Warum Aufgabenwechsel bei ADHS so schwer sein können

Endlich drin. Der Kopf läuft. Und ausgerechnet jetzt soll etwas anderes passieren.

Es gibt Aufgaben, bei denen ich eine gefühlte Ewigkeit brauche, um überhaupt hineinzukommen. Und wenn es endlich funktioniert, möchte ich vor allem eines: in Ruhe gelassen werden.

Dann klingelt das Telefon. Ein Termin steht an. Eigentlich müsste ich langsam etwas essen. Oder jemand sagt diesen bemerkenswert harmlosen Satz: „Kannst du mal kurz …?“

Kurz.

Ein faszinierendes Wort.

Denn was von außen wie eine kleine Unterbrechung aussieht, kann sich im Kopf deutlich größer anfühlen. Nicht unbedingt, weil die andere Aufgabe schwierig wäre. Manchmal besteht das eigentliche Problem darin, die aktuelle Tätigkeit loszulassen, die Aufmerksamkeit neu auszurichten und anschließend in einen anderen Handlungszusammenhang hineinzufinden.

Bei ADHS können solche Wechsel mit Prozessen zusammenhängen, die unter anderem der kognitiven Flexibilität und den exekutiven Funktionen zugerechnet werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder schwierige Aufgabenwechsel bei ADHS automatisch eine „exekutive Dysfunktion“ ist – oder dass Menschen mit ADHS grundsätzlich nicht flexibel wären. Die Forschung ist deutlich interessanter als diese einfache Erklärung.

Wechseln bedeutet mehr als nur aufhören

Nehmen wir eine ziemlich gewöhnliche Situation.

Ich sitze am Rechner und arbeite an etwas. Eigentlich müsste ich um 14 Uhr los. Um 13:45 Uhr weiß ich das. Um 13:50 Uhr weiß ich es immer noch. Um 13:55 Uhr weiß ich sogar ausgesprochen intensiv, dass ich gleich losmuss.

Das Problem ist also nicht unbedingt fehlendes Wissen.

Damit ich tatsächlich aufstehe, muss ich meine aktuelle Tätigkeit unterbrechen, möglicherweise einen Gedanken festhalten, entscheiden, an welcher Stelle ich später weitermache, meine Aufmerksamkeit von der bisherigen Aufgabe lösen, das nächste Ziel aktivieren und die dafür notwendigen Schritte beginnen.

Aus „Jetzt hör auf und mach etwas anderes“ wird damit eine ganze Reihe kognitiver Vorgänge.

In der Forschung wird ein Teil davon unter Begriffen wie Set-Shifting, Task Switching oder kognitive Flexibilität untersucht. Gemeint ist vereinfacht die Fähigkeit, das eigene Denken oder Verhalten an veränderte Anforderungen anzupassen und zwischen unterschiedlichen Regeln, Zielen oder Aufgaben umzuschalten.

Meta-analytische Forschung zu Erwachsenen mit ADHS fand unter anderem mittlere Gruppenunterschiede beim sogenannten Set-Shifting. Gleichzeitig traten Unterschiede auch in Bereichen auf, die nicht zu den klassischen exekutiven Funktionen gezählt werden. ADHS lässt sich deshalb nicht auf ein einzelnes Defizit beim Umschalten reduzieren.

Unser Gehirn wechselt ohnehin nicht kostenlos

Dabei ist etwas wichtig, das gar nicht speziell mit ADHS beginnt: Aufgabenwechsel kosten grundsätzlich kognitive Ressourcen.

Auch Menschen ohne ADHS wechseln nicht völlig reibungslos zwischen unterschiedlichen Aufgaben oder Regeln. In experimentellen Task-Switching-Paradigmen zeigt sich häufig ein sogenannter Switch Cost: Nach einem Wechsel können Reaktionen beispielsweise langsamer sein als bei der Wiederholung derselben Aufgabe.

Ein Wechsel ist also nicht einfach:

Aufgabe A aus → Aufgabe B an.

Das Gehirn muss sich auf veränderte Anforderungen einstellen.

