Warum man bei ADHS etwas vorhaben kann – und es trotzdem nicht tut

Ich habe es nicht vergessen. Zumindest nicht grundsätzlich. Ich wusste den ganzen Tag, dass ich es machen wollte. Das Problem ist nur, dass dieses Wissen genau in dem Moment nicht aufgetaucht ist, in dem ich hätte handeln müssen.

Es gibt eine seltsame Art des Vergessens, die sich nicht wirklich wie Vergessen anfühlt. Ich weiß, dass ich später jemanden anrufen will. Ich weiß, dass ich beim Verlassen der Wohnung etwas mitnehmen muss. Ich weiß, dass ich eine Rechnung bezahlen wollte, sobald ich wieder am Computer sitze. Und trotzdem passiert es nicht. Stunden später fällt mir die Sache wieder ein und die Erinnerung ist sofort vollständig da. Es war also nichts verschwunden. Sie war nur zur falschen Zeit nicht verfügbar.

In der Gedächtnisforschung gibt es dafür einen eigenen Begriff: prospektives Gedächtnis. Gemeint ist die Fähigkeit, eine bereits gebildete Absicht zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich umzusetzen. Das unterscheidet sich vom klassischen Erinnern an Vergangenes. Ich muss mich nicht daran erinnern, was gestern passiert ist, sondern daran, dass ich später noch etwas tun möchte. Genau darin steckt eine besondere Schwierigkeit: Zwischen Absicht und Handlung liegt Zeit, und während dieser Zeit passiert meistens ziemlich viel anderes.

Bei Erwachsenen mit ADHS gibt es Hinweise darauf, dass solche zukünftigen Absichten besonders dann anfällig sein können, wenn sie eigenständig überwacht und zum richtigen Zeitpunkt aktiviert werden müssen. Eine Studie mit jeweils 25 Erwachsenen mit und ohne ADHS verwendete eine computerbasierte Alltagssimulation, bei der mehrere Frühstücksaufgaben unter Zeitvorgaben koordiniert werden mussten. Während sich die Gruppen bei ereignisbasierten Erinnerungen nicht unterschieden, zeigte die ADHS-Gruppe bei zeitbasiertem prospektivem Gedächtnis eine deutliche Beeinträchtigung.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn „Ich vergesse Dinge“ beschreibt nur das Ergebnis. Die interessantere Frage lautet: Was hätte die Erinnerung im richtigen Moment auslösen sollen?

Eine Absicht muss den Weg zurück in die Gegenwart finden

Wenn ich morgens denke: „Heute Abend muss ich noch die Versicherung anrufen“, ist die Absicht zunächst vorhanden. Danach beschäftige ich mich mit anderen Dingen. Damit ich später tatsächlich telefoniere, muss diese Absicht irgendwann wieder aktiv werden. Sie braucht gewissermaßen einen Weg zurück in meine Aufmerksamkeit.

Manchmal liefert die Umgebung dafür einen Hinweis. Ich sehe die Versicherungskarte auf dem Tisch und erinnere mich an den Anruf. Ich komme am Briefkasten vorbei und denke an den Brief, den ich noch einwerfen wollte. Solche Aufgaben werden als ereignisbasiert bezeichnet: Ein bestimmtes Ereignis oder ein Reiz soll die beabsichtigte Handlung auslösen.

Bei anderen Absichten fehlt dieser äußere Auslöser. „Um 16 Uhr anrufen“ oder „in zwanzig Minuten den Herd ausschalten“ verlangt, dass Zeit selbst überwacht wird. Hier spricht man von zeitbasiertem prospektivem Gedächtnis. Genau diese Form kann anspruchsvoller sein, weil ich nicht einfach auf einen sichtbaren Hinweis warten kann. Ich muss während einer anderen Tätigkeit zumindest gelegentlich überprüfen, ob der relevante Zeitpunkt näher rückt.

