die Küche.

Auf dem Weg sehe ich etwas, das ich noch wegräumen wollte.

Drei Minuten später räume ich dieses Etwas weg, finde dabei etwas anderes und irgendwann steht das Glas Wasser noch immer in der Küche – allerdings ohne mich.

Solche Situationen werden gern mit einem etwas hilflosen „Ich bin einfach vergesslich“ beschrieben.

Aber Vergessen ist nicht gleich Vergessen.

Bei ADHS kann unter anderem das Arbeitsgedächtnis eine Rolle spielen. Und das ist etwas anderes als die Frage, ob ich mich daran erinnern kann, wo ich vor zehn Jahren im Urlaub war oder wie mein erster Lehrer hieß.

Arbeitsgedächtnis bedeutet vereinfacht, Informationen für kurze Zeit verfügbar zu halten und gleichzeitig mit ihnen arbeiten zu können. Genau darin zeigen Untersuchungen bei Erwachsenen mit ADHS im Durchschnitt Unterschiede gegenüber Erwachsenen ohne ADHS. Eine Meta-Analyse von 38 Studien fand Effekte mittlerer Größenordnung sowohl bei sprachlichen als auch bei visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisaufgaben.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit ADHS ein schlechtes Arbeitsgedächtnis hat.

Aber es erklärt, warum dieses Thema in der ADHS-Forschung immer wieder auftaucht.

Arbeitsgedächtnis ist kein Ablagefach

Der Begriff kann zunächst etwas irreführend sein.

Gedächtnis klingt nach Speichern.

Arbeitsgedächtnis bedeutet aber nicht einfach, eine Information irgendwo abzulegen und später wieder hervorzuholen. Es geht darum, Informationen kurzzeitig aktiv verfügbar zu halten und zu verarbeiten.

Ein einfaches Beispiel:

Jemand sagt mir eine Telefonnummer und ich behalte sie im Kopf, bis ich sie eingetippt habe.

Etwas komplexer:

Ich koche nach einem Rezept, merke mir den gerade gelesenen Schritt, führe ihn aus und behalte gleichzeitig im Blick, was danach kommt.

Oder:

Ich schreibe einen Text und muss während eines Satzes noch wissen, was ich am Anfang dieses Satzes eigentlich sagen wollte.

Das Arbeitsgedächtnis ist damit an erstaunlich vielen alltäglichen Vorgängen beteiligt.

Planen. Lesen. Kopfrechnen. Gespräche führen. Anweisungen ausführen. Entscheidungen treffen. Aufgaben strukturieren.

Und genau deshalb kann eine Beeinträchtigung an sehr unterschiedlichen Stellen sichtbar werden.

„Aber ich habe es dir doch gerade gesagt“

Dieser Satz ist besonders interessant.

Denn wenn mir jemand etwas gesagt hat und ich es fünf Minuten später nicht mehr präsent habe, wirkt es schnell so, als hätte ich nicht zugehört.

Vielleicht habe ich aber sehr wohl zugehört.

Die Information war da.

Nur ist „Information aufnehmen“ nicht dasselbe wie „Information über längere Zeit aktiv verfügbar halten“.

Stellen wir uns vor, jemand sagt:

„Wenn du nachher runtergehst, nimm bitte das Paket mit, bring den Brief zur Post und denk daran, auf dem Rückweg Milch zu kaufen.“

Das ist keine besonders komplizierte Anweisung.

Aber ich muss mehrere Informationen gleichzeitig aufrechterhalten, sie in der richtigen Situation wieder aktivieren und dabei möglicherweise noch mit anderen Reizen und Gedanken umgehen.

Dann klingelt das Handy.

Ich suche meine Schuhe.

Dabei sehe ich den Müll.

Draußen überlege ich, ob ich den Bus noch bekomme.

Und an irgendeiner Stelle verabschiedet sich die Milch aus dem aktiven Programm.

Nicht unbedingt aus Protest.

Sie ist einfach nicht mehr da.

Das ist nicht dasselbe wie Langzeitgedächtnis

Das macht einige scheinbare Widersprüche verständlicher.

