Ich lese denselben Absatz zum dritten Mal. Meine Augen waren die ganze Zeit dabei. Mein Kopf offenbar nicht.
Ich sitze vor einem Text.
Ich lese.
Nach einigen Zeilen stelle ich fest, dass ich keine Ahnung habe, was dort gerade stand.
Also zurück.
Noch einmal.
Diesmal konzentriere ich mich wirklich.
Zwei Sätze später denke ich darüber nach, dass ich noch Waschmittel kaufen muss.
Was mich daran erinnert, dass ich morgen sowieso einkaufen wollte.
Morgen ist Mittwoch.
Mittwoch habe ich diesen Termin.
Moment.
Um wie viel Uhr war der eigentlich?
Und irgendwann tauche ich wieder auf.
Der Text ist noch da.
Meine Augen sind sogar weiter darübergewandert.
Nur meine Aufmerksamkeit hat zwischenzeitlich einen kleinen Ausflug unternommen.
Dieses Phänomen hat einen Namen: Mind-Wandering – auf Deutsch meist Gedankenwandern genannt.
Und es ist zunächst einmal vollkommen menschlich.
Gedanken wandern auch bei Menschen ohne ADHS. Wir erinnern uns, planen, fantasieren, lösen Probleme oder denken plötzlich über Dinge nach, die mit unserer aktuellen Tätigkeit nichts zu tun haben.
Bei ADHS gibt es jedoch Hinweise darauf, dass insbesondere spontanes, nicht beabsichtigtes Mind-Wandering häufiger auftreten kann und mit der Symptomatik sowie funktionellen Beeinträchtigungen zusammenhängt.
Die entscheidende Frage lautet also nicht:
„Warum denken Menschen mit ADHS so viel?“
Sondern eher:
„Was passiert, wenn Gedanken die Aufmerksamkeit übernehmen, obwohl sie eigentlich gerade woanders gebraucht wird?“
Was bedeutet Mind-Wandering eigentlich?
In der Forschung bezeichnet Mind-Wandering vereinfacht Situationen, in denen sich die Aufmerksamkeit von der aktuellen Aufgabe oder dem aktuellen Gedankengang löst und sich anderen, aufgabenunabhängigen Gedanken zuwendet.
Ich lese einen Artikel und denke plötzlich an das Abendessen.
Ich höre jemandem zu und plane gedanklich meinen nächsten Tag.
Ich fülle ein Formular aus und erinnere mich an ein Gespräch von letzter Woche.
Der äußere Reiz muss dabei überhaupt nicht wechseln.
Niemand hat mich angesprochen.
Das Handy hat nicht geklingelt.
Draußen ist nichts passiert.
Die Ablenkung entstand im eigenen Kopf.
Genau deshalb wird Mind-Wandering im Zusammenhang mit ADHS auch als eine Form innerer Ablenkbarkeit untersucht. Ein Literaturreview fand bei seiner systematischen Suche neun Studien, davon acht mit Erwachsenen. Insgesamt deuteten die damaligen Befunde darauf hin, dass insbesondere spontanes Mind-Wandering bei ADHS häufiger vorkommen und mit stärkeren funktionellen Beeinträchtigungen verbunden sein kann.
Die Forschungsbasis war allerdings noch überschaubar.
Und das ist wichtig.
Mind-Wandering ist ein interessantes Modell für bestimmte ADHS-Erfahrungen.
Es ist nicht die neue geheime Erklärung für alles.
Nicht jedes Abschweifen ist unerwünscht
Hier müssen wir eine wichtige Unterscheidung machen.
Gedanken können absichtlich wandern.
Ich sitze im Zug, schaue aus dem Fenster und denke bewusst über eine Idee nach.
Ich lasse ein Problem im Kopf herumwandern.
Ich stelle mir eine zukünftige Situation vor.
Ich fantasiere.
Das kann sogar ausgesprochen angenehm und produktiv sein.
Daneben gibt es spontanes Mind-Wandering.
Ich wollte eigentlich beim Text bleiben.
