Zugehörigkeit entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen anwesend, eingeladen oder formal Mitglied einer Gruppe sind. Für autistische Erwachsene kann besonders wichtig sein, ob Regeln verständlich, Abweichungen erlaubt und die eigene Zugehörigkeit nicht ständig neu zu beweisen ist.
Zugehörigkeit ist mehr als soziale Nähe
In Alltagssprache werden Kontakt, Freundschaft und Zugehörigkeit häufig gleichgesetzt. Wissenschaftlich bezeichnen sie jedoch verschiedene Ebenen. Eine Person kann viele Kontakte haben und sich keiner Gruppe verbunden fühlen. Sie kann nur wenige Beziehungen pflegen und dennoch ein stabiles Gefühl sozialer Einbettung besitzen. Zugehörigkeit meint nicht bloß, mit anderen Menschen Zeit zu verbringen. Sie umfasst die subjektive Erfahrung, als legitimer Teil eines sozialen Zusammenhangs anerkannt zu sein.
Die Sozialidentitätsforschung beschreibt Gruppen als eine Quelle dafür, wie Menschen sich selbst verstehen. Wer sich mit einer Gruppe identifiziert, erlebt ihre Mitgliedschaft als Teil des eigenen Selbstbilds. Das kann Orientierung, Unterstützung und Kontinuität geben. Es kann aber auch Druck erzeugen, wenn Anerkennung an schwer erkennbare oder enge Verhaltensnormen gebunden ist. Eine Gruppe ist daher nicht automatisch hilfreich, nur weil sie vorhanden ist. Entscheidend ist, ob die Mitgliedschaft psychologisch zugänglich und sicher erlebt wird.
Eine Studie von Maitland und Kollegen untersuchte soziale Identitäten und Wohlbefinden bei autistischen Erwachsenen. Die Teilnehmenden identifizierten sich mit unterschiedlichen Gruppen; eine größere Zahl bedeutsamer sozialer Identitäten hing mit günstigeren Maßen psychischen Wohlbefindens zusammen. Das Ergebnis stützt die Annahme, dass Gruppenbindung auch für autistische Erwachsene eine Ressource sein kann. Es beweist jedoch nicht, dass möglichst viele Gruppen für jede Person besser sind. Die Daten waren querschnittlich und beruhten auf Selbstberichten. Möglich ist ebenso, dass Menschen mit besserem Wohlbefinden leichter Gruppen finden oder aufrechterhalten.
Die Qualität einer Gruppenidentität lässt sich deshalb nicht an Mitgliedszahlen ablesen. Ein Arbeitsplatz, ein Verein, eine Online-Community oder eine diagnostische Community kann Zugehörigkeit ermöglichen, wenn die Person dort verstanden und handlungsfähig bleibt. Dieselbe Umgebung kann ausschließend wirken, wenn ihre Anerkennung davon abhängt, Kommunikation, Tempo oder Ausdruck dauerhaft zu verbergen. Der wissenschaftlich interessante Punkt liegt nicht in einer einfachen Gegenüberstellung von „vielen“ oder „wenigen“ sozialen Kontakten, sondern in der Passung zwischen Person, Gruppe und ihren Regeln.
Warum unausgesprochene Regeln so wirksam sind
Gruppen koordinieren Verhalten durch formelle und informelle Normen. Formelle Normen werden erklärt: Beginn, Zuständigkeit, Verfahren oder ausdrücklich vereinbarte Grenzen. Informelle Normen entstehen aus Gewohnheiten, Erwartungen und Reaktionen. Wer darf unterbrechen? Wie deutlich darf Widerspruch sein? Welche Themen gelten als zu ernst, welche Nähe als angemessen? Solche Regeln müssen nicht absichtlich verborgen werden. Für langjährige Mitglieder können sie so selbstverständlich sein, dass niemand mehr bemerkt, dass sie gelernt werden mussten.
Autistische Erwachsene berichten häufig Schwierigkeiten damit, kontextabhängige soziale Erwartungen schnell zu erschließen. Daraus folgt nicht, dass jede autistische Person Regeln grundsätzlich nicht versteht. Viele lernen hochkomplexe soziale Muster, teils mit erheblichem bewussten Aufwand. Entscheidend kann sein, dass mehrere mögliche Deutungen gleichzeitig bestehen und Rückmeldungen erst dann erfolgen, wenn eine Norm bereits verletzt wurde. Eine Reaktion wie Distanz, Spott oder plötzliches Schweigen vermittelt zwar, dass etwas nicht passte, erklärt aber nicht zuverlässig, was genau erwartet worden wäre.