Bei ADHS wird zusätzlich untersucht, ob und wie Prozesse der kognitiven Flexibilität verändert sind. Eine Meta-Analyse zu Erwachsenen mit ADHS fand, wie erwähnt, einen mittleren Effekt beim Set-Shifting. Ein systematischer Review zu neurobiologischen Untersuchungen der kognitiven Flexibilität bei ADHS berichtete ebenfalls Unterschiede in der Verarbeitung von Aufgabenwechseln.

Aber selbst hier wäre die Aussage „ADHS verursacht höhere Wechselkosten“ zu pauschal. Einzelne Untersuchungen an Erwachsenen kommen durchaus zu anderen Ergebnissen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 fand beispielsweise in den verwendeten Switching-Aufgaben keine schlechtere kognitive Flexibilität der ADHS-Gruppe, sondern teilweise sogar geringere Wechselkosten als bei der Kontrollgruppe.

Das ist kein Widerspruch, den wir irgendwie wegdiskutieren müssen.

Es zeigt vielmehr, warum man aus einem alltäglichen Erlebnis nicht vorschnell einen einzelnen neuropsychologischen Mechanismus machen sollte.

Alltag und Labortest sind nicht dasselbe

Das ist bei exekutiven Funktionen ohnehin ein wichtiger Punkt.

Das europäische Konsensuspapier zu ADHS im Erwachsenenalter beschreibt Schwierigkeiten unter anderem beim Organisieren, Priorisieren und Initiieren von Arbeit sowie beim Fokussieren, Aufrechterhalten und Wechseln der Aufmerksamkeit zwischen Aufgaben. Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass solche im Alltag beschriebenen Schwierigkeiten nicht besonders gut mit den Ergebnissen klassischer neuropsychologischer Tests exekutiver Funktionen übereinstimmen müssen.

Das ist für unseren Alltag ziemlich relevant.

In einem Experiment bedeutet Task Switching möglicherweise, auf einem Bildschirm zwischen zwei klar definierten Regeln zu wechseln.

Im echten Leben bedeutet es:

Ich arbeite gerade an einem Text.
In zwanzig Minuten habe ich einen Termin.
Vorher müsste ich mich umziehen.
Mein Handy klingelt.
In der Küche steht noch mein Kaffee.
Und währenddessen möchte ein Teil meines Kopfes unbedingt den Gedanken fertigdenken, den ich gerade hatte.

Das sind nicht dieselben Bedingungen.

Deshalb wäre es falsch zu sagen: „Du kannst dich schlecht von einer Aufgabe lösen, also ist deine kognitive Flexibilität beeinträchtigt.“ Ein Alltagserlebnis kann durch mehrere Prozesse beeinflusst werden – Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Motivation, emotionale Regulation, die Beschaffenheit der Aufgabe, Ablenkungen, Müdigkeit oder schlicht dadurch, dass eine Unterbrechung gerade ausgesprochen ungünstig kommt.

Wenn endlich Fokus da ist, möchte man ihn vielleicht nicht freiwillig hergeben

Dazu kommt bei ADHS ein scheinbarer Widerspruch.

Auf der einen Seite können Schwierigkeiten bestehen, die Aufmerksamkeit bei einer Aufgabe zu halten. Auf der anderen Seite kann es Situationen geben, in denen man ausgesprochen lange und intensiv bei einer Tätigkeit bleibt.

Umgangssprachlich wird dafür häufig sofort das Wort Hyperfokus verwendet.

Das ist verständlich, aber wir sollten damit vorsichtig sein. Nicht jedes längere Arbeiten, jedes Versinken in einer interessanten Tätigkeit und schon gar nicht jeder schwierige Aufgabenwechsel ist automatisch Hyperfokus. Der Begriff wird im Alltag wesentlich großzügiger verwendet, als er wissenschaftlich eindeutig definiert ist.

Manchmal ist die Erklärung viel banaler: Ich habe endlich einen funktionierenden Arbeitszustand erreicht und möchte ihn nicht wieder verlieren.

Wenn der Einstieg vorher schwierig war, kann eine Unterbrechung zusätzlich bedeuten, dass ich später noch einmal anfangen muss. Und genau das kann eine Tätigkeit, die von außen nur fünf Minuten unterbrochen wird, subjektiv wesentlich teurer machen.

Die fünf Minuten sind dann nicht unbedingt das Problem.

Das Problem ist möglicherweise der Weg raus – woanders hin – und später wieder rein.

