Warum sich Zeit bei ADHS so schwer einschätzen lassen kann

Zehn Minuten können ewig dauern oder praktisch verschwinden. Und manchmal bin ich vollkommen überzeugt, dass etwas höchstens eine halbe Stunde gedauert hat – bis ich auf die Uhr schaue und feststelle, dass offenbar jemand zwischenzeitlich zwei Stunden entfernt hat.

Zeit ist merkwürdig. Wir messen sie mit einer beeindruckenden Genauigkeit, erleben sie aber überhaupt nicht so. Eine Minute auf einer Uhr dauert immer sechzig Sekunden. Eine Minute in einer Warteschlange kann sich trotzdem deutlich länger anfühlen als eine Minute in einem interessanten Gespräch. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Emotionen und die aktuelle Tätigkeit beeinflussen, wie wir Dauer wahrnehmen und im Nachhinein beurteilen. Das gilt für alle Menschen. Bei ADHS gibt es allerdings Hinweise darauf, dass verschiedene Aspekte zeitlicher Verarbeitung im Durchschnitt stärker beeinträchtigt sein können. Eine Meta-Analyse von 55 Studien fand Unterschiede unter anderem bei der Unterscheidung sehr kurzer Zeitintervalle, bei der Genauigkeit von Zeitschätzungen und bei der Reproduktion von Zeitspannen. Eine weitere Meta-Analyse mit insgesamt 824 Effektstärken berichtete über die Lebensspanne hinweg einen mittleren Gruppenunterschied von g = 0,688.

Das klingt zunächst nach einer wissenschaftlichen Bestätigung dessen, was online häufig als „Zeitblindheit“ bezeichnet wird. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Zeitwahrnehmung ist kein einzelner Prozess, und die Forschung bei Erwachsenen ist wesentlich dünner und uneinheitlicher, als der populäre Begriff vermuten lässt. Ein Review speziell zur Zeitwahrnehmung bei erwachsenen Menschen mit ADHS fand für den Zeitraum 2012 bis 2022 gerade einmal neun geeignete Studien. Einige zeigten deutliche Unterschiede, andere fanden bei bestimmten Aufgaben keine klaren ADHS-Effekte. Die Methoden unterschieden sich außerdem erheblich.

Es gibt also gute Gründe, Zeitprobleme bei ADHS ernst zu nehmen. Weniger gute Gründe gibt es dafür, jede verlorene Viertelstunde sofort mit einer einzigen inneren Uhr zu erklären.

Zeitwahrnehmung ist nicht dasselbe wie Zeitmanagement

Wenn jemand ständig zu spät kommt oder für eine Aufgabe zwanzig Minuten einplant, die regelmäßig eine Stunde dauert, sprechen wir schnell von schlechtem Zeitgefühl. Wissenschaftlich können dahinter jedoch sehr unterschiedliche Prozesse stecken. Zeitdiskrimination beschreibt beispielsweise die Fähigkeit zu unterscheiden, welcher von zwei Reizen länger gedauert hat. Bei einer Zeitschätzung soll beurteilt werden, wie lange etwas gedauert hat. Bei der Zeitreproduktion wird eine zuvor erlebte Dauer anschließend selbst reproduziert. Und beim Zeitmanagement geht es bereits um wesentlich komplexere Alltagsleistungen: planen, priorisieren, Dauer berücksichtigen, Übergänge organisieren und rechtzeitig handeln.

Diese Dinge hängen miteinander zusammen, sind aber nicht identisch. Ich kann in einem Experiment relativ gut einschätzen, ob ein Ton zwei oder drei Sekunden lang war, und trotzdem morgens vollkommen unrealistisch planen, wie lange Duschen, Anziehen, Frühstück, Schlüssel suchen und der Weg zum Bahnhof zusammen dauern werden. Umgekehrt beweist schlechtes Zeitmanagement nicht automatisch, dass meine grundlegende Wahrnehmung von Sekunden oder Minuten gestört ist.