Der andere Gedanke kam einfach dazwischen.
Eine große Untersuchung mit zwei nichtklinischen Stichproben von insgesamt 1.354 Personen sowie einer klinischen ADHS-Stichprobe unterschied genau diese beiden Formen. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang der ADHS-Symptomatik vor allem mit spontanem, nicht aber mit bewusst herbeigeführtem Gedankenwandern.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Das Problem ist also nicht:
„Menschen mit ADHS haben zu viele Gedanken.“
Oder:
„Tagträumen ist ADHS.“
Entscheidend kann vielmehr sein, wie freiwillig sich Aufmerksamkeit vom aktuellen Ziel löst.
Der Gedanke selbst muss überhaupt nicht wichtig sein
Das Faszinierende daran ist, wie banal solche Gedanken sein können.
Ich muss nicht plötzlich über den Sinn des Lebens nachdenken.
Manchmal reicht:
Wo liegt eigentlich mein Ladekabel?
Ich müsste noch Brot kaufen.
Warum heißt dieses Ding eigentlich so?
Habe ich die Tür abgeschlossen?
Was hat sie gestern mit diesem Satz gemeint?
Das Interessante ist nicht unbedingt der Inhalt.
Interessant ist, dass der Gedanke plötzlich die aktuelle Aufgabe verdrängt.
Damit ähnelt Mind-Wandering der äußeren Ablenkung aus unserem vorherigen Artikel.
Nur dass diesmal kein Geräusch, keine Bewegung und keine Benachrichtigung um Aufmerksamkeit konkurriert.
Der Distraktor wird selbst produziert.
Eine Untersuchung mit einer klinisch evaluierten Stichprobe und zwei größeren nichtklinischen Stichproben verglich unterschiedliche Ablenkungsquellen. Dabei zeigte spontanes Mind-Wandering besonders starke statistische Zusammenhänge mit ADHS-Symptomen; äußere Ablenkbarkeit und intrusive Gedanken waren ebenfalls mit einzelnen Symptomen verbunden, erklärten das Muster aber weniger stark.
Auch daraus folgt nicht, dass Mind-Wandering ADHS verursacht.
Aber es zeigt, warum innere Ablenkbarkeit wissenschaftlich zunehmend interessant geworden ist.
Manchmal bemerkt man das Abschweifen erst hinterher
Das ist vielleicht die seltsamste Erfahrung dabei.
Ich lese weiter.
Meine Augen bewegen sich.
Ich erkenne die Wörter.
Und trotzdem habe ich den Inhalt nicht aufgenommen.
Erst irgendwann merke ich:
Ich bin gar nicht mehr bei der Sache.
Damit kommt ein weiterer Begriff ins Spiel: Meta-Awareness – vereinfacht gesagt das Bewusstsein darüber, worauf die eigene Aufmerksamkeit gerade gerichtet ist.
Man kann abschweifen und es sofort bemerken.
Oder man kann mehrere Minuten abschweifen und erst danach feststellen, dass man überhaupt abgeschweift ist.
Genau deshalb ist Mind-Wandering methodisch schwer zu untersuchen. Forschende können schließlich nicht von außen sehen, ob jemand gerade gedanklich beim Versuchsaufbau oder beim Abendessen ist.
Häufig werden deshalb sogenannte Thought Probes oder Experience-Sampling-Verfahren eingesetzt. Während einer Aufgabe werden Personen wiederholt gefragt, woran sie unmittelbar zuvor gedacht haben beziehungsweise ob ihre Aufmerksamkeit bei der Aufgabe war. Andere Verfahren lassen die Teilnehmenden selbst melden, wenn sie das Abschweifen bemerken. Ein systematischer Review zeigt, dass gerade diese Messmethoden für die Erforschung von Mind-Wandering und Meta-Awareness eine wichtige Rolle spielen.
Das klingt etwas umständlich.
Aber Gedanken besitzen bislang leider keine Statusanzeige über dem Kopf.