In der bereits erwähnten Studie von Altgassen und Kollegen schnitten Erwachsene mit ADHS bei der zeitbasierten Aufgabe deutlich schlechter ab, während sich bei ereignisbasierten Absichten kein entsprechender Gruppenunterschied zeigte. Das spricht gegen die pauschale Vorstellung eines allgemeinen „Zukunftsgedächtnis-Defizits“. Entscheidend scheint unter anderem zu sein, wie eine Absicht später wieder ausgelöst werden soll.

„Denk später daran“ ist erstaunlich viel verlangt

Der Satz klingt harmlos. Tatsächlich besteht er aus mehreren kognitiven Anforderungen. Zuerst muss ich eine Absicht bilden. Dann muss sie während anderer Tätigkeiten irgendwie erhalten bleiben. Ich darf sie nicht permanent im Bewusstsein halten, sonst könnte ich kaum noch etwas anderes tun. Gleichzeitig muss sie später wieder aktiviert werden. Anschließend muss ich meine aktuelle Tätigkeit unterbrechen, zur vorgesehenen Handlung wechseln und sie tatsächlich ausführen.

Das ist also nicht nur eine Gedächtnisaufgabe. Aufmerksamkeit, Planung, Inhibition und Aufgabenwechsel können ebenfalls beteiligt sein.

Eine Untersuchung mit 45 Erwachsenen mit ADHS ohne Stimulanzienbehandlung und 45 Kontrollpersonen zerlegte deshalb eine komplexe prospektive Gedächtnisaufgabe in mehrere Bestandteile: Planung, Erinnerung an den Plan, selbstständigen Start und tatsächliche Ausführung. Der deutlichste Gruppenunterschied lag nicht beim späteren Erinnern des Plans, sondern bei der Planung selbst. Für Planabruf, Selbstinitiierung und Ausführung waren die Unterschiede dagegen nur klein. Außerdem hing die Planungsleistung mit Inhibitionsleistungen zusammen.

Das ist ausgesprochen interessant, weil es zeigt, wie schnell wir im Alltag „Gedächtnis“ sagen, obwohl das Problem möglicherweise früher beginnt. Vielleicht wurde die Absicht gespeichert. Vielleicht war aber nie ausreichend festgelegt, wann, wodurch und unter welchen Bedingungen sie wieder in Verhalten übersetzt werden soll.

„Ich muss später noch X machen“ ist eben noch kein besonders guter Plan.

Es ist eher eine Absicht mit optimistischer Zukunftshoffnung.

Alltag ist schwieriger als Labor

Prospektives Gedächtnis ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, warum standardisierte Tests und reale Alltagsprobleme nicht immer dasselbe abbilden. Im Labor weiß ich, dass ich an einer Untersuchung teilnehme. Die Aufgabe ist begrenzt, Regeln sind klar, die Umgebung kontrolliert und ich weiß, dass bestimmte Dinge geprüft werden. Im Alltag konkurriert die Absicht dagegen mit Nachrichten, Gesprächen, Arbeit, Müdigkeit, anderen Aufgaben und allem, was sonst noch ungefragt auftaucht.

Eine Studie zu Erwachsenen mit ADHS fand genau deshalb eine bemerkenswerte Trennung. In laborbasierten Aufgaben zeigten sich keine eindeutigen Unterschiede beim prospektiven Gedächtnis. Im echten Alltag dagegen waren die Schwierigkeiten deutlich: sowohl bei einer vorgegebenen Aufgabe – zu einem bestimmten Zeitpunkt anzurufen – als auch bei selbst gewählten persönlichen Vorhaben.

Das bedeutet nicht, dass Labortests nutzlos sind. Sie isolieren bestimmte Prozesse und ermöglichen kontrollierte Vergleiche. Aber Alltag verlangt zusätzliche Dinge: Eine Absicht muss zwischen vielen anderen Zielen erhalten bleiben, die Situation verändert sich und niemand erinnert einen daran, dass man gerade an einer Gedächtnisstudie teilnimmt.