Ein Mensch kann sich hervorragend an Details aus seiner Kindheit erinnern, unglaubliches Fachwissen über ein Interessengebiet besitzen oder Gespräche von vor Jahren nahezu wortgetreu rekonstruieren – und gleichzeitig vergessen, weshalb er gerade sein Handy in der Hand hält.

Das widerspricht sich nicht.

Gedächtnis ist kein einzelnes System.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Forschung zum Langzeitgedächtnis bei Erwachsenen mit ADHS. Eine Meta-Analyse fand bei verbalen Gedächtnisleistungen Unterschiede gegenüber Kontrollgruppen, wobei diese stark mit Schwierigkeiten bei der Aufnahme beziehungsweise dem Enkodieren der Informationen zusammenhingen. Die Autoren fanden dagegen keinen entsprechenden Hinweis auf ein grundsätzliches Abrufproblem.

Vereinfacht gesagt:

Manchmal ist eine Information später nicht deshalb schwer verfügbar, weil das Langzeitgedächtnis sie irgendwo verschlampt hat.

Vielleicht ist sie vorher schon nicht besonders stabil hineingekommen.

Arbeitsgedächtnis bei ADHS: Warum Ablenkungen so teuer werden können

Stell dir das Arbeitsgedächtnis nicht als riesigen Schreibtisch vor.

Eher als Arbeitsfläche, auf der gerade das liegt, womit gearbeitet wird.

Wenn dort bereits mehrere Dinge liegen und ständig jemand etwas Neues daraufstellt, wird es irgendwann schwierig.

Das ist natürlich nur ein Bild und kein neuropsychologisches Modell. Aber es macht einen wichtigen Zusammenhang anschaulich:

Eine Ablenkung muss nicht lange dauern, um relevant zu sein.

Ich kann an einer E-Mail schreiben und genau wissen, was ich formulieren möchte.

Dann erscheint eine Nachricht.

Ich schaue kurz hin.

Wirklich kurz.

Danach schaue ich wieder auf die E-Mail.

Und der Satz ist weg.

Nicht der bereits geschriebene Satz.

Der nächste.

Der, der gerade noch vollständig in meinem Kopf existierte.

Jetzt sehe ich den Cursor blinken.

Er weiß offenbar auch nicht weiter.

Bei ADHS finden sich messbare Unterschiede – aber keine einfache Universalregel

Das Arbeitsgedächtnis gehört zu den besser untersuchten kognitiven Bereichen bei ADHS.

Die Meta-Analyse von Alderson und Kollegen aus dem Jahr 2013 wertete 38 Studien mit Erwachsenen aus und fand Unterschiede mittlerer Effektstärke sowohl im phonologischen – also vereinfacht sprachlich-auditiven – als auch im visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung, dass methodische Unterschiede zwischen den verwendeten Aufgaben einen Teil der schwankenden Studienergebnisse erklären können.

Eine weitere experimentelle Untersuchung derselben Forschungsgruppe fand bei Erwachsenen mit ADHS ebenfalls Unterschiede in sprachlichen und visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisaufgaben, besonders wenn die Anforderungen an die Menge der gleichzeitig zu verarbeitenden Informationen zunahmen.

Ältere Meta-Analysen und neuere systematische Übersichten ordnen Arbeitsgedächtnisschwierigkeiten ebenfalls in ein breiteres neuropsychologisches Profil von ADHS ein. Gleichzeitig zeigen sie etwas, das für unseren Wissen-Bereich wichtig ist:

ADHS lässt sich nicht auf ein Arbeitsgedächtnisdefizit reduzieren.

Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Menschen. Nicht jeder Erwachsene mit ADHS zeigt in neuropsychologischen Tests dieselben Auffälligkeiten. Und Schwierigkeiten im Alltag lassen sich nicht automatisch aus einem einzelnen Testergebnis ableiten.

