Eine Aufgabe kann objektiv leicht sein und trotzdem kaum in Gang kommen. Eine andere ist kompliziert, frisst Stunden – und fühlt sich merkwürdigerweise viel leichter an, nur weil sie interessant ist.
Es gibt Tätigkeiten, bei denen niemand von außen verstehen würde, warum sie schwierig sein sollten. Sie dauern nicht lange, verlangen keine besondere Fähigkeit und sind vielleicht sogar schon hundertmal erledigt worden. Trotzdem kostet allein der Gedanke daran erstaunlich viel Überwindung. Dann taucht ein anderes Thema auf. Es ist komplex, möglicherweise vollkommen unwichtig und objektiv deutlich anstrengender. Aber es interessiert mich. Plötzlich ist die Frage nicht mehr, wie ich anfangen soll. Die größere Schwierigkeit besteht eher darin, irgendwann wieder aufzuhören.
Genau solche Erfahrungen führen häufig zu der Vorstellung, ADHS sei ein „interessenbasiertes Nervensystem“. Der Begriff beschreibt etwas, das viele Betroffene wiedererkennen: Interesse, Neuheit, Herausforderung oder Dringlichkeit können Verhalten stark verändern, während reine Wichtigkeit manchmal erstaunlich wenig bewirkt. Als persönliche Beschreibung kann das sehr treffend sein. Als wissenschaftlich etablierte neurobiologische Theorie ist es allerdings zu weitgehend.
Die Forschung sagt nicht, dass Menschen mit ADHS ausschließlich dann funktionieren, wenn etwas interessant ist. Sie zeigt aber ziemlich überzeugend, dass Motivation, Belohnungsverarbeitung, Aufmerksamkeit und Langeweile bei ADHS eng miteinander verbunden sein können. Eine aktuelle Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 fasste 18 überwiegend korrelative Studien mit insgesamt 22.365 Teilnehmenden zusammen und fand einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen ADHS und Langeweileneigung von r = 0,40. Die Autoren argumentieren deshalb, dass Langeweile bei ADHS möglicherweise keine nebensächliche Begleiterscheinung ist, sondern für Motivation, Emotionsregulation und zielgerichtetes Verhalten eine relevante Rolle spielen kann.
Das ist etwas anderes als „Ich kann nur Dinge machen, die mir Spaß machen“.
Interesse verändert nicht nur das Gefühl einer Aufgabe
Wenn uns etwas interessiert, verändert sich mehr als unsere Meinung darüber. Aufmerksamkeit bleibt häufig leichter bei der Sache, relevante Informationen fallen stärker auf und Fortschritt kann unmittelbar befriedigender wirken. Eine interessante Aufgabe liefert oft schon während ihrer Bearbeitung Rückmeldung. Man entdeckt etwas, löst ein Problem, versteht einen Zusammenhang oder bekommt die Antwort auf eine Frage, die man wirklich wissen möchte.
Damit unterscheidet sie sich grundlegend von einer Tätigkeit, deren Belohnung erst am Ende wartet.
Eine Steuererklärung beispielsweise besitzt möglicherweise einen klaren Nutzen. Während der Bearbeitung liefert sie aber vergleichsweise wenig intrinsische Rückmeldung. Ich weiß nach zehn Minuten nicht unbedingt etwas Spannendes, habe kein interessantes Problem gelöst und empfinde das Sortieren von Belegen möglicherweise auch nicht als besonders befriedigend.
Ein Thema, das mich wirklich interessiert, kann dagegen nach wenigen Minuten bereits mehrere kleine Ergebnisse liefern. Ich finde etwas heraus, sehe einen Zusammenhang und bekomme unmittelbar neue Fragen.
Der Unterschied liegt also nicht nur darin, dass die eine Tätigkeit „mehr Spaß“ macht.
Ihre gesamte motivationale Struktur kann anders aussehen.
Langeweile ist mehr als einfach nichts zu tun haben
Langeweile wird oft als Zustand verstanden, der entsteht, wenn schlicht nichts passiert. Psychologisch ist das zu einfach. Menschen können sich auch während einer Tätigkeit langweilen. Man kann beschäftigt sein und trotzdem das starke Gefühl haben, dass die aktuelle Situation keine ausreichende Bindung erzeugt.