Genau deshalb kann jemand in einem Test vollkommen unauffällig wirken und zu Hause trotzdem regelmäßig denken:

Verdammt. Das wollte ich doch machen.

Neue Alltagssimulationen zeigen ähnliche Muster

Neuere Forschung versucht deshalb, realistischere Aufgaben zu entwickeln. Eine große Studie aus dem Jahr 2023 verwendete ein browserbasiertes 3D-Spiel, in dem Erwachsene verschiedene alltägliche Aufgaben in einer virtuellen Wohnung erledigen mussten. Die Stichprobe umfasste 112 Erwachsene mit ADHS und 255 neurotypische Vergleichspersonen. Die Aufgaben verlangten unter anderem, sich mehrere Ziele zu merken, Handlungen zu planen und im richtigen Moment auszuführen. Zusätzlich führten die Teilnehmenden fünf Tage lang ein Tagebuch über prospektive Gedächtnisfehler im Alltag.

Die Erwachsenen mit ADHS zeigten in der virtuellen Alltagsaufgabe schwächere zielgerichtete Leistung und mehr für ADHS typische Verhaltensmuster. Besonders relevant ist dabei die Idee hinter solchen Paradigmen: Statt eine einzelne Gedächtnisleistung isoliert zu messen, wird untersucht, wie mehrere Ziele gleichzeitig organisiert und umgesetzt werden.

Das kommt dem echten Leben deutlich näher. Denn selten lautet die Aufgabe lediglich: „Erinnere dich in fünf Minuten daran, einen Knopf zu drücken.“ Meistens lautet sie eher: „Denk daran, den Termin zu bestätigen, sobald du wieder zu Hause bist, aber vorher einkaufen, außerdem das Paket mitnehmen und bitte nicht vergessen, dass um 17 Uhr noch jemand anruft.“

Das menschliche Gehirn bedankt sich vermutlich für die übersichtliche Aufgabenbeschreibung.

Erinnerung und Handlung sind zwei verschiedene Probleme

Selbst wenn eine Absicht im richtigen Moment auftaucht, muss noch etwas passieren. Ich kann um 16 Uhr tatsächlich denken: „Ich muss jetzt anrufen“ – und trotzdem zunächst die aktuelle Tätigkeit fertig machen wollen. Zwei Minuten später ist die Erinnerung wieder verschwunden.

Dann war das prospektive Gedächtnis streng genommen teilweise erfolgreich. Die Absicht wurde aktiviert. Die Handlung wurde nur nicht unmittelbar umgesetzt.

Hier überschneiden sich mehrere Prozesse. Muss ich eine aktuelle Tätigkeit stoppen? Brauche ich etwas für den Anruf? Ist der Übergang unangenehm? Gibt es eine Entscheidung, die vorher getroffen werden muss? Oder denke ich, dass ich „gleich“ anrufe, ohne einen neuen konkreten Auslöser zu definieren?

Genau deshalb kann es gefährlich sein, Erinnerungsprobleme ausschließlich mit mehr Erinnerungen lösen zu wollen. Ein Kalenderalarm kann perfekt funktionieren und trotzdem nichts bewirken, wenn das eigentliche Problem der anschließende Aufgabenwechsel ist.

Der Alarm sagt:

Jetzt.

Ich antworte:

Ja, gleich.

Und damit beginnt ein überraschend riskantes Verhandlungsgespräch.

Warum „gleich“ organisatorisch so gefährlich sein kann

„Gleich“ klingt nach einer kleinen Verschiebung. In Wirklichkeit entfernt es häufig den einzigen vorhandenen Auslöser. Der Alarm war der Moment, der die Absicht aktiviert hat. Wenn ich ihn wegdrücke und beschließe, die Sache in fünf Minuten zu erledigen, brauche ich nun einen neuen Mechanismus, der sie in fünf Minuten erneut aktiviert.

Ohne diesen Mechanismus vertraue ich darauf, dass die Absicht spontan wieder auftaucht.

Manchmal tut sie das.

