Ich weiß, dass sich etwas später lohnt. Das Problem ist nur: Die Aufgabe muss ich jetzt machen – und „später“ sitzt gerade nicht mit am Tisch.
Manche Entscheidungen sind ausgesprochen unfair verteilt. Der unangenehme Teil findet sofort statt, während der Nutzen irgendwo in der Zukunft wartet. Ich soll heute Unterlagen sortieren, damit ich nächste Woche vorbereitet bin. Ich soll regelmäßig etwas üben, damit ich in einigen Monaten besser darin werde. Ich soll Geld nicht ausgeben, damit ich später mehr davon habe. Oder ich soll jetzt eine Aufgabe beginnen, deren einziges unmittelbares Ergebnis darin besteht, dass ich morgen ein Stück weniger davon erledigen muss.
Rational ist das alles leicht zu verstehen. Natürlich weiß ich, dass zukünftige Konsequenzen wichtig sind. Trotzdem kann eine unmittelbar verfügbare Alternative im jeweiligen Moment erstaunlich konkurrenzfähig sein. Das Handy bietet jetzt etwas Interessantes. Eine andere Aufgabe liefert jetzt ein sichtbares Ergebnis. Und selbst Nichtstun kann kurzfristig attraktiver sein als eine Tätigkeit, deren Nutzen erst Stunden, Tage oder Wochen später spürbar wird.
Bei ADHS ist genau dieses Verhältnis zwischen unmittelbaren und verzögerten Konsequenzen seit Langem Gegenstand der Forschung. Dabei geht es nicht darum, dass Menschen mit ADHS keine Zukunft planen könnten oder grundsätzlich nur im Moment lebten. Die Befunde sind wesentlich differenzierter. Sie zeigen vielmehr, dass der zeitliche Abstand einer Belohnung oder Konsequenz bei manchen Entscheidungen stärker ins Gewicht fallen kann. Eine Meta-Analyse zu Erwachsenen mit ADHS fand bei belohnungsbezogenen Entscheidungsprozessen robuste Unterschiede im kleinen bis mittleren Bereich.
Die Zukunft ist also nicht unsichtbar. Aber manchmal spricht die Gegenwart einfach lauter.
Eine Belohnung beginnt schon vor der Belohnung
Wenn wir im Alltag von Belohnung sprechen, denken wir meistens an den Moment, in dem etwas Angenehmes tatsächlich passiert. Ich erledige eine Aufgabe und freue mich über das Ergebnis. Ich kaufe etwas und besitze es anschließend. Ich bekomme eine Zusage, Geld oder Anerkennung.
Für Motivation beginnt dieser Prozess jedoch früher. Schon die Erwartung einer möglichen Belohnung kann Verhalten beeinflussen. Das Gehirn verarbeitet Hinweise darauf, dass etwas Angenehmes bevorsteht, und nutzt diese Informationen unter anderem dafür, Handlungen vorzubereiten und Aufwand zu verteilen.
Bildgebende Forschung unterscheidet deshalb häufig zwischen der Antizipation einer Belohnung und ihrem tatsächlichen Eintreffen. Das ist keine sprachliche Feinheit. Es sind teilweise unterschiedliche Phasen eines motivationalen Prozesses.
Eine Meta-Analyse funktioneller MRT-Studien zu ADHS fand während der Erwartung einer Belohnung eine im Durchschnitt geringere Aktivierung des ventralen Striatums. Die berichtete Effektstärke lag im mittleren Bereich. Die Autoren betonten allerdings bereits damals, dass die Zahl der verfügbaren Studien begrenzt war und die Befunde nicht als einfache Erklärung sämtlicher impulsiver oder motivationaler Schwierigkeiten verstanden werden sollten.
Das Interessante daran ist weniger die Vorstellung eines einzelnen „Belohnungszentrums“. Die ist ohnehin zu simpel. Interessant ist vielmehr die Frage, ob ein zukünftiges Ergebnis bereits vor seinem Eintreten genügend motivationales Gewicht entwickelt.
Denn genau das brauchen viele unserer alltäglichen Aufgaben.
Der Unterschied zwischen „Das wird gut“ und „Das ist gut“
Stell dir vor, ich plane eine größere Veränderung. Das Ergebnis ist mir wichtig und ich freue mich darauf. Damit es irgendwann Realität wird, muss ich heute aber einen ziemlich langweiligen Zwischenschritt erledigen.