In der Forschung wird Langeweile unter anderem als unangenehmer Zustand beschrieben, bei dem es schwierig ist, Aufmerksamkeit zufriedenstellend auf eine gegenwärtige Tätigkeit zu richten. Dabei spielt sowohl die Situation als auch die individuelle Langeweileneigung eine Rolle.
Der aktuelle Meta-Review von Muris und Kollegen fand über die 18 untersuchten Studien hinweg einen Zusammenhang mittlerer Größe zwischen ADHS und Langeweile. Wichtig ist allerdings, dass die meisten dieser Studien korrelativ waren. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ADHS direkt Langeweile verursacht oder dass Langeweile wiederum ADHS-Symptome verursacht. Die Autoren schlagen mehrere mögliche Verbindungen vor, darunter Schwierigkeiten der Aufmerksamkeitssteuerung, Bedürfnis nach Stimulation, motivationale Prozesse und Emotionsregulation.
Das passt gut zu einem Grundprinzip, das sich durch unsere bisherigen Artikel zieht: Es gibt selten einen Mechanismus.
Warum eine langweilige Aufgabe so anstrengend werden kann
Eine aktuelle Untersuchung versuchte genauer zu verstehen, wodurch die stärkere Langeweileneigung bei Menschen mit ausgeprägteren ADHS-Merkmalen zustande kommen könnte. Orban und Kollegen verglichen junge Erwachsene mit höheren und niedrigeren ADHS-Merkmalen und untersuchten unter anderem Aufmerksamkeitsteuerung und Arbeitsgedächtnis.
Die Gruppe mit stärkeren ADHS-Merkmalen berichtete eine deutlich höhere Langeweileneigung. Unterschiede in Aufmerksamkeitskontrolle und Arbeitsgedächtnis erklärten einen Teil des Zusammenhangs, allerdings nicht vollständig.
Das ist ein interessanter Befund, weil er gegen eine rein motivationale Erklärung spricht. Vielleicht ist eine langweilige Tätigkeit nicht nur schwer, weil ihre Belohnung gering ist. Sie kann zusätzlich mehr aktive Aufmerksamkeitssteuerung verlangen.
Wenn eine Aufgabe von sich aus wenig interessante oder auffällige Reize liefert, muss Aufmerksamkeit stärker absichtlich dort gehalten werden. Gleichzeitig müssen konkurrierende Gedanken, äußere Reize oder attraktivere Alternativen immer wieder zurückgestellt werden.
Eine Tätigkeit kann dadurch objektiv simpel und subjektiv trotzdem ausgesprochen arbeitsintensiv sein.
Ein Formular besteht vielleicht nur aus Kästchen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass das Gehirn beim Ausfüllen Urlaub hat.
Interesse kann einen Teil dieser Steuerung übernehmen
Bei einer interessanten Aufgabe ist vieles anders. Aufmerksamkeit wird häufiger von der Tätigkeit selbst angezogen. Neue Informationen besitzen Bedeutung, offene Fragen erzeugen Neugier und das nächste Ergebnis ist unmittelbar relevant.
Dadurch kann weniger bewusste Steuerung nötig sein, um immer wieder zur Aufgabe zurückzukehren.
Das bedeutet nicht, dass exekutive Funktionen plötzlich verschwinden. Auch ein faszinierendes Projekt kann chaotisch werden, völlig ausufern oder am Ende unvollständig bleiben. Aber die Hürde des Dranbleibens kann sich verändern.
Genau deshalb kann jemand mit ADHS stundenlang an einer komplizierten technischen Frage arbeiten und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, eine viel einfachere administrative Aufgabe zu erledigen.
Wer nur auf die objektive Schwierigkeit schaut, sieht darin einen Widerspruch.
Wer die motivationale Struktur betrachtet, sieht zwei sehr unterschiedliche Aufgaben.
Ist das der berühmte Hyperfokus?
Nicht automatisch.
Wir haben Hyperfokus bei ADHS bereits als eigenes Thema behandelt. Der Begriff wird häufig für Phasen sehr intensiver und schwer unterbrechbarer Konzentration verwendet. Interesse kann eine solche Phase begünstigen, aber nicht jede interessante Tätigkeit wird zu Hyperfokus und nicht jede gute Konzentration ist Hyperfokus.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Wenn ich mich zwei Stunden konzentriert mit etwas beschäftige, das mich interessiert, ist das zunächst einmal konzentrierte Arbeit. Man muss nicht jede funktionierende Aufmerksamkeit bei ADHS sofort als besonderes neurologisches Ereignis bezeichnen.