Manchmal meldet sie sich drei Stunden später zurück und wirkt dabei selbst leicht irritiert.

Das ist einer der Gründe, warum Snooze-Funktionen oder neu gesetzte Timer praktisch sein können. Nicht weil Menschen mit ADHS für jede Handlung einen elektronischen Aufpasser brauchen, sondern weil eine verschobene Handlung einen neuen Auslöser benötigt. Wird der ursprüngliche Hinweis entfernt, ohne einen Ersatz zu schaffen, hängt die Absicht wieder vollständig von interner Erinnerung ab.

Das Prinzip ist erstaunlich simpel: Wenn „jetzt“ nicht möglich ist, braucht „später“ einen konkreten Platz.

Sichtbar ist oft zuverlässiger als wichtig

Auch physische Hinweise können deshalb funktionieren. Ein Gegenstand an einer ungewöhnlichen Stelle, ein Zettel an der Tür oder etwas, das den Weg bewusst blockiert, kann eine zukünftige Handlung an ein konkretes Ereignis koppeln.

Das funktioniert allerdings nur, solange der Hinweis tatsächlich auffällt. Ein Zettel, der seit drei Wochen am Monitor hängt, kann irgendwann vollständig Teil der Umgebung werden. Dann ist er zwar weiterhin sichtbar, aber nicht mehr aufmerksamkeitswirksam.

Das ist ein allgemeines Prinzip der Habituation: Reize, die dauerhaft unverändert vorhanden sind, verlieren Aufmerksamkeit. Für ein Erinnerungssystem ist das ungünstig. Ein Hinweis muss nicht schön sein. Er muss im richtigen Moment auffallen.

Deshalb kann ein Gegenstand vor der Wohnungstür manchmal effektiver sein als ein perfekt gestaltetes Organisationsboard, das man inzwischen so zuverlässig ignoriert wie die Wand dahinter.

Die beste Erinnerung ist nicht zwangsläufig die cleverste.

Sie ist diejenige, die genau dann auftaucht, wenn die Handlung möglich ist.

Zeitbasierte Erinnerungen haben ein zusätzliches Problem

Wenn eine Handlung nicht an ein Ereignis, sondern an eine Uhrzeit gebunden ist, gibt es ohne Hilfsmittel möglicherweise keinen sichtbaren Hinweis. Ich muss Zeit aktiv überwachen. Genau das scheint in manchen Studien bei Erwachsenen mit ADHS schwieriger zu sein.

Die Frühstücks-Simulation von Altgassen und Kollegen ist hier besonders anschaulich. Die Teilnehmenden mussten mehrere Tätigkeiten koordinieren und bestimmte Handlungen zeitgerecht ausführen. Die ADHS-Gruppe zeigte bei zeitbasierten prospektiven Anforderungen eine deutlich schwächere Leistung.

Das passt gut zu unserem vorherigen Artikel über Zeitplanung. Ein zukünftiger Zeitpunkt muss in aktuelle Handlung übersetzt werden. Solange ich stark mit etwas anderem beschäftigt bin, liefert die Uhrzeit von sich aus kein Ereignis. 15:00 Uhr fühlt sich nicht fünf Minuten vorher an die Schulter und sagt: „Übrigens, ich komme gleich.“

Ein Alarm tut genau das.

Darum ist externe Zeitinformation nicht bloß Bequemlichkeit. Sie kann aus einer zeitbasierten Absicht praktisch eine ereignisbasierte machen: Wenn dieses Signal ertönt, tue ich X.

Das reduziert zumindest einen Teil der internen Überwachung.

Aber selbst ein guter Alarm kann falsch gebaut sein

Ein Alarm mit der Beschriftung „Termin“ enthält beispielsweise erstaunlich wenig Information. Welcher Termin? Muss ich jetzt los? Muss ich mich vorbereiten? Ist das nur eine Erinnerung, dass der Termin später stattfindet?