Genau diese Unterscheidung ist wichtig, weil „Zeitblindheit“ im Alltag inzwischen beinahe alles beschreiben kann: zu spät kommen, Termine vergessen, Zeit unterschätzen, Hyperfokus, Prokrastination, Deadlines, Schwierigkeiten mit Übergängen oder das Gefühl, eine Stunde sei einfach verschwunden. Als Erfahrungsbegriff kann das nützlich sein. Wissenschaftlich packt er aber mehrere unterschiedliche Prozesse in dieselbe Schublade.

Was Experimente tatsächlich zeigen

Eine klassische Untersuchung verglich 104 junge Erwachsene mit ADHS mit 64 Personen einer Kontrollgruppe. Die Teilnehmenden mussten Zeitintervalle einschätzen und reproduzieren. Bei der Reproduktion bestimmter Intervalle zeigte die ADHS-Gruppe größere Fehler; diese Unterschiede blieben teilweise auch bestehen, nachdem mögliche Einflüsse wie IQ und verschiedene Begleiterkrankungen statistisch berücksichtigt worden waren.

Meta-analytisch ergibt sich inzwischen ein breiteres Bild. Eine Analyse von 55 Studien zu verschiedenen Formen der Zeitverarbeitung fand bei Menschen mit ADHS unter anderem größere Schwierigkeiten bei der Unterscheidung sehr kurzer Zeitspannen, stärkere Schwankungen bei der Einschätzung mehrsekündiger Intervalle sowie Unterschiede bei Zeitproduktion und Zeitreproduktion. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass dabei nicht nur eine reine „innere Uhr“ beteiligt sein muss. Je nach Aufgabe können Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Inhibition und Motivation erheblich mitwirken.

Das ist entscheidend. Wenn ich eine Minute einschätzen soll, muss ich während dieser Minute Informationen verarbeiten und irgendwie aufrechterhalten, dass ich gerade Zeit beurteilen soll. Werde ich abgelenkt, verliere den Bezug zur Aufgabe oder beansprucht eine parallele Tätigkeit mein Arbeitsgedächtnis, verändert sich möglicherweise auch mein Zeiturteil. Schon allgemeine Forschung zur Zeitwahrnehmung zeigt, dass kognitive Belastung die Einschätzung von Dauer verändern kann.

Ein Fehler bei einer Zeitaufgabe muss deshalb nicht bedeuten, dass irgendwo im Gehirn eine Uhr falsch tickt. Vielleicht funktioniert die Uhr hervorragend und die Informationen, die sie bräuchte, werden gerade von fünf anderen Dingen überrannt.

Es gibt auch Studien, die keine deutlichen Unterschiede finden

Gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur die Studien zu betrachten, die eine eingängige Geschichte bestätigen. Eine größere tschechische Untersuchung rekrutierte Erwachsene aus einer ursprünglichen Stichprobe von 1.518 Personen und teilte sie anhand der Stärke ihrer ADHS-Symptomatik in Gruppen ein. Die Teilnehmenden bearbeiteten Aufgaben zur Schätzung und Unterscheidung von Zeitspannen. Die Forschenden fanden dabei keine spezifischen Unterschiede der Zeitwahrnehmung in Abhängigkeit von der ADHS-Symptomstärke.

Das widerspricht nicht zwangsläufig den Meta-Analysen. Unterschiedliche Studien messen unterschiedliche Komponenten von Zeitverarbeitung, verwenden andere Intervalle und Aufgaben und untersuchen verschiedene Populationen. Genau deshalb kommt der Review zur Zeitwahrnehmung bei Erwachsenen zu einem vorsichtigen Ergebnis: Es gibt Hinweise auf Schwierigkeiten bei Zeitschätzung, Zeitreproduktion und Zeitmanagement, aber die geringe Zahl erwachsenenspezifischer Untersuchungen und die methodischen Unterschiede erlauben keine einfache Aussage über ein universelles Zeitwahrnehmungsdefizit bei ADHS.

Das macht das Thema nicht weniger relevant. Es macht nur den Satz „Menschen mit ADHS können Zeit nicht wahrnehmen“ wissenschaftlich unhaltbar.

Warum Aufmerksamkeit die erlebte Zeit verändern kann

Zeit ist kein Gegenstand, den unsere Sinne direkt erfassen. Für Farbe besitzen wir spezialisierte visuelle Verarbeitung, für Schall ein auditorisches System. Bei Dauer muss das Gehirn Informationen aus verschiedenen Prozessen integrieren. Dabei spielt Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle.