Interessanter ist die Frage, warum dieselbe Person ihre Aufmerksamkeit unter anderen Bedingungen so viel schwerer regulieren kann.
ADHS bedeutet eben nicht zwingend zu wenig Aufmerksamkeit.
Es geht wesentlich stärker um ihre Regulation.
Neuheit und Interesse sind ebenfalls nicht dasselbe
Ein neues Thema kann interessant sein, weil ich noch nicht weiß, was mich erwartet. Neuheit erzeugt zusätzliche Informationen und oft auch eine gewisse Unsicherheit. Das kann Aufmerksamkeit stark anziehen.
Aber nicht alles Neue ist interessant und nicht alles Interessante ist neu.
Ich kann mich seit Jahren mit demselben Gebiet beschäftigen und trotzdem immer wieder neue Fragen darin finden. Umgekehrt kann eine vollkommen neue Verwaltungssoftware bereits nach drei Minuten erstaunlich langweilig sein.
Auch deshalb sollte man Begriffe wie Interesse, Neuheit, Herausforderung und Belohnung nicht einfach synonym verwenden. Sie können miteinander interagieren, sind aber unterschiedliche Eigenschaften einer Situation.
Das sogenannte „interessenbasierte Nervensystem“ bündelt solche Faktoren häufig zu einer eingängigen Alltagserklärung. Wissenschaftlich macht uns diese Bündelung jedoch blind dafür, welcher Teil tatsächlich gerade hilft.
Vielleicht ist es Interesse.
Vielleicht unmittelbares Feedback.
Vielleicht die Schwierigkeit.
Vielleicht Neuheit.
Vielleicht eine klare Konsequenz.
Und vielleicht einfach die Tatsache, dass die Aufgabe persönlich Bedeutung besitzt.
Langeweile kann Verhalten in Bewegung bringen
Langeweile ist nicht nur ein passiver Zustand. Sie kann einen starken Wunsch erzeugen, die gegenwärtige Tätigkeit oder Situation zu verändern.
Wenn eine Aufgabe kaum Aufmerksamkeit bindet, wird eine Alternative plötzlich attraktiver. Ich greife zum Smartphone, öffne eine andere Seite, stehe auf, beginne etwas anderes oder verliere mich in einem Gedanken, der gerade wesentlich interessanter wirkt.
Das kann von außen wie einfache Ablenkbarkeit aussehen.
Tatsächlich können Langeweile und Ablenkung miteinander verflochten sein.
Die Meta-Analyse von 2026 diskutiert Langeweile ausdrücklich als möglichen Faktor für motivationale Schwierigkeiten und zielgerichtetes Verhalten bei ADHS. Die Autoren betonen allerdings, dass die bisherige Forschung überwiegend Zusammenhänge zeigt und noch deutlich mehr experimentelle und längsschnittliche Studien notwendig sind.
Wir wissen also zunehmend, dass Langeweile relevant ist.
Wir wissen noch nicht vollständig, warum sie bei ADHS so relevant ist.
Das ist wissenschaftlich weniger befriedigend als eine einfache Erklärung.
Aber immerhin ehrlicher.
Deshalb kann „Mach es interessanter“ manchmal funktionieren
Wenn Interesse Verhalten beeinflusst, liegt eine praktische Idee nahe: Dann macht man langweilige Aufgaben eben interessanter.
Manchmal klappt das tatsächlich.
Eine Tätigkeit kann mit Musik kombiniert werden. Man kann daraus eine kleine Herausforderung machen, Zeit messen, sichtbaren Fortschritt erzeugen oder gemeinsam mit jemand anderem arbeiten. Manche Menschen verändern bewusst die Umgebung oder verbinden eine monotone Tätigkeit mit etwas, das zusätzliche Stimulation liefert.
Das sollte allerdings nicht mit einer medizinischen Empfehlung verwechselt werden. Es gibt keine universelle Regel, dass Menschen mit ADHS eine langweilige Aufgabe nur „gamifizieren“ müssten und anschließend funktioniere sie zuverlässig.