Unklarheit erhöht die Kosten der Teilnahme. Wer während eines Gesprächs nicht nur dem Inhalt folgt, sondern fortlaufend Ton, Reihenfolge, Blickkontakt, Humor und mögliche Wirkung kontrolliert, verbraucht zusätzliche Aufmerksamkeit. Das ist mit dem Forschungsfeld des Camouflaging verwandt, aber nicht identisch. Camouflaging bezeichnet Strategien, mit denen autistische Merkmale verborgen oder soziale Erwartungen erfüllt werden. Der Gruppenprozess ist die Umweltseite derselben Situation: Welche Abweichungen gelten überhaupt als zulässig, und wie reagiert die Gruppe, wenn jemand ihre üblichen Signale anders verwendet?
Unausgesprochene Normen treffen nicht nur autistische Menschen. Neuankömmlinge, Menschen aus anderen kulturellen Kontexten und Personen mit wenig institutioneller Macht können ähnliche Unsicherheit erleben. Eine Diagnose ist daher keine vollständige Erklärung. Bei autistischen Erwachsenen können Kommunikationsunterschiede, frühere Ausschlusserfahrungen und bewusste Kompensationsarbeit die Belastung verstärken. Wie stark das geschieht, hängt von Person, Situation und den tatsächlichen Reaktionen der Gruppe ab.
Eine inklusive Gruppe muss nicht jede soziale Regel abschaffen. Koordination braucht Erwartungen. Sie kann jedoch Regeln sichtbar, begründbar und verhandelbar machen. Das verringert die Notwendigkeit, Zugehörigkeit durch fehlerfreies Erraten zu sichern.
Soziale Identifikation ohne Gleichförmigkeit
Sich mit einer Gruppe zu identifizieren bedeutet nicht, allen Mitgliedern ähnlich zu sein. Menschen können sich über ein gemeinsames Interesse, eine Aufgabe, einen Ort, eine Erfahrung oder ein Ziel verbunden fühlen. Problematisch wird es, wenn eine Gruppe aus dieser Verbindung eine umfassende Gleichförmigkeit ableitet. Dann entscheidet nicht mehr nur der gemeinsame Gegenstand über Mitgliedschaft, sondern ein Bündel zusätzlicher Erwartungen: dieselben Witze verstehen, dieselben Kommunikationsformen nutzen, dieselbe Geschwindigkeit mitgehen oder Konflikte auf dieselbe Weise behandeln.
Für autistische Erwachsene kann eine Gruppe mit anderen autistischen Menschen entlastend sein, weil bestimmte Unterschiede weniger erklärt werden müssen. Forschung zu autistisch-autistischen Interaktionen liefert dafür einen wichtigen, aber begrenzten Hinweis. Crompton und Kollegen untersuchten die Weitergabe von Informationen in sogenannten Diffusionsketten. Informationen wurden in gleich zusammengesetzten Gruppen – autistisch mit autistisch beziehungsweise nichtautistisch mit nichtautistisch – zuverlässiger übertragen als in gemischten Gruppen. Die Teilnehmenden berichteten zudem besseren Rapport in gleichartigen Gruppen. Das spricht gegen die einfache Annahme eines allgemeinen autistischen Kommunikationsdefizits und für eine Rolle wechselseitiger Passung.
Aus dieser Laboraufgabe folgt jedoch nicht, dass diagnostisch homogene Gruppen immer harmonisch sind. Gemeinsamer Neurotyp garantiert weder gleiche Werte noch Rücksichtnahme. Autistische Menschen unterscheiden sich in Sprache, sensorischen Bedürfnissen, Interessen, sozialer Erfahrung und Unterstützungsbedarf. Auch innerhalb einer autistischen Community können Hierarchien, implizite Regeln und Ausschluss entstehen. Der Befund zeigt eine Möglichkeit besserer Abstimmung unter bestimmten Bedingungen, keine automatische Gemeinschaft.