Der zukünftige Zustand kann emotional durchaus attraktiv sein. Trotzdem muss diese Attraktivität irgendwie auf die Handlung von heute übertragen werden.
Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Belohnungserwartung und Belohnungserleben. Es ist möglich, auf ein tatsächliches positives Ergebnis deutlich zu reagieren, während die vorhergehenden Hinweise auf dieses Ergebnis weniger stark motivierend wirken. Eine frühe fMRT-Studie mit zehn unmedizierten erwachsenen Männern mit ADHS und zehn Kontrollpersonen fand beispielsweise während der Erwartung eines Geldgewinns eine geringere Aktivierung im ventralen Striatum der ADHS-Gruppe, während auf den tatsächlichen Gewinn eine stärkere orbitofrontale Reaktion beobachtet wurde. Wegen der winzigen Stichprobe darf man daraus keine allgemeine Theorie bauen, aber das Muster war für die weitere Forschung interessant.
Eine spätere Untersuchung mit 19 medikationsnaiven Erwachsenen mit ADHS und 19 Kontrollpersonen fand ebenfalls eine geringere ventral-striatale Aktivität während der Belohnungserwartung.
Das heißt nicht, dass Menschen mit ADHS sich auf nichts freuen können. Es heißt auch nicht, dass eine zukünftige Belohnung für sie bedeutungslos wäre. Die Studien untersuchen sehr spezifische experimentelle Situationen und neuronale Gruppenunterschiede.
Sie liefern aber einen interessanten Gedanken für den Alltag: Etwas später gut zu finden und heute ausreichend davon aktiviert zu werden, sind möglicherweise zwei unterschiedliche Dinge.
Die Zukunft kann wichtig sein und trotzdem wenig Zugkraft besitzen
Das kennen wir eigentlich auch ohne ADHS. Wenn jemand sagt, regelmäßige Bewegung werde sich in zwanzig Jahren gesundheitlich auszahlen, ist das rational ein ziemlich gutes Argument. Es besitzt nur nicht zwangsläufig dieselbe unmittelbare Motivationskraft wie ein Sofa, das bereits jetzt verfügbar ist.
Bei ADHS kann die zeitliche Entfernung von Konsequenzen stärker in Entscheidungen hineinspielen. Im Artikel über Warten bei ADHS haben wir dazu bereits das Delay Discounting betrachtet: Je weiter eine Belohnung in der Zukunft liegt, desto geringer kann ihr subjektiver Wert im gegenwärtigen Moment werden. Meta-analytische Forschung zeigt bei ADHS im Durchschnitt eine stärkere Präferenz für kleinere unmittelbare gegenüber größeren verzögerten Belohnungen.
Hier interessiert uns daran vor allem die motivationale Seite. Wenn ein Ergebnis weit entfernt ist, muss die aktuelle Handlung gewissermaßen von etwas motiviert werden, das noch gar nicht existiert. Je weniger unmittelbar dieses Ergebnis psychologisch präsent ist, desto stärker können andere Möglichkeiten konkurrieren.
Das erklärt nicht, warum jede langweilige Aufgabe bei ADHS schwierig ist. Es erklärt auch nicht Prokrastination insgesamt. Aber es kann ein Teil davon sein, warum ein langfristig wichtiges Ziel im konkreten Moment weniger Verhalten erzeugt, als seine objektive Bedeutung erwarten ließe.
Deshalb können Zwischenziele mehr sein als hübsche Häkchen
Nehmen wir ein Projekt, das drei Monate dauert. Am ersten Tag ist das eigentliche Ergebnis praktisch unsichtbar. Ich investiere Arbeit, bekomme aber noch kaum etwas zurück. Am zweiten Tag passiert dasselbe. Und am dritten Tag sieht das Ziel immer noch ziemlich weit entfernt aus.
Wenn Motivation unter anderem davon beeinflusst wird, wie unmittelbar Fortschritt und Konsequenzen wahrnehmbar sind, bekommt die Struktur eines solchen Projekts eine andere Bedeutung. Ein sichtbares Zwischenergebnis verändert nicht unbedingt das langfristige Ziel. Es verändert aber die zeitliche Entfernung zum nächsten erkennbaren Ergebnis.