Das Grundprinzip ist sinnvoller als der einzelne Trick: Wenn eine Aufgabe selbst kaum Bindung erzeugt, kann zusätzliche Struktur oder Rückmeldung verändern, wie viel aktive Selbststeuerung sie verlangt.
Manchmal wird sie dadurch tatsächlich leichter.
Manchmal bekommt man nur eine bunte To-do-Liste, die man anschließend ebenfalls ignoriert.
Auch das gehört zur Realität.
Intrinsische Motivation ist trotzdem kein Zaubermittel
Interesse wird oft mit intrinsischer Motivation gleichgesetzt. Gemeint ist damit grob, dass eine Tätigkeit um ihrer selbst willen ausgeführt wird und nicht hauptsächlich wegen einer äußeren Belohnung.
Auch das ist kein Entweder-oder.
Ich kann eine Aufgabe interessant finden und gleichzeitig Geld dafür bekommen. Ich kann ein langfristiges Ziel wichtig finden, obwohl die einzelnen Schritte langweilig sind. Und ich kann etwas anfangen, weil ich dafür bezahlt werde, und währenddessen echtes Interesse entwickeln.
Motivation entsteht häufig aus mehreren Quellen gleichzeitig.
Bei ADHS ist deshalb die Aussage „intrinsische Motivation funktioniert, extrinsische nicht“ genauso wenig haltbar wie die umgekehrte Behauptung. Experimentelle Forschung zeigt, dass äußere Belohnungen die Aufgabenbearbeitung bei Erwachsenen mit ADHS durchaus verändern können. Eine Studie mit 38 Erwachsenen mit ADHS und 40 Kontrollpersonen fand beispielsweise, dass finanzielle Belohnungsbedingungen verschiedene kognitive Leistungen und Bearbeitungsstrategien beeinflussten.
Interesse ist also wichtig.
Aber es ist nicht die einzige Eintrittskarte ins Handeln.
Was passiert, wenn ein interessantes Thema plötzlich nicht mehr interessant ist?
Das ist die unangenehme Rückseite.
Ein Projekt kann am Anfang faszinierend sein. Es gibt viel zu entdecken, Entscheidungen müssen getroffen werden und Fortschritt ist sichtbar. Irgendwann ist das Grundproblem jedoch gelöst. Übrig bleiben Routine, Nacharbeit, Dokumentation oder die letzten zehn Prozent.
Objektiv ist das Projekt jetzt näher am Ziel.
Motivational kann es sich aber plötzlich weiter entfernt anfühlen.
Dann entsteht eine Situation, die viele Menschen kennen: Der schwierigste Teil wurde erledigt, aber das Projekt bleibt kurz vor dem Ende liegen.
Wir haben dieses Phänomen bereits bei den exekutiven Funktionen behandelt. Dort ging es unter anderem um Aufgabenabschluss und Wechsel. Hier kommt ein weiterer möglicher Faktor hinzu: Der Reiz, der die Tätigkeit anfangs getragen hat, kann verschwinden, bevor die Aufgabe fertig ist.
Das erklärt nicht jeden unvollendeten Vorgang. Aber es zeigt erneut, warum „Wenn du es angefangen hast, kannst du es doch einfach fertig machen“ häufig weniger logisch ist, als es klingt.
Die Bedingungen am Ende sind nicht mehr dieselben wie am Anfang.
Interessen können enorme Leistungen ermöglichen
Bei all den Schwierigkeiten sollte man die andere Seite nicht übersehen.
Starkes Interesse kann eine außergewöhnlich hohe Ausdauer ermöglichen. Menschen können sich tief in ein Thema einarbeiten, komplexe Zusammenhänge erfassen und über lange Zeit sehr viel Energie investieren. Für Lernen, kreative Arbeit, technische Probleme oder spezialisierte berufliche Tätigkeiten kann das ein erheblicher Vorteil sein.
Das sollten wir allerdings genauso wenig romantisieren wie die Schwierigkeiten.
Eine hohe Ausdauer bei interessanten Dingen bedeutet nicht automatisch, dass die Tätigkeit gesund dosiert wird. Essen, Pausen, Schlaf oder andere Verpflichtungen können trotzdem in den Hintergrund geraten. Und nicht jedes intensive Interesse lässt sich in einen Beruf oder ein produktives Projekt verwandeln.
Es ist weder ausschließlich Stärke noch ausschließlich Problem.