Spontanes Mind-Wandering bei ADHS scheint besonders relevant zu sein
Neuere Forschung stützt die Unterscheidung zwischen absichtlichem und spontanem Abschweifen weiter.
Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte sowohl Selbstberichte als auch das tatsächliche Auftreten von Mind-Wandering während einer langen Stroop-Aufgabe. Die Teilnehmenden wurden während insgesamt 1.152 Durchgängen wiederholt nach ihrem aktuellen Aufmerksamkeitszustand gefragt.
Dabei zeigte sich: Die Leistung war während spontanem Mind-Wandering schlechter als während absichtlichem Gedankenwandern. Außerdem sagten sowohl die selbstberichtete Neigung zu spontanem Mind-Wandering als auch bestimmte Leistungsmaße während solcher Episoden unabhängig voneinander stärkere ADHS-Symptome voraus.
Das ist ein spannender Befund.
Er zeigt nämlich, dass ein Fragebogen und das Verhalten während einer Aufgabe möglicherweise unterschiedliche Aspekte desselben Phänomens erfassen.
Auch hier gilt allerdings:
Die Studie untersuchte Zusammenhänge mit ADHS-Symptomen.
Sie liefert keinen Mind-Wandering-Test, mit dem sich ADHS diagnostizieren ließe.
Was passiert während des Abschweifens mit der Leistung?
Auch dazu gibt es inzwischen aktuelle Daten.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte 28 medikationsnaive Erwachsene mit ADHS und 28 passende Kontrollpersonen während einer länger dauernden Go/No-Go-Aufgabe.
Währenddessen wurden die Teilnehmenden regelmäßig nach ihrem aktuellen Gedankenstatus gefragt und gleichzeitig EEG-Daten aufgezeichnet.
Menschen mit ADHS berichteten häufiger Mind-Wandering, insbesondere spontanes Mind-Wandering. Häufigeres spontanes Abschweifen hing außerdem mit stärker ausgeprägter ADHS-Symptomatik zusammen.
Interessant war aber noch etwas anderes.
Mind-Wandering beeinträchtigte die Leistung in beiden Gruppen.
Bei der ADHS-Gruppe zeigte es sich unter anderem in stärker schwankenden Reaktionszeiten, während bei der Kontrollgruppe eher die Genauigkeit betroffen war.
Bei bestimmten frühen Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsprozessen zeigten beide Gruppen während des Abschweifens ähnliche Veränderungen. Ein Unterschied zeigte sich dagegen bei einem EEG-Maß, das mit der Überwachung der eigenen Leistung zusammenhängt: Dort fand sich eine spezifische Beeinträchtigung in der ADHS-Gruppe.
Das ist wichtig, weil es wieder gegen eine zu einfache Geschichte spricht.
Mind-Wandering ist kein exklusives ADHS-Phänomen.
Aber seine Häufigkeit, Regulation und Auswirkungen können sich unterscheiden.
Der Kopf muss nicht leer sein, damit Aufmerksamkeit funktioniert
Manchmal entsteht bei Konzentrationsproblemen eine unrealistische Vorstellung:
Ich müsste einfach lernen, an nichts anderes zu denken.
Das dürfte schwierig werden.
Spontane Gedanken gehören zum normalen menschlichen Denken.
Unser Gehirn erinnert sich, simuliert Zukunft, verarbeitet Erlebnisse und produziert Assoziationen.
Eine Meta-Analyse von Neuroimaging-Studien zeigt außerdem, dass spontanes Denken und Mind-Wandering nicht einfach auf einen einzelnen „Tagträum-Bereich“ des Gehirns reduziert werden können. Zwar spielt das sogenannte Default Mode Network eine Rolle, aber auch weitere Hirnregionen werden regelmäßig beteiligt.
Auch hier sollten wir deshalb mit einem beliebten Internetmodell vorsichtig sein:
„Bei ADHS lässt sich das Default Mode Network nicht abschalten.“
Das ist als Erklärung viel zu grob.
Netzwerke im Gehirn besitzen keinen Lichtschalter.