Das lässt sich auch außerhalb von ADHS gut beobachten. Wenn ich bewusst darauf warte, dass fünf Minuten vergehen, richte ich einen erheblichen Teil meiner Aufmerksamkeit auf die Zeit. Beschäftige ich mich währenddessen intensiv mit etwas anderem, wird Zeit selbst kaum beachtet. Im Rückblick stehen dann weniger zeitbezogene Informationen zur Verfügung.

Bei ADHS wird das besonders interessant, weil die Regulation von Aufmerksamkeit selbst betroffen sein kann. Eine Tätigkeit, die Aufmerksamkeit stark bindet, kann zeitbezogene Hinweise in den Hintergrund drängen. Bei einer langweiligen Tätigkeit kann dagegen beinahe jede Minute auffallen. Dass eine Stunde beim einen Mal verschwindet und beim anderen Mal endlos wirkt, muss deshalb kein Widerspruch sein. Die Bedingungen, unter denen Zeit verarbeitet wird, sind völlig unterschiedlich.

Eine experimentelle Studie mit Erwachsenen mit und ohne ADHS untersuchte deshalb ausdrücklich verschiedene mögliche Ursachen schlechterer Zeitschätzungen, darunter Ablenkung und zusätzliche Belastung des Arbeitsgedächtnisses. Schon die Fragestellung zeigt, wie vorsichtig eine reine „Timing“-Erklärung behandelt werden muss: Zeitverarbeitung lässt sich kaum vollständig von den kognitiven Prozessen trennen, die währenddessen benötigt werden.

„Ich dachte, das waren zehn Minuten“

Im Alltag wird das Problem besonders sichtbar, wenn Zeit nicht aktiv beobachtet wird. Ich beginne etwas, habe durchaus vor, nach kurzer Zeit wieder aufzuhören, und schaue irgendwann auf die Uhr. Die Überraschung entsteht nicht unbedingt, weil ich während der ganzen Zeit überzeugt war, exakt zehn Minuten seien vergangen. Häufig habe ich die Dauer schlicht nicht mehr überwacht.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Zeit falsch einschätzen und Zeit nicht beobachten sind nicht dasselbe.

Wenn eine Tätigkeit meine Aufmerksamkeit vollständig beansprucht, muss ein Teil der kognitiven Verarbeitung trotzdem registrieren, dass außerhalb dieser Tätigkeit Zeit vergeht. Genau dafür nutzen wir im Alltag externe Signale: Uhren, Wecker, Kalender, Termine, Sonnenlicht, Mahlzeiten oder andere Menschen. Fehlen solche Marker oder werden sie nicht wahrgenommen, kann eine Tätigkeit erstaunlich lange weiterlaufen.

Das ist auch ein Grund, warum das Smartphone gleichzeitig helfen und stören kann. Es besitzt eine hervorragende Uhr, mehrere Timer und einen Kalender. Es besitzt allerdings ebenfalls ungefähr siebzehn Möglichkeiten, mich vergessen zu lassen, warum ich es überhaupt in die Hand genommen habe.

Technisch gesehen also ein Unentschieden.

Warum die Dauer einer Aufgabe so schwer vorherzusagen sein kann

Noch komplizierter wird es, wenn wir nicht beurteilen sollen, wie lange etwas gedauert hat, sondern wie lange etwas dauern wird. Dafür reicht reine Zeitwahrnehmung nicht. Ich muss die Aufgabe gedanklich zerlegen, ihre einzelnen Schritte berücksichtigen, frühere Erfahrungen abrufen und mögliche Unterbrechungen einkalkulieren.

„Ich brauche zehn Minuten zum Fertigmachen“ klingt beispielsweise nach einer Zeitschätzung. Tatsächlich steckt darin ein ganzer Plan. Was bedeutet fertig machen? Zähne putzen, anziehen, Tasche packen, Schuhe anziehen, vielleicht noch etwas suchen, feststellen, dass der Akku fast leer ist, noch einmal ins andere Zimmer gehen und dann tatsächlich die Wohnung verlassen.