Das europäische Konsensuspapier zu ADHS im Erwachsenenalter weist ausdrücklich auf diesen Unterschied hin: Alltagsbeschreibungen exekutiver Schwierigkeiten und Ergebnisse neuropsychologischer Tests korrelieren nicht besonders gut miteinander.

Das ist wichtig.

Denn wenn ich dreimal am Tag vergesse, was ich gerade machen wollte, habe ich damit noch keinen Arbeitsgedächtnistest durchgeführt.

Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit hängen im Alltag zusammen

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, einzelne Prozesse im echten Leben sauber voneinander zu trennen.

Habe ich vergessen, was ich machen wollte, weil die Information nicht stabil im Arbeitsgedächtnis gehalten wurde?

Oder wurde meine Aufmerksamkeit vorher von etwas anderem eingefangen?

War ich müde?

War ich gestresst?

Hatte ich überhaupt richtig zugehört?

War die Anweisung zu lang?

Habe ich gleichzeitig drei andere Dinge gemacht?

Im Labor versucht man, solche Faktoren möglichst gut zu kontrollieren.

Mein Wohnzimmer hat von diesem Konzept leider noch nichts gehört.

Dort klingelt das Telefon, draußen fährt ein Auto vorbei, auf dem Tisch liegt ein Brief, den ich seit gestern beantworten wollte, und während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich noch etwas bestellen muss.

Deshalb sollte man vorsichtig damit sein, jede vergessene Alltagshandlung einem einzigen kognitiven Mechanismus zuzuschreiben.

Das Arbeitsgedächtnis kann beteiligt sein.

Es ist aber nicht zwangsläufig allein verantwortlich.

Warum Priorisieren dadurch ebenfalls schwieriger werden kann

Hier schließt sich der Kreis zu unserem vorherigen Artikel.

Um Prioritäten zu setzen, muss ich mehrere Informationen gegeneinander abwägen.

Aufgabe A muss heute erledigt werden.

Aufgabe B dauert nur zehn Minuten.

Für Aufgabe C brauche ich vorher eine Rückmeldung.

Aufgabe D ist eigentlich wichtig, kann aber bis Freitag warten.

Damit ich sinnvoll entscheiden kann, muss ein Teil dieser Informationen gleichzeitig verfügbar sein.

Wenn mir währenddessen Aufgabe C gedanklich verschwindet, verändert sich meine Entscheidung.

Nicht weil C plötzlich objektiv unwichtig geworden wäre.

Sondern weil sie gerade nicht mehr auf meiner mentalen Arbeitsfläche liegt.

Das ist einer der Gründe, warum externe Systeme so hilfreich sein können: Sie halten Informationen sichtbar, ohne dass das Gehirn sie permanent aktiv halten muss.

Aufschreiben ist keine Kapitulation

Manchmal entsteht die Vorstellung, man müsse sich Dinge „einfach merken können“.

Aber warum eigentlich?

Wenn ich Informationen aufschreibe, einen Kalender benutze oder eine Erinnerung einstelle, habe ich mein Gedächtnis nicht besiegt.

Ich habe ein Werkzeug benutzt.

Niemand würde sagen:

„Du kannst die Rechnung nur lösen, weil du sie auf Papier geschrieben hast.“

Bei Organisation tun wir manchmal trotzdem so, als wäre jede externe Unterstützung eine Art Mogeln.

Dabei nennt auch die NICE-Leitlinie für ADHS ausdrücklich Umweltanpassungen und Struktur im Alltag als wichtige Bestandteile im Umgang mit den Auswirkungen von ADHS. Als Beispiele werden unter anderem schriftliche Anweisungen, die Reduktion von Ablenkungen und angepasste Arbeitsbedingungen genannt.

Das Prinzip dahinter ist ziemlich vernünftig:

Wenn eine Information wichtig ist, muss sie nicht ausschließlich davon abhängig sein, dass ich sie im richtigen Moment im Kopf behalte.

Aus dem Kopf in die Umgebung

Das kann ganz unterschiedlich aussehen.

Eine Aufgabe kann im Kalender stehen.

Ein Gedanke kann sofort notiert werden.

Eine Einkaufsliste kann dort liegen, wo ich sie tatsächlich brauche.