Und aus Gruppenunterschieden in funktioneller Bildgebung lässt sich nicht unmittelbar ableiten, was bei einer einzelnen Person passiert, wenn sie beim Lesen plötzlich ans Abendessen denkt.
Gedankenwandern ist nicht dasselbe wie Gedankenrasen
Auch diese Begriffe werden schnell vermischt.
Mind-Wandering bedeutet, dass Aufmerksamkeit von der aktuellen Aufgabe zu anderen Gedanken wandert.
Racing Thoughts, also rasende oder sich überschlagende Gedanken, beschreiben dagegen stärker das subjektive Erleben eines schnellen, gedrängten oder schwer kontrollierbaren Gedankenflusses.
Eine Studie mit 84 Erwachsenen mit ADHS untersuchte beide Phänomene gemeinsam. In der Faktorenanalyse bildeten verschiedene Formen des Gedankenrasens einen anderen Faktor als spontanes und absichtliches Mind-Wandering sowie Tagträumen. Die Ergebnisse sprechen deshalb dafür, diese Erfahrungen nicht einfach gleichzusetzen.
Das ist für den Alltag ziemlich wichtig.
„Mein Kopf ist ständig woanders.“
und
„In meinem Kopf laufen gleichzeitig zwanzig Gedanken.“
können sich ähnlich anhören.
Sie müssen aber nicht dasselbe beschreiben.
Mind-Wandering ist auch nicht automatisch Grübeln
Noch eine wichtige Abgrenzung.
Beim Grübeln kreisen Gedanken häufig wiederholt um belastende Themen.
Mind-Wandering kann dagegen völlig neutral sein.
Ich kann an einen Urlaub denken.
An ein Fahrrad.
An eine Idee.
An einen Film.
Oder daran, warum ich eigentlich seit fünf Minuten in der Küche stehe.
Auch intrusive Gedanken sind wiederum etwas anderes: Sie werden typischerweise als ungewollte, sich aufdrängende Gedanken oder Vorstellungen beschrieben und können bei verschiedenen psychischen Erkrankungen auftreten.
Die Untersuchung verschiedener Ablenkungsquellen von Osborne und Kollegen fand tatsächlich unterschiedliche Muster zwischen spontanem Mind-Wandering, äußeren Ablenkungen und ungewollten intrusiven Gedanken.
Deshalb sollten wir nicht jedes unerwünschte Denken in denselben Topf werfen.
Der Topf wäre ohnehin sofort ablenkend.
Wenn der ursprüngliche Gedanke verloren geht
Mind-Wandering wird im Alltag besonders störend, wenn der Rückweg fehlt.
Ich arbeite an etwas.
Ein Gedanke taucht auf.
Ich folge ihm.
Dann folgt der nächste.
Irgendwann bemerke ich das.
Und jetzt kommt die entscheidende Frage:
Wo war ich eigentlich?
Damit sind wir wieder bei unseren exekutiven Funktionen.
Das ursprüngliche Ziel muss noch verfügbar sein.
Ich muss erkennen, dass meine Aufmerksamkeit abgewichen ist.
Ich muss den neuen Gedankengang verlassen.
Und ich muss die vorherige Tätigkeit wieder aufnehmen.
Das kann besonders schwierig werden, wenn gleichzeitig Informationen im Arbeitsgedächtnis verloren gegangen sind.
Dann kehre ich zwar zur Aufgabe zurück – aber nicht unbedingt zu meinem vorherigen Gedanken.
Das erklärt nicht jedes vergessene Vorhaben.
Aber es zeigt, warum Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Zielsteuerung im Alltag so schwer sauber voneinander zu trennen sind.
Wenn innere Ablenkung den Alltag tatsächlich beeinträchtigt
Mind-Wandering kann harmlos sein.
Es kann kreativ sein.
Es kann angenehm sein.
Aber bei hoher Ausprägung kann es auch mit relevanten Schwierigkeiten verbunden sein.