Je konkreter ein Signal mit einer Handlung verbunden ist, desto weniger Planung muss im entscheidenden Moment noch stattfinden. „14:20 – Schuhe an und Wohnung verlassen“ ist organisatorisch etwas anderes als „Arzt 15:00“.

Der zweite Eintrag beschreibt das zukünftige Ereignis.

Der erste beschreibt die aktuelle Handlung, die notwendig ist, damit dieses Ereignis funktioniert.

Das ist ein wichtiger Unterschied bei Selbstorganisation. Kalender sind häufig sehr gut darin, Ziele aufzubewahren, aber weniger gut darin, die Übergänge dorthin abzubilden.

Wenn Probleme mit prospektivem Gedächtnis und Planung zusammenkommen, kann genau diese Übersetzung entscheidend werden: Nicht nur speichern, was später passieren soll, sondern festlegen, was ich wann tatsächlich tun muss.

Kann man prospektives Erinnern verbessern?

Neuere Forschung deutet darauf hin, dass bereits die Art, wie eine zukünftige Absicht gedanklich abgespeichert wird, einen Unterschied machen kann. Eine 2026 veröffentlichte Studie rekrutierte 196 Erwachsene, jeweils 98 mit und ohne ADHS, und verglich verschiedene Formen des episodischen Zukunftsdenkens. Die Teilnehmenden sollten sich bei der Bildung zukünftiger Absichten entweder stärker den gewünschten Ausgang, den Handlungsprozess oder keine besondere Zukunftsvorstellung vorstellen. Anschließend wurde die Umsetzung alltäglicher Vorhaben über mehrere Online-Sitzungen geprüft.

Insgesamt zeigten die Erwachsenen mit ADHS schlechtere prospektive Gedächtnisleistung. Gleichzeitig verbesserten Zukunftsvorstellungen die Erinnerung gegenüber einer Standardbedingung. Überraschenderweise war die Vorstellung des Ergebnisses besonders wirksam; eine stärkere Vorstellung des Handlungsprozesses brachte bei Erwachsenen mit ADHS moderate Vorteile.

Das ist eine einzelne neue Studie und noch keine etablierte Behandlungsmethode. Aber sie zeigt etwas Interessantes: Eine Absicht ist möglicherweise leichter wiederzufinden, wenn sie bei ihrer Entstehung reichhaltiger mit einer zukünftigen Situation verbunden wird.

„Morgen Brief abschicken“ ist abstrakt.

„Wenn ich morgen zur Haustür gehe, nehme ich den Umschlag vom Schuhschrank und werfe ihn auf dem Weg ein“ enthält bereits Situation, Handlung und Auslöser.

Das Gehirn bekommt gewissermaßen mehr Haken, an denen die Erinnerung später hängenbleiben kann.

Selbstorganisation ist deshalb oft Gedächtnisdesign

Das klingt größer, als es gemeint ist. Im Kern geht es darum, nicht jede zukünftige Absicht darauf angewiesen zu lassen, dass sie zum richtigen Zeitpunkt spontan wieder auftaucht.

Eine Erinnerung kann an einen Ort gekoppelt werden. An eine Uhrzeit. An eine andere Handlung. An einen Gegenstand. An eine Benachrichtigung. Oder an einen sichtbaren Ablauf.

Damit wird ein Teil der Selbstorganisation nach außen verlagert.

Das ist keineswegs nur für ADHS sinnvoll. Kalender, Einkaufslisten und Wecker existieren vermutlich deshalb, weil das menschliche Gedächtnis generell wenig Interesse daran hat, als perfektes Projektmanagementsystem zu arbeiten. Bei ADHS kann diese Externalisierung allerdings besonders wichtig werden, wenn zukünftige Absichten im Alltag häufiger verloren gehen oder ihre Umsetzung stärkere exekutive Steuerung verlangt.