Zugehörigkeit ohne Gleichförmigkeit setzt eine doppelte Anerkennung voraus: Es gibt etwas, das verbindet, und es bleiben Unterschiede, die nicht als Verrat an der Gruppe behandelt werden. Für die Praxis kann das bedeuten, mehrere Formen der Teilnahme zu erlauben. Jemand kann schriftlich beitragen statt spontan zu sprechen, zeitweise schweigen, eine Erklärung erbitten oder eine Aktivität früher verlassen, ohne dass daraus mangelndes Interesse abgeleitet wird. Solche Optionen sind nicht nur individuelle Hilfen. Sie verändern, welche Art von Mitgliedschaft die Gruppe überhaupt denkbar macht.
Akzeptanz, Identität und psychische Gesundheit
Mehrere Studien verbinden erlebte Akzeptanz mit psychischer Gesundheit bei autistischen Erwachsenen. Cage und Kollegen fanden Zusammenhänge zwischen geringerer wahrgenommener Akzeptanz und stärkeren depressiven Symptomen beziehungsweise Stress. Solche Befunde sind wichtig, müssen aber vorsichtig interpretiert werden. Sie zeigen keine einfache Kausalkette. Depression kann die Wahrnehmung sozialer Situationen beeinflussen; belastende Umwelten können die psychische Gesundheit verschlechtern; beide Prozesse können sich gegenseitig verstärken.
Autistische Identität kann eine zusätzliche Ressource sein. Wer eigene Erfahrungen in einem weniger defizitorientierten Rahmen versteht und Zugang zu anderen autistischen Menschen findet, kann frühere Fremdzuschreibungen neu einordnen. Systematische Übersichten zeigen jedoch, dass die Forschung zur autistischen Identität noch jung ist, Definitionen variieren und viele Stichproben online rekrutiert werden. Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, wenig Schriftsprache oder geringem Community-Zugang sind häufig unterrepräsentiert.
Akzeptanz bedeutet dabei nicht, jedes Verhalten folgenlos hinzunehmen. Gruppen dürfen Grenzen setzen, Konflikte bearbeiten und Verantwortung einfordern. Der Unterschied liegt darin, ob eine konkrete Handlung besprochen wird oder die Zugehörigkeit der ganzen Person zur Disposition steht. Eine klare Rückmeldung – „Diese Bemerkung hat verletzt; wir müssen darüber sprechen“ – bietet mehr Orientierung als diffuse Distanz. Sie lässt Veränderung zu, ohne das Mitglied auf eine feste Rolle zu reduzieren.
Psychologisch sicher wird eine Gruppe nicht dadurch, dass Konflikte fehlen. Sicherheit zeigt sich auch darin, ob Fragen gestellt, Fehler korrigiert und unterschiedliche Bedürfnisse benannt werden können. Für Menschen, die in früheren Gruppen häufig beschämt oder missverstanden wurden, kann diese Verlässlichkeit wichtiger sein als demonstrative Freundlichkeit. Zugehörigkeit wird dann nicht als Belohnung für perfekte Anpassung vergeben, sondern als Ausgangspunkt für ein gemeinsames Aushandeln.
Der Rand einer Gruppe kann entlasten – und isolieren
Gruppenränder haben eine ambivalente Funktion. Dort können Erwartungen lockerer sein, weil eine Person nicht dieselbe repräsentative Rolle erfüllen muss wie im Zentrum. Kontakte können stärker über eine konkrete Aktivität als über umfassende soziale Nähe organisiert sein. Für manche Menschen ist das entlastend: Teilnahme ist möglich, ohne jede Norm der Gruppe vollständig zu übernehmen.
Der Rand kann zugleich bedeuten, weniger Informationen, Schutz und Einfluss zu erhalten. Informelle Entscheidungen fallen häufig dort, wo vertraute Mitglieder miteinander sprechen. Wer nicht in diese Netzwerke eingebunden ist, erfährt später von Änderungen, wird seltener gefragt oder in Konflikten weniger unterstützt. Subjektive Freiheit und strukturelle Ausgrenzung können daher gleichzeitig bestehen. Eine Person kann den lockeren Kontakt bevorzugen und dennoch Nachteile daraus erleben, dass wichtige Kommunikation nur im inneren Kreis stattfindet.