Eine klinische Studie mit 255 Erwachsenen mit ADHS teilte die Teilnehmenden anhand eines Mind-Wandering-Fragebogens in Gruppen mit höherem und niedrigerem Gedankenwandern ein. Die Gruppe mit hohen Werten zeigte unter anderem stärkere ADHS-Symptome, mehr selbstberichtete Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen, mehr emotionale Dysregulation und eine geringere Lebensqualität.
Wichtig:
Das war keine Untersuchung, die beweist, dass Mind-Wandering diese Probleme verursacht.
Menschen mit stärker ausgeprägter ADHS-Symptomatik könnten schlicht gleichzeitig mehr Mind-Wandering und mehr Alltagsbeeinträchtigungen erleben.
Genau diese Grenze zwischen Zusammenhang und Ursache müssen wir beibehalten.
Der Kontext scheint eine Rolle zu spielen
Eine interessante Frage lautet deshalb:
Passiert Mind-Wandering bei ADHS immer häufiger – egal, was gerade gemacht wird?
Auch dafür gibt es keine so einfache Antwort.
Bozhilova und Kollegen untersuchten 27 Erwachsene mit ADHS und 29 Kontrollpersonen bei Aufgaben mit unterschiedlichen Anforderungen an Arbeitsgedächtnis und anhaltende Aufmerksamkeit.
Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Erwachsene mit ADHS ihre Gedankenwanderung weniger stark an den jeweiligen Aufgabenkontext anpassten.
Das passt zu unserer Grundidee dieser gesamten Kategorie:
Vielleicht besteht ein Teil der Schwierigkeit nicht darin, dass Aufmerksamkeit grundsätzlich fehlt.
Sondern darin, sie passend zur Situation zu regulieren.
Ein Gedanke an den Urlaub beim Spaziergang?
Kein Problem.
Derselbe Gedanke in dem Moment, in dem ich eine komplizierte Zahlungsinformation eingeben muss?
Etwas ungünstiger.
Der Inhalt ist identisch.
Der Kontext macht den Unterschied.
Muss man Gedanken dann ständig wegdrücken?
Wahrscheinlich wäre das keine besonders entspannte Lösung.
Außerdem kann schon der Versuch, ständig zu kontrollieren, ob man gerade abschweift, selbst Aufmerksamkeit beanspruchen.
Sinnvoller kann es sein, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Rückweg leichter wird.
Eine sichtbare Notiz kann zeigen, wo ich war.
Ein klarer Zwischenschritt kann verhindern, dass eine Unterbrechung mitten in einem undefinierten Arbeitsprozess passiert.
Ein kurzer Vermerk kann einen interessanten Gedanken „parken“, ohne dass ich ihm sofort folgen muss.
Und manchmal hilft schlicht:
„Das schaue ich später nach.“
Natürlich funktioniert „später“ bei ADHS gelegentlich wie ein besonders gut gesichertes Archiv.
Man findet Dinge dort nie wieder.
Dann kann es durchaus sinnvoll sein, dieses „später“ kurz aufzuschreiben.
Das ist keine spezifische Therapie gegen Mind-Wandering. Es ist eine Möglichkeit, die ursprüngliche Aufgabe extern sichtbar zu halten.
Und was ist mit Achtsamkeit?
Mind-Wandering und Achtsamkeit werden häufig zusammengebracht.
Das ist nachvollziehbar: Ein Teil achtsamkeitsbasierter Übungen besteht darin, wahrzunehmen, dass Aufmerksamkeit abgeschweift ist, und sie ohne große Bewertung wieder zurückzuführen.
Für Erwachsene mit ADHS gibt es inzwischen auch systematische Forschung zu achtsamkeitsbasierten Interventionen.
Eine 2025 veröffentlichte Meta-Analyse von zehn kontrollierten Studien fand Verbesserungen bei selbst- und fremdbeurteilten ADHS-Symptomen sowie bei funktionellen Ergebnissen. Für andere Bereiche waren die Ergebnisse uneindeutiger, und die Autoren betonen die Notwendigkeit weiterer qualitativ hochwertiger Studien.