Statt „Ich muss in drei Monaten fertig sein“ kann eine Aufgabe dann einen konkreten Abschluss innerhalb des heutigen Tages besitzen. Statt eines einzigen weit entfernten Erfolgs entstehen mehrere nähere Rückmeldungen darüber, dass tatsächlich etwas passiert.
Das klingt banal, und natürlich ist es keine ADHS-spezifische Erfindung. Projektmanagement hat Zwischenziele nicht entwickelt, weil irgendwann jemand das ventrale Striatum entdeckt hat. Aber bei Schwierigkeiten mit verzögerten Konsequenzen kann die zeitliche Struktur einer Aufgabe besonders relevant werden.
Der entscheidende Punkt ist dabei nicht das Häkchen selbst. Es ist die Verkürzung der Strecke zwischen Handlung und wahrnehmbarem Ergebnis.
Belohnung ist nicht gleich Belohnung
Ein weiterer Grund, vorsichtig mit einfachen Aussagen zu sein, liegt darin, dass Forschung sehr häufig Geld als experimentelle Belohnung verwendet. Geld lässt sich gut standardisieren. Fünf Franken lassen sich zwischen Versuchspersonen wesentlich leichter vergleichen als „ein interessantes Gespräch“, „ein leckeres Essen“ oder „das Gefühl, endlich fertig zu sein“.
Der Alltag besteht allerdings nicht ausschließlich aus Geldgewinnen.
Eine Studie mit jungen Erwachsenen untersuchte deshalb unterschiedliche Arten von Belohnungen. Jeweils 20 Personen mit und ohne ADHS betrachteten Hinweise auf bevorstehende soziale beziehungsweise essensbezogene Belohnungen. Bei sozialen Belohnungshinweisen zeigte die ADHS-Gruppe eine geringere Aktivierung in Teilen des Striatums und bei der tatsächlichen sozialen Belohnung eine stärkere ventral-striatale Reaktion. Bei den verwendeten Essensreizen fanden sich dagegen keine entsprechenden Gruppenunterschiede.
Auch diese Untersuchung ist klein und sollte nicht überinterpretiert werden. Sie zeigt aber sehr schön, warum der Satz „ADHS reagiert anders auf Belohnung“ eigentlich noch gar nicht viel sagt.
Welche Belohnung? In welcher Phase? In welcher Situation? Bei wem?
Eine 2026 veröffentlichte präregistrierte Meta-Analyse bildgebender Studien zu Belohnungsverarbeitung bei ADHS und Autismus unterstreicht ebenfalls, dass die neurobiologischen Muster komplexer sind als eine globale Über- oder Unterreaktion auf Belohnung. Über 29 Studien hinweg fanden die Autoren sowohl gemeinsame subkortikale als auch störungsspezifische präfrontale Aktivierungsmuster.
Das passt schlecht auf ein Instagram-Kärtchen.
Für eine Wissensseite ist es allerdings ziemlich nützlich.
Mehr Belohnung bedeutet nicht automatisch mehr Motivation
Wenn verzögerte Belohnungen weniger Zugkraft besitzen können, liegt eine scheinbar offensichtliche Lösung nahe: Dann muss die Belohnung eben größer werden.
Manchmal funktioniert das. Aber auch hier ist die Beziehung nicht linear.
Ältere Forschung zu Verstärkung bei ADHS zeigt, dass Belohnungen und andere Verstärkungskontingenzen die Aufgabenleistung verbessern können. Gleichzeitig profitieren natürlich auch Menschen ohne ADHS von Belohnungen. Ein Review von 22 Studien mit insgesamt 1.181 Kindern fand Hinweise darauf, dass Verstärkung bei ADHS teilweise stärkere Auswirkungen auf die Leistung haben kann. Die Autoren fanden aber zugleich deutliche Unterschiede zwischen theoretischen Modellen und tatsächlichen Verhaltensbefunden.
Für Erwachsene ist die Datenlage in vielen Bereichen dünner. Das ist wichtig, weil populäre Aussagen über „das ADHS-Belohnungssystem“ häufig Forschung an Kindern, Erwachsenen, Tiermodellen und bildgebenden Studien zu einer einzigen Geschichte zusammenziehen.
So funktioniert Wissenschaft nicht besonders gut.