Diese Ambivalenz verhindert eine romantische Vorstellung von Außenseitertum. Nicht jede marginale Position ist eine selbst gewählte Alternative zu Konformität. Manchmal ist sie das Ergebnis wiederholter Ausschlüsse. Umgekehrt ist ein zentraler Platz nicht automatisch erstrebenswert, wenn er nur durch dauerndes Masking gehalten werden kann. Für Forschung und Praxis ist deshalb die Frage nach Wahlmöglichkeiten entscheidend: Kann die Person Nähe und Beteiligung dosieren, oder wird sie von der Gruppe auf eine Randposition festgelegt?
Online-Gruppen erweitern solche Wahlmöglichkeiten, weil Kommunikation zeitversetzt, themenzentriert und ohne gemeinsame physische Umgebung möglich sein kann. Sie haben aber eigene Normen und Risiken. Ironie, Eskalation, Moderation und Sichtbarkeit funktionieren anders als in Präsenz. Eine schriftliche Oberfläche macht Regeln nicht automatisch explizit. Zudem erreichen Studien über Online-Communities vor allem Menschen, die Zugang, Sprache und Interesse für diese Räume besitzen.
Eine hilfreiche Gruppenstruktur behandelt den Rand deshalb nicht als Wartezimmer vor der „richtigen“ Mitgliedschaft. Sie ermöglicht verschiedene Grade von Beteiligung, ohne grundlegende Information oder Respekt daran zu koppeln. Wer weniger sichtbar ist, muss nicht weniger dazugehören.
Was Gruppen konkret verändern können
Transparenz ist ein zentraler Ansatzpunkt. Eine Gruppe kann erklären, wie Entscheidungen fallen, wie Rückmeldungen gegeben werden und an wen sich Mitglieder bei Unsicherheit wenden können. Dabei sollten nicht nur formale Regeln dokumentiert werden. Auch typische Abläufe helfen: Muss man sich für einen Beitrag melden? Ist ein später schriftlicher Einwand möglich? Wie werden Pausen, Absagen oder Rückzüge interpretiert? Solche Informationen reduzieren das Rätselraten, ohne Menschen auf eine starre Anleitung festzulegen.
Mehrere Kommunikationswege sind ebenso wichtig. Manche Menschen denken im spontanen Gespräch schnell, andere brauchen Zeit. Wenn ausschließlich die schnellste mündliche Reaktion zählt, verwechselt die Gruppe Tempo mit Beteiligung. Vorabinformationen, schriftliche Beiträge und klare Gesprächsmoderation erweitern den Zugang. Davon profitieren nicht nur autistische Mitglieder.
Rückmeldungen sollten konkret und überprüfbar sein. Pauschale Aussagen wie „Du passt nicht in die Gruppe“ oder „Du bist unhöflich“ bieten wenig Lernmöglichkeit. Besser ist die Beschreibung einer Situation, ihrer Wirkung und der erwarteten Alternative. Zugleich muss Raum bleiben, dass die ursprüngliche Interpretation unvollständig war. Das doppelte Empathieproblem erinnert daran, dass Missverständnisse wechselseitig entstehen können. Die Gruppe darf ihre Mehrheitsdeutung nicht automatisch mit objektiver Wahrheit verwechseln.
Schließlich braucht Inklusion eine Reaktion auf Abwertung. Eine Norm ist nicht nur das, was in Leitbildern steht, sondern das, was nach einem Regelverstoß tatsächlich geschieht. Wenn Spott folgenlos bleibt, während ein Einwand als Störung gilt, lernt die Gruppe, welche Loyalität erwartet wird. Eine verlässliche Moderation kann Konflikte nicht verhindern, aber die Kosten dafür senken, eine Grenze zu benennen.
Diese Maßnahmen garantieren kein Zugehörigkeitsgefühl. Menschen können eine transparente, respektvolle Gruppe trotzdem nicht als passend erleben. Ziel ist nicht, subjektive Nähe zu verordnen. Ziel ist, unnötige Barrieren zu verringern und die Mitgliedschaft nicht von Fähigkeiten abhängig zu machen, die mit dem gemeinsamen Zweck der Gruppe wenig zu tun haben.