Eine pragmatische randomisierte Studie von 2026 untersuchte ein strukturiertes Zeitmanagementprogramm bei 75 Erwachsenen mit beeinträchtigtem Zeitmanagement aufgrund von ADHS, Autismus oder anderen psychischen Erkrankungen. Sowohl das Gruppenprogramm als auch die übliche individuelle Ergotherapie führten zu Verbesserungen unter anderem bei Zeitmanagement, Organisation und Planung; zwischen den beiden Ansätzen bestand nach der Behandlung kein signifikanter Unterschied. Wegen der diagnostisch gemischten Stichprobe lässt sich daraus kein spezifischer ADHS-Effekt ableiten, die Ergebnisse zeigen aber, dass solche Fähigkeiten grundsätzlich strukturierbar und trainierbar sind.

Das ist eine angenehm unromantische Erkenntnis.

Man muss nicht lernen, alles im Kopf zu behalten.

Man kann lernen, dem Kopf weniger davon aufzubürden.

„Vergessen“ kann außerdem sehr unterschiedliche Ursachen haben

Es lohnt sich deshalb, genauer hinzusehen, was tatsächlich passiert. Habe ich die Absicht nie richtig geplant? Ist sie während anderer Tätigkeiten nicht wieder aufgetaucht? Kam sie zum richtigen Zeitpunkt, aber ich konnte die aktuelle Handlung nicht unterbrechen? Habe ich sie verschoben, ohne einen neuen Auslöser zu setzen? Oder war das Vorhaben selbst so unklar, dass ich im entscheidenden Moment nicht wusste, womit ich beginnen sollte?

All diese Situationen können am Ende denselben Satz produzieren:

„Ich hab’s vergessen.“

Aber sie brauchen nicht dieselbe Lösung.

Wenn ich eine Uhrzeit nicht überwache, kann ein Alarm helfen. Wenn ich einen Gegenstand vergessen will mitzunehmen, ist ein Hinweis direkt an der Tür möglicherweise sinnvoller. Wenn ich einen Alarm regelmäßig wahrnehme und trotzdem weitermache, liegt das Problem vermutlich nicht hauptsächlich im Erinnern. Dann müssen wir eher auf Übergang und Aufgabenwechsel schauen.

Gute Selbstorganisation beginnt deshalb manchmal mit einer überraschend kleinen Frage:

Was genau ist an dieser Stelle eigentlich schiefgegangen?

Erinnerung ist kein Charaktertest

Vergessene Absichten werden schnell moralisch interpretiert. Wenn mir etwas wichtig wäre, würde ich schließlich daran denken. Wenn ich jemanden wirklich respektierte, würde ich zurückrufen. Wenn ich ernsthaft organisiert sein wollte, würde ich den Termin nicht vergessen.

Nur misst Erinnerung keine Wertschätzung.

Ein Vorhaben kann emotional wichtig sein und trotzdem in einem bestimmten Moment nicht aktiviert werden. Gerade das macht prospektives Vergessen so frustrierend: Die Bedeutung der Sache wird häufig erst nachträglich sichtbar, wenn die Erinnerung zurückkehrt und sofort klar ist, dass man sie eigentlich unbedingt erledigen wollte.

Das entschuldigt nicht jede Konsequenz. Wer andere Menschen regelmäßig warten lässt oder Verpflichtungen nicht erfüllt, muss trotzdem Wege finden, damit umzugehen. Aber eine moralische Erklärung hilft bei der Lösung wenig.

„Du musst einfach besser daran denken“ ist ungefähr so informativ wie „Du solltest häufiger pünktlich sein.“

Stimmt.

Wir suchen nur leider gerade nach dem Teil dazwischen.

Der entscheidende Moment ist oft nicht das Erinnern, sondern der Auslöser

Vielleicht ist das die hilfreichste Perspektive auf prospektives Gedächtnis bei ADHS. Eine Absicht muss nicht permanent im Kopf bleiben. Sie muss im richtigen Moment zurückkommen.

Je klarer dieser Moment definiert ist, desto weniger muss die Erinnerung aus dem Nichts entstehen.