Wenn bei der Planung einzelne Zwischenschritte nicht ausreichend berücksichtigt werden, kann die Schätzung vollkommen vernünftig wirken und trotzdem unrealistisch sein. Hier überschneiden sich Zeitwahrnehmung und exekutive Funktionen. Planung, Arbeitsgedächtnis und Selbstorganisation beeinflussen, welche Bestandteile einer zukünftigen Tätigkeit überhaupt in die Berechnung eingehen.

Deshalb ist der Satz „Aber du weißt doch inzwischen, wie lange du dafür brauchst“ nicht immer so hilfreich, wie er klingt. Ja. Irgendwo weiß ich das vermutlich.

Die interessante Frage ist, ob dieses Wissen beim nächsten Plan tatsächlich vollständig mit am Tisch sitzt.

Die Vergangenheit ist ebenfalls keine perfekte Stoppuhr

Man könnte das Problem lösen, indem man einfach aus Erfahrung lernt. Wenn eine Aufgabe die letzten fünf Male jeweils eine Stunde gedauert hat, sollte man beim sechsten Mal eben eine Stunde einplanen.

Grundsätzlich stimmt das. Nur muss dafür die vergangene Dauer ausreichend präzise erinnert und beim nächsten Plan berücksichtigt werden. Menschen speichern Alltagserfahrungen aber nicht wie eine Tabellenkalkulation. Wir erinnern uns an Ereignisse, Schwierigkeiten, Ergebnisse und besondere Momente – nicht zwangsläufig an eine exakte Dauer.

Hinzu kommt, dass Aufgaben selten vollkommen identisch sind. Ein Einkauf kann zwanzig Minuten dauern oder eine Stunde. Eine E-Mail kann in fünf Minuten geschrieben sein oder eine halbe Stunde kosten, wenn Informationen fehlen. Ein Termin beginnt vielleicht um zehn Uhr, beansprucht aber nicht nur die sechzig Minuten, die im Kalender stehen. Vorbereitung, Anfahrt, Wartezeit, Rückfahrt und die notwendige Umstellung danach gehören zur tatsächlichen zeitlichen Belastung.

Wer ausschließlich die offensichtliche Kerntätigkeit plant, unterschätzt deshalb nicht unbedingt Zeit.

Vielleicht unterschätzt er die Aufgabe.

Das wird für unsere nächsten Artikel zur Selbstorganisation noch wichtig.

Warum „Time Blindness“ trotzdem ein hilfreicher Begriff sein kann

Der Begriff Time Blindness oder Zeitblindheit ist keine eigenständige klinische Diagnose und auch kein offizielles diagnostisches Kriterium von ADHS. Trotzdem hat er sich in der Community verbreitet, weil er mehrere Erfahrungen sehr anschaulich zusammenfasst: Zeit vergeht unbemerkt, Dauer wird falsch eingeschätzt, Übergänge kommen überraschend und zukünftige Zeit fühlt sich manchmal erstaunlich abstrakt an.

Als Alltagssprache ist daran nichts falsch. Wissenschaftliche Begriffe müssen nicht jedes persönliche Erleben ersetzen.

Problematisch wird es nur, wenn aus der Metapher eine biologische Gewissheit entsteht. Menschen mit ADHS sind nicht „blind für Zeit“. Sie können Uhren lesen, Termine planen, sehr präzise zeitliche Abläufe lernen und in Berufen arbeiten, in denen Timing entscheidend ist. Die Forschung zeigt durchschnittliche Unterschiede und eine erhebliche Variabilität zwischen Personen und Aufgaben.

Ein Review von 2023 kommt deshalb zu einer wesentlich vorsichtigeren Beschreibung: Schwierigkeiten mit Zeitwahrnehmung und Zeitmanagement scheinen bei Erwachsenen mit ADHS relevant zu sein, aber die vorhandene Forschung ist klein, heterogen und kann noch nicht eindeutig bestimmen, welche Komponenten besonders betroffen sind.

„Zeitblindheit“ beschreibt also möglicherweise ziemlich gut, wie sich etwas anfühlt.

Es erklärt noch nicht vollständig, warum es passiert.