Daraus folgt nicht:
„Meditieren behebt Mind-Wandering bei ADHS.“
So weit reicht die Evidenz nicht.
Achtsamkeitsbasierte Ansätze können eine ergänzende nichtmedikamentöse Möglichkeit sein. Ob und für wen sie sinnvoll sind, ist eine individuelle Frage.
Gedankenwandern ist kein Beweis für ADHS
Das muss am Ende ebenfalls deutlich sein.
Jeder Mensch kennt Gedankenwandern.
Menschen sind keine Maschinen, die ihre Aufmerksamkeit acht Stunden exakt auf das jeweils gewünschte Objekt richten.
Auch häufiges Abschweifen allein diagnostiziert kein ADHS.
Die bisherige Forschung zeigt jedoch ziemlich konsistent, dass insbesondere spontanes Mind-Wandering mit ADHS-Symptomen zusammenhängt und bei Erwachsenen mit ADHS häufiger beziehungsweise ausgeprägter auftreten kann. Reviews und neuere experimentelle Studien stützen diesen Zusammenhang, gleichzeitig bleiben Fragen zu Ursache, Mechanismen und individueller Bedeutung offen.
Und damit schließt sich der Kreis unserer fünf Artikel über Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit bei ADHS ist nicht einfach zu wenig vorhanden.
Sie kann schwanken.
Langeweile kann sie beeinflussen.
Sie kann sich außergewöhnlich intensiv auf etwas richten.
Äußere Reize können sie abziehen.
Und manchmal braucht es dafür nicht einmal einen äußeren Reiz.
Der Kopf bringt seine Ablenkung einfach selber mit.
Quellen & weiterführende Literatur
Seli, P. et al. (2015): On the relation of mind wandering and ADHD symptomatology. Psychonomic Bulletin & Review. In zwei großen nichtklinischen Stichproben mit insgesamt 1.354 Personen sowie einer klinischen ADHS-Stichprobe zeigte sich insbesondere spontanes, nicht absichtliches Mind-Wandering mit ADHS-Symptomatik verbunden.
Lanier, J. et al. (2019): Mind Wandering (Internal Distractibility) in ADHD: A Literature Review. Journal of Attention Disorders. Der systematische Review fand neun geeignete Studien, davon acht mit Erwachsenen, und beschreibt spontanes Mind-Wandering als häufig mit ADHS und stärkeren funktionellen Beeinträchtigungen verbunden.
Bozhilova, N. S. et al. (2018): Mind wandering perspective on attention-deficit/hyperactivity disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 92, 464–476. Der Review ordnet Mind-Wandering als möglichen Mechanismus innerhalb der ADHS-Aufmerksamkeitsproblematik ein und diskutiert neurokognitive Modelle sowie offene Forschungsfragen.
Minamoto, T. et al. (2026): Behavioral and Self-Report Measures of Spontaneous Mind Wandering Predict Different Aspects of ADHD in Adults. Journal of Attention Disorders, 30(9), 1189–1204. Selbstberichtetes spontanes Mind-Wandering und Leistungsmaße während spontaner Mind-Wandering-Episoden sagten unabhängig voneinander ADHS-Symptomwerte voraus.
Effects of mind-wandering on cognitive and neural processes: Identifying specific impairments in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder (2026). Bei 28 medikationsnaiven Erwachsenen mit ADHS und 28 Kontrollen trat insbesondere spontanes Mind-Wandering in der ADHS-Gruppe häufiger auf und hing mit stärkerer Symptomatik zusammen. Die EEG-Ergebnisse liefern zudem Hinweise auf Unterschiede bei der Leistungsüberwachung während des Abschweifens.
Osborne, K. J. et al. (2023): The association between different sources of distraction and symptoms of attention deficit hyperactivity disorder. Frontiers in Psychiatry. Die Untersuchung verglich äußere Ablenkung, intrusive Gedanken und spontanes Mind-Wandering und fand besonders starke Zusammenhänge zwischen spontanem Mind-Wandering und ADHS-Symptomen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.