Wir können sagen, dass veränderte Verstärkungs- und Belohnungsverarbeitung zu den ernsthaft untersuchten Modellen von ADHS gehört. Wir können auch sagen, dass unmittelbare Konsequenzen für manche Menschen und Aufgaben besonders wirksam sein können.
Wir können daraus aber keine Formel machen wie: langweilige Aufgabe + genügend Belohnung = funktioniert.
Wenn das so einfach wäre, wäre die gesamte ADHS-Therapie vermutlich inzwischen ein Bonusprogramm.
Auch negative Konsequenzen sind zukünftige Konsequenzen
Interessanterweise betrifft das Thema nicht nur Belohnungen. Viele Dinge erledigen wir, um etwas Unangenehmes in der Zukunft zu vermeiden. Ich bezahle eine Rechnung, damit keine Mahnung kommt. Ich bereite mich auf einen Termin vor, damit ich dort nicht ohne wichtige Informationen sitze. Ich beginne rechtzeitig mit einer Aufgabe, damit ich später keinen Stress habe.
Auch hier liegt die Konsequenz zunächst in der Zukunft.
Solange sie weit entfernt ist, kann sie abstrakt bleiben. Rückt sie näher, verändert sich ihr motivationales Gewicht. Das ist ein Grund, warum eine Aufgabe kurz vor einer Frist plötzlich sehr viel präsenter werden kann, obwohl man seit Wochen wusste, dass sie existiert.
Aber auch bei negativen Konsequenzen ist die Forschung nicht mit einer simplen Geschichte vereinbar. Eine fMRT-Studie mit jeweils 28 Erwachsenen mit und ohne ADHS fand während der Erwartung monetärer Verluste bei der ADHS-Gruppe sogar erhöhte Aktivität unter anderem in Amygdala und anteriorer Insula. Die Autoren diskutierten deshalb ausdrücklich, dass nicht einfach von einer generell abgeschwächten Reaktion auf zukünftige Konsequenzen gesprochen werden kann.
Das ist wichtig. ADHS bedeutet nicht, dass Zukunft grundsätzlich weniger emotional relevant wäre.
Eine bevorstehende negative Konsequenz kann sogar ausgesprochen präsent sein.
Und trotzdem muss daraus noch keine hilfreiche Handlung entstehen.
Wissen, dass etwas schiefgeht, verhindert es nicht automatisch
Das ist im Alltag vielleicht einer der frustrierendsten Punkte.
Ich kann ziemlich genau vorhersehen, was passieren wird. Wenn ich jetzt nicht anfange, werde ich später Stress haben. Wenn ich diese Sache nicht erledige, wird sie unangenehmer. Wenn ich wieder bis zum letzten Moment warte, werde ich mich darüber ärgern.
Das Wissen ist vorhanden.
Manchmal sogar aus jahrelanger Erfahrung.
Und trotzdem entsteht daraus nicht automatisch genügend Aktivierung im gegenwärtigen Moment.
Das zeigt, warum Motivation nicht einfach mit Einsicht gleichgesetzt werden sollte. Menschen können Konsequenzen verstehen und dennoch Schwierigkeiten haben, ihr aktuelles Verhalten danach auszurichten. Gerade bei ADHS treffen dabei mehrere Bereiche aufeinander: zeitliche Bewertung, Belohnungsverarbeitung, Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen und möglicherweise emotionale Reaktionen auf die Aufgabe.
Deshalb ist „Du weißt doch, was passiert“ zwar häufig vollkommen richtig.
Es ist nur noch keine Lösung.
Unmittelbares Feedback kann eine Aufgabe verändern
Wenn zukünftige Ergebnisse allein wenig Rückmeldung liefern, kann unmittelbares Feedback eine interessante Rolle spielen. Dabei muss es gar nicht um klassische Belohnungen gehen.
Eine Fortschrittsanzeige ist Feedback. Ein abgehakter Abschnitt ist Feedback. Ein sichtbarer Stapel, der kleiner wird, ist Feedback. Eine andere Person, die wahrnimmt, dass etwas erledigt wurde, kann Feedback sein. Selbst eine Aufgabe, bei der nach jedem Schritt sichtbar etwas entsteht, liefert mehr unmittelbare Information als eine Tätigkeit, deren Ergebnis erst viel später erkennbar wird.