Externe Zeit ist nicht geschummelt

Wenn die innere Einschätzung von Zeit unter bestimmten Bedingungen unzuverlässig ist, liegt eine ziemlich unspektakuläre Lösung nahe: Zeit wird nach außen verlagert.

Eine sichtbare Uhr, ein Timer oder ein klarer äußerer Zeitmarker liefert Informationen, die nicht permanent intern erzeugt werden müssen. Das ist kein spezifischer ADHS-Trick. Menschen benutzen seit Jahrhunderten Uhren, weil unser subjektives Zeitgefühl grundsätzlich kein besonders präzises Messinstrument ist.

Bei ADHS kann diese Externalisierung aber besonders hilfreich sein. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, möglichst viele Alarme einzurichten. Ein Alarm, den ich automatisch wegdrücke, besitzt zwar technisch eine hervorragende Zeitmessung, organisatorisch aber ungefähr den Wert einer sehr genauen Wanduhr im Keller.

Das externe Signal muss in dem Moment wahrnehmbar und handlungsrelevant sein, in dem etwas passieren soll. Manchmal reicht ein Timer. Manchmal braucht es mehrere Übergangsschritte: noch dreißig Minuten, noch zehn Minuten, jetzt aufhören. Und manchmal ist nicht das Erkennen der Zeit das Problem, sondern das Beenden der aktuellen Tätigkeit. Dann löst eine Uhr allein natürlich keinen Aufgabenwechsel.

Genau deshalb ist es sinnvoll, Zeitprobleme nicht alle unter demselben Begriff zu behandeln.

Zeitmanagement beginnt vor dem Blick auf die Uhr

Wer Schwierigkeiten mit Zeit hat, bekommt häufig den Rat, besser zu planen. Nur setzt Planung bereits mehrere Fähigkeiten voraus, die selbst schwierig sein können. Ich muss wissen, was getan werden muss, wie lange die einzelnen Schritte ungefähr dauern, welche Reihenfolge sinnvoll ist, welche Puffer notwendig sind und wann ich anfangen muss, damit ein zukünftiger Zeitpunkt eingehalten wird.

Aus „Termin um 14 Uhr“ wird damit eine Rückwärtsrechnung. Wann muss ich dort sein? Wie lange dauert der Weg? Wie viel Reserve brauche ich? Wann muss ich die Wohnung verlassen? Was muss vorher erledigt sein? Und wie lange dauert das?

Wenn nur eine dieser Schätzungen zu optimistisch ist, verschiebt sich der ganze Plan.

Deshalb kann eine Person durchaus hervorragend wissen, dass ein Termin um 14 Uhr beginnt und trotzdem um 13:52 Uhr überrascht feststellen, dass die zwanzigminütige Fahrt bisher noch nicht stattgefunden hat.

Das Problem war dann nie die Uhrzeit des Termins.

Es lag in der Übersetzung einer zukünftigen Uhrzeit in eine rechtzeitige Handlung in der Gegenwart.

Das erklärt auch, warum Zeitdruck plötzlich alles verändern kann

Je näher eine Frist oder ein Termin rückt, desto weniger abstrakt wird Zeit. Aus „heute Nachmittag“ werden irgendwann „noch 40 Minuten“. Aus „muss diese Woche fertig werden“ wird „morgen um neun“. Der zeitliche Abstand schrumpft und damit verändert sich häufig auch die motivationale Bedeutung der Aufgabe.

Hier überschneiden sich Zeitwahrnehmung und die Prozesse, die wir im Bereich Motivation & Belohnung bereits behandelt haben. Verzögerte Konsequenzen können im gegenwärtigen Moment weniger Gewicht besitzen als unmittelbare. Rückt eine Deadline näher, verändert sich dieses Verhältnis.

Das kann erklären, warum manche Menschen mit ADHS unter einer nahen Frist plötzlich erheblich leichter aktiv werden. Es sollte aber auch hier nicht zur romantischen Geschichte werden, Menschen mit ADHS bräuchten einfach Druck. Für andere führt derselbe Zeitdruck zu Stress, Überforderung oder vollständiger Blockade.

Die Deadline macht aus ADHS keine Superkraft.

Sie verändert lediglich die Bedingungen.