Eine komplexe Aufgabe kann in sichtbare Zwischenschritte zerlegt werden.

Eine mündliche Information kann zusätzlich schriftlich festgehalten werden.

Ein Gegenstand, den ich mitnehmen muss, kann vor der Tür liegen.

Nicht jede dieser Strategien funktioniert für jeden Menschen. Und insbesondere Erinnerungssysteme können irgendwann selbst so zahlreich werden, dass man hauptsächlich Erinnerungen daran benötigt, seine Erinnerungen anzusehen.

Auch das wäre beeindruckend organisiert.

Nur möglicherweise nicht besonders hilfreich.

Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst viele Systeme zu bauen.

Sondern die relevanten Informationen dort verfügbar zu machen, wo und wann sie gebraucht werden.

Vergessen bedeutet nicht automatisch Desinteresse

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Punkte.

Wenn jemand eine Information vergisst, wird daraus schnell eine Bewertung:

„Das war dir wohl nicht wichtig.“

„Du hast mir nicht zugehört.“

„Wenn es dir wichtig wäre, würdest du daran denken.“

Manchmal kann das natürlich stimmen.

Menschen vergessen Dinge aus allen möglichen Gründen.

Aber Vergessen ist kein zuverlässiges Messinstrument für Bedeutung.

Ich kann etwas ausgesprochen wichtig finden und trotzdem nicht im richtigen Moment daran denken.

Ich kann einer Person aufmerksam zuhören und trotzdem einen Teil des Gesagten später nicht mehr präsent haben.

Und ich kann fest entschlossen sein, etwas zu erledigen – bis eine andere Information den Platz einnimmt, den dieser Vorsatz gerade hatte.

Bei ADHS können Schwierigkeiten des Arbeitsgedächtnisses ein Teil dieser Erfahrungen sein. Die Forschung zeigt dafür auf Gruppenebene belastbare Hinweise. Sie zeigt aber genauso, warum wir daraus keine simple Erklärung für jedes vergessene Glas Wasser machen sollten.

Vielleicht ist also nicht jede Information verschwunden.

Manche hat mein Kopf nur kurz abgelegt – leider ohne mir mitzuteilen, wo.


Quellen & weiterführende Literatur

Alderson, R. M., Kasper, L. J., Hudec, K. L. & Patros, C. H. G. (2013): Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and working memory in adults: a meta-analytic review. Neuropsychology, 27(3), 287–302. Die Meta-Analyse umfasst 38 Studien und fand bei Erwachsenen mit ADHS Unterschiede mittlerer Effektstärke im phonologischen und visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis.

Alderson et al. bei PubMed

Alderson, R. M., Hudec, K. L., Patros, C. H. G. & Kasper, L. J. (2013): Working memory deficits in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): an examination of central executive and storage/rehearsal processes. Journal of Abnormal Psychology, 122(2), 532–541. Die Studie untersuchte sprachliche und visuell-räumliche Arbeitsgedächtnisprozesse bei Erwachsenen mit ADHS.

Studie bei PubMed

Skodzik, T., Holling, H. & Pedersen, A. (2017): Long-Term Memory Performance in Adult ADHD. Journal of Attention Disorders. Die Meta-Analyse untersuchte Gedächtniserwerb und Langzeitgedächtnis bei Erwachsenen mit ADHS und fand Hinweise darauf, dass beobachtete verbale Langzeitgedächtnisunterschiede wesentlich mit der Informationsaufnahme zusammenhängen.

Meta-Analyse bei PubMed

Kooij, J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34. Das Konsensuspapier beschreibt Arbeitsgedächtnis als einen Bereich möglicher exekutiver Schwierigkeiten und betont die Unterscheidung zwischen Alltagsratings und neurokognitiven Tests.

European Consensus Statement

National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). Die Leitlinie betont Struktur und individuell angepasste Umweltveränderungen und nennt unter anderem schriftliche Informationen und die Reduktion von Ablenkungen als mögliche Anpassungen.

NICE-Leitlinie NG87

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.

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