Es ist zunächst eine Eigenschaft der motivationalen Situation.
Was daraus entsteht, hängt stark vom Kontext ab.
„Du kannst dich doch konzentrieren“ trifft deshalb den falschen Punkt
Wenn jemand beobachtet, dass ein Mensch mit ADHS stundenlang konzentriert an einem Lieblingsthema arbeitet, scheint das ein Gegenbeweis zur Diagnose zu sein.
Dabei ist genau diese Schwankung für ADHS relevant.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Konzentration möglich ist. Sie lautet, wie zuverlässig Aufmerksamkeit und Handlung entsprechend der aktuellen Ziele gesteuert werden können.
Interesse kann diese Steuerung erheblich erleichtern.
Eine langweilige, wenig strukturierte Aufgabe kann sie stärker verlangen.
Deshalb ist die Fähigkeit, acht Stunden konzentriert an einem interessanten Thema zu arbeiten, kein Beweis dafür, dass zwanzig Minuten Verwaltungsarbeit genauso verfügbar sein müssten.
Die beiden Tätigkeiten nutzen dieselbe Person.
Aber sie stellen nicht dieselben Anforderungen.
Trotzdem ist nicht alles ADHS
Man kann an dieser Stelle leicht anfangen, jede Form von Langeweile oder Begeisterung neurodivergent zu erklären.
Menschen ohne ADHS bevorzugen ebenfalls interessante Aufgaben. Sie langweilen sich. Sie verschieben Dinge, die wenig Rückmeldung liefern. Sie verlieren sich in Hobbys und vermeiden Steuererklärungen.
Der Unterschied liegt nicht darin, dass solche Prozesse bei ADHS existieren und bei anderen Menschen nicht.
Relevant werden Stärke, Häufigkeit, Muster und funktionelle Konsequenzen.
Auch die Meta-Analyse zu Langeweile zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen ADHS und Langeweileneigung, aber natürlich keine perfekte Überlappung. Ein Korrelationswert von r = 0,40 ist deutlich – und gleichzeitig weit entfernt davon, dass die beiden Dinge identisch wären.
ADHS ist kein Synonym für Langeweile.
Und Langeweile ist kein diagnostischer Test.
Interesse kann helfen – aber es sollte nicht zur Bedingung werden müssen
Wenn eine Aufgabe interessanter gestaltet werden kann, spricht wenig dagegen, diese Möglichkeit zu nutzen. Wir müssen Arbeit nicht absichtlich langweiliger machen, nur damit sie als „diszipliniert“ gilt.
Gleichzeitig besteht das Erwachsenenleben leider aus Dingen, die auch nach großer kreativer Anstrengung nicht faszinierend werden.
Ein Versicherungsformular bleibt ein Versicherungsformular.
Dann wird interessant, welche anderen Faktoren Motivation unterstützen können: klare Struktur, unmittelbares Feedback, ein sichtbarer Endpunkt, eine externe Verpflichtung, ein gemeinsamer Arbeitsrahmen oder ein kleinerer erster Schritt.
Damit kehren wir zum zentralen Gedanken dieser ganzen Kategorie zurück. Motivation besteht nicht aus einem einzigen Motor.
Wenn Interesse fehlt, können andere Bedingungen einen Teil der Arbeit übernehmen.
Das „interessenbasierte Nervensystem“ beschreibt etwas – erklärt aber nicht alles
Der Begriff ist deshalb nicht nutzlos. Er gibt vielen Menschen eine Sprache für die Erfahrung, dass Interesse ihr Funktionieren ungewöhnlich stark verändern kann.
Problematisch wird er erst, wenn aus der Beschreibung eine biologische Gewissheit wird.
Die derzeitige Forschung stützt die Bedeutung motivationaler Prozesse, veränderter Belohnungsverarbeitung und einer erhöhten Langeweileneigung bei ADHS. Sie zeigt außerdem Verbindungen zu Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Die neue Meta-Analyse von Muris und Kollegen bezeichnet Langeweile sogar als potenziell zentralen Aspekt im Zusammenspiel von ADHS, Motivation und zielgerichtetem Verhalten.
Sie zeigt aber kein neurologisches System, das ausschließlich auf Interesse reagiert.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn wenn wir sagen: „Ich kann nur funktionieren, wenn mich etwas interessiert“, machen wir aus einer starken Tendenz schnell eine unveränderliche Grenze.