Was Einzelne prüfen können, ohne sich selbst zum Problem zu machen
Menschen suchen verständlicherweise zunächst bei sich, wenn Zugehörigkeit nicht gelingt. Selbstreflexion kann hilfreich sein: Welche Art von Kontakt wird gewünscht? Welche Situationen sind belastend? Welche Rückmeldung wurde tatsächlich gegeben? Daraus folgt aber nicht, dass jede Schwierigkeit durch bessere persönliche Anpassung lösbar wäre. Gruppen besitzen Macht, Normen und blinde Flecken. Eine faire Analyse betrachtet beide Seiten.
Ein nützlicher Unterschied besteht zwischen Unklarheit und Ablehnung. Bei Unklarheit kann eine direkte Frage Orientierung schaffen. Bei wiederholter Abwertung liefert noch mehr Erklärung möglicherweise keinen Zugang, sondern nur weitere Arbeit. Ebenso wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer einzelnen ungeschickten Situation und einem stabilen Muster. Zugehörigkeit muss nicht nach jedem Missverständnis aufgegeben werden; sie sollte aber auch nicht ausschließlich an der Hoffnung festgehalten werden, die Gruppe werde irgendwann jede Differenz akzeptieren.
Die Suche nach anderen Gruppen kann entlasten, ist jedoch kein einfacher Ratschlag. Zugängliche Gemeinschaften sind ungleich verteilt. Arbeit, Wohnort, Mobilität, Sprache und finanzielle Möglichkeiten begrenzen die Auswahl. Online-Räume können ergänzen, ersetzen aber nicht für alle die benötigte praktische Unterstützung. Forschungsergebnisse über Community-Verbundenheit dürfen daher nicht so gelesen werden, als liege fehlende Zugehörigkeit an mangelnder Initiative der einzelnen Person.
Professionelle Unterstützung kann helfen, wiederkehrende soziale Situationen zu sortieren, sollte aber nicht bloß Konformität trainieren. Sinnvoller ist eine gemeinsame Analyse von Zielen, Belastungen, Risiken und verfügbaren Optionen. Manchmal geht es um Kommunikationsstrategien. Manchmal braucht es eine Umweltveränderung, Schutz vor Mobbing oder den Abschied von einer schädlichen Gruppe.
Zugehörigkeit bleibt ein relationales Geschehen. Einzelne können Bedürfnisse benennen und Entscheidungen treffen. Sie können nicht allein herstellen, dass andere sie als gleichwertiges Mitglied behandeln. Diese Grenze schützt davor, Ausschluss nachträglich als persönliches Trainingsdefizit zu erklären.
Grenzen der Forschung und eine vorsichtige Schlussfolgerung
Die Forschung zu Zugehörigkeit bei autistischen Erwachsenen wächst, ist aber noch begrenzt. Viele Studien verwenden Querschnittsbefragungen, kleine Stichproben und Selbstauswahl über Online-Netzwerke. Dadurch werden eher Personen erreicht, die ihre Erfahrungen sprachlich reflektieren und sich bereits mit Autismus identifizieren. Kausale Aussagen über Gruppenmitgliedschaft und psychische Gesundheit sind deshalb nur eingeschränkt möglich.
Auch der Begriff der Gruppe bleibt heterogen. Eine Familie, ein Arbeitsplatz, eine politische Initiative, eine Gaming-Community und eine therapeutische Gruppe stellen sehr unterschiedliche Anforderungen. Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Besonders wenig ist darüber bekannt, wie sich Mehrfachzugehörigkeiten, kulturelle Hintergründe, intellektuelle Behinderung und das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS auf das Erleben unausgesprochener Normen auswirken.
Trotz dieser Grenzen zeichnet sich ein belastbares Grundbild ab. Autistische Erwachsene haben keine grundsätzliche Abwesenheit von Zugehörigkeitsbedürfnissen. Soziale Identitäten können mit Wohlbefinden verbunden sein, und Interaktionen hängen erheblich von wechselseitiger Passung ab. Gleichzeitig reicht die Anwesenheit in einer Gruppe nicht aus. Regeln, Machtverhältnisse, Akzeptanz und Wahlmöglichkeiten bestimmen mit, ob Mitgliedschaft als Ressource oder als fortlaufende Prüfung erlebt wird.
Eine gute Gruppe muss Unterschiede nicht romantisieren. Sie braucht verständliche Verfahren, konkrete Rückmeldungen und die Fähigkeit, Abweichung auszuhalten, ohne sofort die ganze Zugehörigkeit infrage zu stellen. Damit verschiebt sich die Leitfrage: Nicht nur „Kann diese Person sich anpassen?“, sondern auch „Welche Mitgliedschaft ermöglicht diese Gruppe – und wer muss dafür wie viel von sich verbergen?“ Erst beide Fragen zusammen beschreiben, wie Zugehörigkeit tatsächlich entsteht.