Forschung zu Verstärkung bei ADHS legt nahe, dass unmittelbare Konsequenzen die Aufgabenbearbeitung beeinflussen können, wobei die genaue Wirkung stark von Paradigma und Person abhängt. Ein systematischer Review von neun Fall-Kontroll-Studien mit insgesamt 976 Teilnehmenden kam zu dem Schluss, dass Verstärkung die Reaktion auf Gewinne und Verluste bei ADHS verbessern kann, betonte aber ebenfalls Unterschiede zwischen ADHS-Präsentationen und die begrenzte Studienlage.
Auch bei Erwachsenen gibt es Hinweise darauf, dass die Art des Feedbacks relevant sein kann. In einer Untersuchung mit 105 Erwachsenen lernten Personen mit stärker selbstberichteten ADHS-Symptomen in einer instrumentellen Lernaufgabe besser aus belohnungsbasiertem als aus bestrafungsbasiertem Feedback. Die Studie untersuchte Symptomausprägungen und keine klinisch sauber getrennten Diagnosegruppen, weshalb daraus keine allgemeine Behandlungsempfehlung abgeleitet werden kann.
Trotzdem passt der Befund zu einer vernünftigen praktischen Frage: Muss die einzige Rückmeldung für eine Aufgabe wirklich erst ganz am Ende kommen?
Langfristige Ziele verschwinden dadurch nicht
All das könnte so klingen, als wären Menschen mit ADHS hauptsächlich für kurzfristige Ziele geeignet. Das wäre Unsinn.
Menschen mit ADHS absolvieren Ausbildungen, bauen Unternehmen auf, schreiben Bücher, trainieren jahrelang für etwas, ziehen Kinder groß und verfolgen Projekte, deren Ergebnisse erst sehr viel später sichtbar werden. Ein durchschnittlicher Unterschied in einem experimentellen Belohnungsparadigma setzt keine persönliche Obergrenze für langfristiges Handeln.
Viel interessanter ist die Frage, unter welchen Bedingungen ein langfristiges Ziel im Alltag handlungswirksam bleibt.
Vielleicht besitzt das Ziel selbst eine hohe persönliche Bedeutung. Vielleicht gibt es regelmäßiges Feedback. Vielleicht entstehen viele kleine Zwischenergebnisse. Vielleicht wird gemeinsam daran gearbeitet. Vielleicht ist die Tätigkeit selbst interessant und nicht nur das Endergebnis. Vielleicht existieren äußere Strukturen, Termine oder Verpflichtungen, die den nächsten Schritt näher an die Gegenwart holen.
Dann bleibt das langfristige Ziel langfristig.
Aber seine Handlungsschritte sind es nicht.
Und genau das kann einen erheblichen Unterschied machen.
Der Nutzen einer Aufgabe muss nicht größer werden – manchmal muss er näher kommen
Wenn eine Aufgabe nicht funktioniert, versuchen wir häufig, ihre Bedeutung zu erhöhen. Wir erinnern uns daran, wie wichtig sie ist, welche Konsequenzen drohen und wie erleichtert wir hinterher sein werden.
Manchmal ist die Bedeutung allerdings längst klar.
Vielleicht besteht das Problem gar nicht darin, dass der zukünftige Nutzen zu klein ist. Vielleicht ist er einfach zu weit entfernt, um im aktuellen Moment genügend Konkurrenz zu erzeugen.
Dann kann es sinnvoller sein, die zeitliche Struktur zu verändern. Was ist der nächste sichtbare Abschluss? Welche Rückmeldung entsteht heute? Kann eine lange Aufgabe in Einheiten zerlegt werden, die tatsächlich ein Ende besitzen? Gibt es eine Möglichkeit, Fortschritt unmittelbar wahrzunehmen?
Das sind keine universellen ADHS-Techniken und schon gar keine Garantie. Sie folgen lediglich einer Erkenntnis, die wesentlich allgemeiner ist: Verhalten wird nicht nur vom endgültigen Wert eines Ziels beeinflusst, sondern auch davon, wann und wie dieser Wert erfahrbar wird.
Die Zukunft muss nicht unwichtig sein
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied.
Wenn jemand eine langfristig sinnvolle Handlung immer wieder nicht umsetzt, sieht es schnell so aus, als wären ihm die Konsequenzen egal. Gerade bei ADHS kann diese Interpretation ziemlich danebenliegen.