„Irgendwann heute den Brief abschicken“ verlangt viel.

„Wenn ich um 16 Uhr die Wohnung verlasse, nehme ich den Brief von der Türklinke mit“ verlangt etwas Konkreteres.

Natürlich funktioniert auch das nicht immer. Kein Erinnerungssystem ist fehlerfrei, und ADHS lässt sich nicht mit strategisch platzierten Umschlägen heilen. Die Forschung zeigt außerdem kein universelles prospektives Gedächtnisdefizit, sondern Unterschiede, die stark von Aufgabe und Situation abhängen. Gerade zeitbasierte und komplexe Alltagsanforderungen scheinen jedoch relevant zu sein.

Vielleicht ist deshalb die Frage „Warum vergesse ich das ständig?“ ein bisschen zu grob.

Besser wäre:

„Was sollte mich im richtigen Moment eigentlich daran erinnern?“

Denn manchmal fehlt nicht die Absicht.

Es fehlt nur die Brücke zwischen „später“ und „jetzt“.


Quellen & weiterführende Literatur

Altgassen, M., Kretschmer, A. & Kliegel, M. (2012/2014): Task Dissociation in Prospective Memory Performance in Individuals With ADHD. Jeweils 25 Erwachsene mit ADHS und Kontrollpersonen bearbeiteten eine komplexe Frühstückssimulation. Bei ereignisbasiertem prospektivem Gedächtnis zeigte sich kein Gruppenunterschied, bei zeitbasierten Anforderungen dagegen eine große Beeinträchtigung in der ADHS-Gruppe.

Fuermaier, A. B. M. et al. (2013): Complex Prospective Memory in Adults with Attention Deficit Hyperactivity Disorder. In einer Stichprobe von jeweils 45 Erwachsenen zeigte sich der deutlichste Gruppenunterschied bei der Planung zukünftiger Handlungen; Unterschiede bei Planerinnerung, Selbstinitiierung und Ausführung waren wesentlich kleiner.

Laine, M. et al. (2023): Assessment of goal-directed behavior and prospective memory in adult ADHD with an online 3D videogame simulating everyday tasks. Die präregistrierte Studie mit 112 Erwachsenen mit ADHS und 255 Kontrollpersonen untersuchte zielgerichtete Handlungen und prospektives Gedächtnis in einer virtuellen Alltagssimulation und ergänzte diese durch Tagebuchdaten aus dem echten Alltag.

Talbot et al. / Studie zu prospektivem Gedächtnis und Prokrastination bei ADHS: Laborbasierte Aufgaben zeigten keine eindeutigen Gruppenunterschiede, während in natürlichen Alltagsaufgaben deutliche Schwierigkeiten mit zukünftigen Absichten sichtbar wurden. Der Befund unterstreicht die Bedeutung des Untersuchungskontexts.

The impact of process- versus outcome-focused episodic future thinking on everyday prospective memory in individuals with and without ADHD (2026): In einer Stichprobe von 196 Erwachsenen zeigten Teilnehmende mit ADHS schwächere alltägliche prospektive Gedächtnisleistungen. Episodisches Zukunftsdenken verbesserte die Umsetzung zukünftiger Absichten gegenüber einer Standardbedingung.

Holmqvist, K. L. et al. (2026): Effectiveness of a group-based time-management intervention: a pragmatic randomised controlled trial. Bei Erwachsenen mit Zeitmanagementproblemen aufgrund verschiedener neuroentwicklungsbezogener oder psychischer Erkrankungen verbesserten sowohl ein strukturiertes Gruppenprogramm als auch individuelle Ergotherapie Zeitmanagement, Organisation und Planung. Wegen der gemischten Stichprobe sind ADHS-spezifische Aussagen begrenzt.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.

Teilen

Weitere Gedanken

Neues aus der AuDHS-Welt

Neue Inhalte, Wissen und Werkzeugkisten-Downloads direkt per Mail. Nicht ständig. Nur wenn es wirklich etwas Neues gibt.