Zugehörigkeit lässt sich nicht von außen verordnen
Organisationen reagieren auf Ausgrenzung häufig mit sichtbaren Einladungen: Leitbilder, Netzwerkgruppen oder Veranstaltungen sollen signalisieren, dass unterschiedliche Menschen willkommen sind. Solche Maßnahmen können Zugänge öffnen. Sie ersetzen jedoch nicht die alltägliche Erfahrung, ob Beiträge zählen, Grenzen respektiert und Konflikte fair bearbeitet werden. Zwischen formaler Inklusion und erlebter Zugehörigkeit kann eine erhebliche Lücke liegen.
Diese Lücke ist schwer zu messen. Fragebögen erfassen meist subjektive Einschätzungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Beobachtungsdaten zeigen Verhalten, aber nicht vollständig, ob eine Person sich sicher oder lediglich angepasst fühlt. Eine hohe Teilnahmequote kann Engagement bedeuten; sie kann ebenso aus Pflicht, Sorge vor Nachteilen oder fehlenden Alternativen entstehen. Gute Evaluation verbindet daher unterschiedliche Datenquellen und fragt nicht nur, wer erscheint, sondern unter welchen Bedingungen Beteiligung möglich ist.
Für autistische Erwachsene ist außerdem wichtig, wer eine Maßnahme definiert. Wenn Inklusion ausschließlich von außen geplant wird, können gut gemeinte Angebote neue Erwartungen erzeugen: Man soll an einer lauten Netzwerkveranstaltung teilnehmen, persönliche Diagnosedetails teilen oder eine ganze Gruppe repräsentieren. Beteiligung sollte freiwillig sein, Rückzug keine Rechtfertigung verlangen und Beratung angemessen vergütet werden. Nichts über autistische Menschen sollte ohne autistische Perspektiven gestaltet werden, doch keine einzelne Person kann für alle sprechen.
Zugehörigkeit bleibt deshalb ein Ergebnis wiederholter Interaktionen, keine Eigenschaft, die eine Organisation einmal vergibt. Sie wächst, wenn Regeln nachvollziehbar sind, Beiträge nicht an einen einzigen Kommunikationsstil gebunden werden und ein Fehler nicht sofort den sozialen Status der ganzen Person bedroht. Genau daran lässt sich eine Gruppe realistischer beurteilen als an der Zahl ihrer Einladungen.
Ein aussagekräftiger Prüfstein ist der Umgang mit Widerspruch. Zugehörigkeit zeigt sich nicht nur in harmonischen Phasen, sondern darin, ob abweichende Sichtweisen ohne Beschämung, Ausschluss oder diagnostische Abwertung verhandelt werden können. Wer nach einem Konflikt weiterhin Zugang zu Information, Aufgaben und Beziehungen behält, erlebt eine andere Form von Sicherheit als jemand, dessen Platz von ständiger Anpassung abhängt.
Quellen
- Cage, E., Di Monaco, J. & Newell, V. (2018). Experiences of Autism Acceptance and Mental Health in Autistic Adults. Journal of Autism and Developmental Disorders, 48, 473–484. https://doi.org/10.1007/s10803-017-3342-7
- Crompton, C. J., Ropar, D., Evans-Williams, C. V. M., Flynn, E. G. & Fletcher-Watson, S. (2020). Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism, 24(7), 1704–1712. https://doi.org/10.1177/1362361320919286
- Davies, J., Cooper, K., Killick, E. et al. (2024). Autistic identity: A systematic review of quantitative research. Autism Research, 17(5), 874–897. https://doi.org/10.1002/aur.3105
- Maitland, C. A., Rhodes, S., O’Hare, A. & Stewart, M. E. (2021). Social identities and mental well-being in autistic adults. Autism, 25(6), 1771–1783. https://doi.org/10.1177/13623613211004328
- Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: the “double empathy problem”. Disability & Society, 27(6), 883–887. https://doi.org/10.1080/09687599.2012.710008
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine individuelle medizinische, psychologische, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.