Ich kann wissen, was später passiert. Ich kann das Ergebnis wollen. Ich kann mich sogar darauf freuen. Und trotzdem kann der Schritt, der heute dafür notwendig wäre, nur wenig unmittelbare Aktivierung erzeugen.
Das ist keine Ausrede für jede liegengebliebene Aufgabe. Es ist auch keine Behauptung, dass alle Menschen mit ADHS Zukunft und Belohnung gleich verarbeiten. Die Forschung zeigt Gruppenunterschiede, heterogene Befunde und mehrere konkurrierende Erklärungsmodelle. Ein Review zur veränderten Verstärkungssensitivität bei ADHS betonte entsprechend, dass verschiedene neurobiologische Modelle unterschiedliche Vorhersagen machen und die vorhandenen Befunde keinen einzelnen Mechanismus bestätigen, der das gesamte Phänomen erklärt.
Aber eines lässt sich daraus ziemlich gut mitnehmen: Zwischen „Das ist mir wichtig“ und „Deshalb tue ich es jetzt“ liegt ein ganzer motivationaler Prozess.
Bei manchen Aufgaben funktioniert diese Verbindung hervorragend.
Bei anderen braucht die Zukunft offenbar etwas Hilfe, um überhaupt bis in die Gegenwart durchzukommen.
Vielleicht muss das Ziel dann nicht wichtiger werden. Vielleicht muss es nur ein Stück näher rücken.
Quellen & weiterführende Literatur
Dekkers, T. J. et al. (2016): A meta-analysis of decision-making and attention in adults with ADHD. Die Meta-Analyse umfasste 59 Studien und fand bei Erwachsenen mit ADHS robuste kleine bis mittlere Unterschiede in belohnungsbezogenen Entscheidungsprozessen.
Plichta, M. M. & Scheres, A. (2014): Ventral-striatal responsiveness during reward anticipation in ADHD and its relation to trait impulsivity in the healthy population: a meta-analytic review of the fMRI literature. Die Meta-Analyse berichtete eine mittlere Hyporesponsivität des ventralen Striatums während der Belohnungsantizipation bei ADHS, betonte jedoch die begrenzte Zahl verfügbarer Studien.
Ströhle, A. et al. (2008): Reward anticipation and outcomes in adult males with attention-deficit/hyperactivity disorder. Die kleine fMRT-Studie mit jeweils zehn Erwachsenen fand unterschiedliche Aktivierungsmuster während Erwartung und Erhalt monetärer Belohnungen. Aufgrund der sehr kleinen Stichprobe ist sie vor allem als früher mechanistischer Befund einzuordnen.
Carmona, S. et al. (2012): Response inhibition and reward anticipation in medication-naïve adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: a within-subject case-control neuroimaging study. Bei jeweils 19 medikationsnaiven Erwachsenen mit ADHS und Kontrollpersonen zeigte sich während der Belohnungserwartung eine geringere Aktivierung des ventralen Striatums in der ADHS-Gruppe.
Luman, M., Tripp, G. & Scheres, A. (2010): Identifying the neurobiology of altered reinforcement sensitivity in ADHD: a review and research agenda. Die Übersichtsarbeit zeigt, dass veränderte Verstärkungssensitivität ein relevantes Forschungsmodell für ADHS ist, die experimentelle Evidenz aber nicht auf einen einzigen zugrunde liegenden Mechanismus reduziert werden kann.
Furukawa, E. et al. (2022): Reward modality modulates striatal responses to reward anticipation in ADHD: Effects of affiliative and food stimuli. Die kleine Studie mit jeweils 20 jungen Erwachsenen zeigte unterschiedliche Befunde je nach Art der verwendeten Belohnung und verdeutlicht, dass „Belohnungsverarbeitung“ kein einheitlicher Prozess ist.
Zhu, C. et al. (2026): Distinct neurobiological alterations during hedonic experience of rewards in attention deficit hyperactivity disorder and autism spectrum disorder: Multimodal evidence from neuroimaging meta-analyses. Die präregistrierte Meta-Analyse von 29 bildgebenden Studien fand bei ADHS und Autismus sowohl gemeinsame subkortikale als auch unterschiedliche präfrontale Aktivierungsmuster während der Belohnungsverarbeitung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.