Vielleicht geht Zeit nicht verloren – vielleicht war sie nie sichtbar

Der Begriff Zeitmanagement suggeriert, wir müssten Zeit selbst verwalten. Tatsächlich können wir an ihr erstaunlich wenig ändern. Eine Stunde bleibt eine Stunde, egal wie überzeugend unser Tagesplan aussieht.

Was wir organisieren können, sind Handlungen innerhalb dieser Zeit.

Dafür müssen wir allerdings wahrnehmen, wie viel davon verfügbar ist, welche Tätigkeiten hineinmüssen und wie lange diese wahrscheinlich dauern. Genau an diesen Schnittstellen können bei ADHS Schwierigkeiten entstehen: bei der Einschätzung von Dauer, beim Aufrechterhalten zukünftiger Ziele, beim Wechsel zwischen Tätigkeiten, bei Planung und Priorisierung oder schlicht dadurch, dass Aufmerksamkeit gerade vollständig woanders gebunden ist.

Die Forschung spricht dafür, dass zeitliche Verarbeitung bei ADHS tatsächlich eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist sie zu heterogen, um jede Alltagserfahrung mit einer einzigen gestörten inneren Uhr zu erklären.

Vielleicht ist deshalb die hilfreichere Frage nicht:

„Warum habe ich schon wieder kein Zeitgefühl?“

Sondern:

„Welche Information über Zeit fehlt mir gerade?“

Muss ich wissen, wie lange ich schon arbeite? Wie lange die Aufgabe tatsächlich dauert? Wann ich anfangen muss? Oder wann ich mit etwas anderem aufhören sollte?

Denn manchmal ist Zeit gar nicht das eigentliche Problem.

Manchmal war sie im entscheidenden Moment einfach nirgends zu sehen.


Quellen & weiterführende Literatur

Metcalfe, K. B., McFeaters, C. D. & Voyer, D. (2024): Time-Perception Deficits in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. Die Meta-Analyse umfasste 824 Effektstärken und fand über die Lebensspanne einen mittleren Unterschied der Zeitwahrnehmung zwischen Personen mit und ohne ADHS. Die Stärke des Zusammenhangs variierte unter anderem mit dem Alter.

Mette, C. (2023): Time Perception in Adult ADHD: Findings from a Decade—A Review. Der speziell auf Erwachsene ausgerichtete Review fand für den untersuchten Zehnjahreszeitraum nur neun geeignete Studien. Einige berichteten Unterschiede bei Zeitschätzung, Zeitreproduktion und Zeitmanagement, andere nicht. Der Autor betont die geringe und methodisch heterogene Forschungslage.

Noreika, V. et al. (2022): Meta-analysis: Altered Perceptual Timing Abilities in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Die Meta-Analyse von 55 Studien fand Unterschiede bei mehreren Formen zeitlicher Verarbeitung, darunter Zeitdiskrimination, Zeitschätzung, Zeitproduktion und Zeitreproduktion. Aufmerksamkeit und motivationale Prozesse können einen Teil dieser Leistungen mitbestimmen.

Barkley, R. A. et al. (2001): Time perception and reproduction in young adults with attention deficit hyperactivity disorder. In einer Untersuchung mit 104 jungen Erwachsenen mit ADHS und 64 Kontrollpersonen zeigte die ADHS-Gruppe unter anderem größere Fehler bei der Reproduktion verschiedener Zeitintervalle.

Ptáček, R. et al. (2022): Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) and Time Perception in Adults: Do Adults with Different ADHD Symptomatology Severity Perceive Time Differently? Findings from the National Czech Study. Die Untersuchung fand bei Aufgaben zur Dauerabschätzung und -diskrimination keine spezifischen Unterschiede in Abhängigkeit von der Stärke der ADHS-Symptomatik und verdeutlicht damit die uneinheitliche Befundlage.

Zakay, D. & Block, R. A. / Block et al. (2010): How cognitive load affects duration judgments: A meta-analytic review. Die Meta-Analyse zeigt allgemein, dass kognitive Belastung die Beurteilung von Zeitdauer beeinflussen kann und dass Aufmerksamkeit und Gedächtnis je nach Art der Zeitaufgabe unterschiedliche Rollen spielen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.

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