Vielleicht lautet die genauere Aussage:
„Interesse verändert bei mir erheblich, wie viel Selbststeuerung eine Aufgabe verlangt.“
Das ist weniger griffig.
Dafür eröffnet es deutlich mehr Möglichkeiten.
Vielleicht ist Interesse manchmal einfach ein Teil der Struktur
Wir behandeln Interesse oft wie Luxus. Erst kommt die Arbeit, dann darf es interessant werden.
Für Motivation kann Interesse allerdings selbst eine funktionale Eigenschaft einer Aufgabe sein. Es bindet Aufmerksamkeit, erzeugt Rückmeldung und macht den nächsten Schritt relevanter. Wenn diese Faktoren bei ADHS stärker ins Gewicht fallen, ist es sinnvoll, sie nicht einfach als mangelnde Disziplin abzutun.
Das heißt nicht, dass jede Aufgabe Spaß machen muss.
Es heißt auch nicht, dass Menschen mit ADHS keine langweiligen Dinge bewältigen können.
Es bedeutet lediglich, dass zwei äußerlich ähnlich schwierige Aufgaben motivational vollkommen unterschiedlich gebaut sein können.
Und manchmal erklärt genau das den seltsamen Moment, in dem man denkt:
Wie kann ich seit drei Stunden ein Problem lösen, das niemand von mir verlangt hat – und gleichzeitig liegt dort seit gestern ein Brief, den ich nur öffnen müsste?
Vielleicht ist die Antwort nicht:
„Weil mir der Brief egal ist.“
Vielleicht lautet sie schlicht:
Das eine zieht Aufmerksamkeit an. Das andere muss sie die ganze Zeit festhalten.
Quellen & weiterführende Literatur
Muris, P., Otgaar, H. & Donkers, F. (2026): The Boredom-ADHD Nexus: A Narrative and Meta-Analytic Review of the Evidence. Clinical Child and Family Psychology Review. Der Review fasste 18 überwiegend korrelative Studien mit insgesamt 22.365 Teilnehmenden zusammen. Es zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen ADHS und Langeweile von r = 0,40. Die Autoren diskutieren Langeweile als relevanten Faktor für Motivation, Emotionsregulation und zielgerichtetes Verhalten, betonen aber zugleich den Bedarf an stärker kausal ausgerichteter Forschung.
Orban, S. A. et al. (2026): Why Are Individuals With ADHD More Prone to Boredom? Examining Attention Control and Working Memory as Mediators of Boredom in Young Adults With ADHD Traits. Journal of Attention Disorders, 30(1), 8–22. Die Untersuchung fand bei jungen Erwachsenen mit stärkeren ADHS-Merkmalen eine erhöhte Langeweileneigung. Aufmerksamkeitsteuerung und Arbeitsgedächtnis erklärten einen Teil des Zusammenhangs. Die Studie untersuchte ADHS-Merkmale und erlaubt keine kausalen Aussagen.
Dekkers, T. J. et al. (2016): A meta-analysis of decision-making and attention in adults with ADHD. Die Meta-Analyse von 59 Studien fand bei Erwachsenen mit ADHS kleine bis mittlere Gruppenunterschiede bei verschiedenen belohnungsbezogenen Entscheidungsprozessen und unterstreicht damit die Bedeutung motivationaler Faktoren neben klassischen Aufmerksamkeitsmaßen.
Marx, I. et al. (2013): The impact of financial reward contingencies on cognitive function profiles in adult ADHD. PLOS ONE. Bei 38 Erwachsenen mit ADHS und 40 Kontrollpersonen veränderten finanzielle Belohnungsbedingungen verschiedene kognitive Leistungen und Bearbeitungsstrategien. Die Studie zeigt, dass Motivation und kognitive Leistung nicht unabhängig voneinander betrachtet werden sollten.
Faraone, S. V. (2018): The Pharmacology of Amphetamine and Methylphenidate: Relevance to the Neurobiology of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Other Psychiatric Comorbidities. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Der Review ordnet unter anderem Aufmerksamkeit, exekutive Kontrolle und Belohnungsverarbeitung als miteinander verbundene neurobiologische Bereiche bei ADHS ein und verdeutlicht die Beteiligung mehrerer neuronaler Systeme.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.