„Ich wollte doch nur kurz etwas fragen“

Das erklärt auch, warum Unterbrechungen manchmal unverhältnismäßig störend wirken können.

Für die andere Person ist die Situation vielleicht:

Frage stellen → Antwort bekommen → fertig.

Für mich kann sie eher so aussehen:

Gedanken unterbrechen → Frage verarbeiten → Kontext wechseln → Antwort formulieren → ursprünglichen Gedanken wiederfinden → herausfinden, an welcher Stelle ich war → erneut in die Tätigkeit hineinfinden.

Und wenn der Gedanke inzwischen weg ist, beginnt zusätzlich die beliebte Freizeitbeschäftigung:

„Was wollte ich gerade noch mal machen?“

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS niemals unterbrochen werden dürfen oder dass jede Unterbrechung problematisch sein muss. Aber es kann erklären, warum die tatsächlichen Kosten einer Unterbrechung für zwei Menschen sehr unterschiedlich sein können.

Aufgabenwechsel können auch in die andere Richtung schwierig sein

Interessanterweise betrifft das nicht nur produktive oder besonders interessante Tätigkeiten.

Man kann auch an etwas völlig Belanglosem hängen bleiben.

Eigentlich möchte ich duschen. Stattdessen scrolle ich auf dem Handy. Ich habe nicht entschieden, dass Instagram heute wichtiger ist als Körperpflege. Ich führe auch keine philosophische Abwägung über den gesellschaftlichen Wert beider Tätigkeiten.

Ich wechsle einfach nicht.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein schwieriger Aufgabenwechsel bedeutet nicht automatisch, dass die aktuelle Tätigkeit besonders wertvoll, spannend oder angenehm sein muss. Manchmal besteht die Hürde schlicht darin, einen bestehenden Handlungszustand zu verlassen und einen anderen zu beginnen.

Damit berührt das Thema auch unseren ersten Artikel über Aufgabeninitiierung: Ein Aufgabenwechsel enthält häufig gleichzeitig ein Ende und einen neuen Anfang.

Ich muss Tätigkeit A verlassen.

Und Tätigkeit B beginnen.

Wenn bereits einer dieser beiden Übergänge schwierig ist, kann aus „Mach jetzt etwas anderes“ eine erstaunlich große Aufgabe werden.

Was kann Aufgabenwechsel bei ADHS erleichtern?

Auch hier gibt es leider keinen geheimen ADHS-Schalter mit der Aufschrift „Jetzt problemlos umschalten“.

Aber es kann helfen, den Wechsel selbst als Teil einer Aufgabe zu betrachten und nicht so zu tun, als würde er keine Zeit und Vorbereitung benötigen.

Wenn ich um 14 Uhr das Haus verlassen muss, kann „bis 14 Uhr arbeiten“ beispielsweise ein ziemlich optimistischer Plan sein. Denn um 14 Uhr beginnt nicht das Umziehen, Taschepacken, Schlüssel-Suchen und geistige Loslösen vom Rechner. Um 14 Uhr sollte ich im Idealfall bereits draußen sein.

Ein Übergang braucht also möglicherweise einen eigenen zeitlichen Raum.

Auch äußere Hinweise können helfen, wenn ein bevorstehender Wechsel sonst leicht aus dem Blick gerät. Das muss nicht zwangsläufig der berühmte Timer sein, der nach drei Tagen hauptsächlich dekorative Aufgaben übernimmt. Es kann ebenso ein Kalendereintrag, eine sichtbare Erinnerung oder eine feste Übergangsroutine sein.

Und manchmal lohnt es sich, vor einer Unterbrechung den aktuellen Stand festzuhalten: ein kurzer Satz darüber, wo man gerade war oder was als Nächstes passieren sollte. Damit muss das Arbeitsgedächtnis nicht versuchen, einen offenen Gedanken während einer völlig anderen Tätigkeit dauerhaft warmzuhalten.

Die NICE-Leitlinie betont bei ADHS ausdrücklich die Bedeutung von Struktur im Alltag und individuell passenden Umweltanpassungen. Dazu können unter anderem weniger Ablenkungen, schriftliche Informationen oder angepasste Arbeitsphasen gehören. Solche Anpassungen sollen sich an der konkreten Person und ihrer Situation orientieren – nicht an einer universellen Liste von ADHS-Tricks.

Bei Erwachsenen, deren ADHS weiterhin zu erheblichen Beeinträchtigungen führt, gehören je nach individueller Situation außerdem medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsoptionen zur fachlichen Versorgung. NICE empfiehlt bei indizierter nichtmedikamentöser Behandlung mindestens eine strukturierte, unterstützende und auf ADHS ausgerichtete psychologische Intervention mit regelmäßiger Begleitung; diese kann Elemente kognitiver Verhaltenstherapie enthalten.

Vielleicht ist der Wechsel selbst eine Aufgabe

Wenn wir Schwierigkeiten beim Aufgabenwechsel nur als mangelnde Disziplin betrachten, sieht die Lösung schnell so aus:

„Hör halt auf und mach das andere.“

Damit übersehen wir möglicherweise genau den Teil, der schwierig ist.

Vielleicht besteht die Aufgabe nicht nur darin, um 14 Uhr einen Termin wahrzunehmen. Vielleicht besteht sie auch darin, um 13:30 Uhr zu erkennen, dass die aktuelle Tätigkeit langsam beendet werden muss, einen guten Haltepunkt zu finden, den aktuellen Gedanken zu sichern, sich innerlich von der Tätigkeit zu lösen und anschließend die nächste Handlungskette zu starten.

Das macht aus jedem Aufgabenwechsel noch lange kein medizinisches Problem.

Aber es verändert die Frage.

Statt:

„Warum kann ich nicht einfach aufhören?“

könnte sie lauten:

„Was brauche ich, damit der Übergang funktioniert?“

Manchmal ist die Antwort mehr Zeit. Manchmal ein klarer Endpunkt. Manchmal eine Erinnerung, weniger Ablenkung oder eine andere Struktur. Und manchmal lohnt es sich schlicht anzuerkennen, dass ein Wechsel tatsächlich Arbeit sein kann.

Denn vielleicht war Aufgabe B gar nicht das Problem.

Vielleicht lag dazwischen nur noch Aufgabe A½: wechseln.


Quellen & weiterführende Literatur

Boonstra, A. M., Oosterlaan, J., Sergeant, J. A. & Buitelaar, J. K. (2005): Executive functioning in adult ADHD: a meta-analytic review. Psychological Medicine, 35(8), 1097–1108. Die Meta-Analyse untersuchte 13 Studien zu Erwachsenen mit ADHS und fand unter anderem einen mittleren Gruppenunterschied beim Set-Shifting. Gleichzeitig zeigten sich Unterschiede auch außerhalb klassischer exekutiver Funktionen.

Boonstra et al. bei PubMed

Kooij, J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34. Das Konsensuspapier beschreibt bei Erwachsenen mit ADHS unter anderem Schwierigkeiten beim Organisieren, Initiieren sowie beim Aufrechterhalten und Wechseln von Aufmerksamkeit und betont zugleich die Grenzen neuropsychologischer Tests für die individuelle Diagnostik.

European Consensus Statement bei ScienceDirect

Neurobiological correlates of cognitive flexibility in ADHD – A systematic review of the literature (2016). Der Review untersuchte neurobiologische Befunde zu kognitiver Flexibilität und Task Switching bei ADHS und zeigt zugleich, dass die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht abschließend geklärt sind.

Systematischer Review bei PubMed

Functional Near-Infrared Spectroscopy Evidence of Prefrontal Regulation of Cognitive Flexibility in Adults With ADHD (2023). Eine kleinere Untersuchung mit Erwachsenen, deren Ergebnisse nicht dem einfachen Bild einer generell schlechteren kognitiven Flexibilität bei ADHS entsprachen. Sie ist hier insbesondere als Beispiel für die Heterogenität der Befundlage relevant.

Studie bei PubMed

National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). Die Leitlinie behandelt unter anderem Struktur im Alltag, individuelle Umweltanpassungen sowie medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten für Erwachsene mit ADHS.

NICE-Leitlinie NG87

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.

Teilen

Weitere Gedanken

Neues aus der AuDHS-Welt

Neue Inhalte, Wissen und Werkzeugkisten-Downloads direkt per Mail. Nicht ständig. Nur wenn es wirklich etwas Neues gibt.