Kommunikationsprobleme zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen entstehen nicht zwingend, weil eine Seite „keine Empathie“ besitzt. Forschung zeigt, dass Vertrautheit mit einer Kommunikationsweise und die Passung zwischen Gesprächspartnern eine erhebliche Rolle spielen.
Vom individuellen Defizit zur Beziehung zwischen zwei Menschen
Lange wurde soziale Kommunikation bei Autismus fast ausschließlich als Eigenschaft der autistischen Person untersucht. Wenn ein Gespräch misslang, galt ihr Verhalten als erklärungsbedürftig, während die Erwartungen der nichtautistischen Person als neutraler Maßstab erschienen. Das Konzept des doppelten Empathieproblems stellt diese Einbahnstraße infrage. Damian Milton schlug vor, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Kommunikationsstilen wechselseitig Mühe haben können, einander intuitiv zu verstehen.
Das Konzept behauptet nicht, alle autistischen Menschen verstünden einander automatisch oder Kommunikationsschwierigkeiten seien bedeutungslos. Es verschiebt vielmehr die Analyseeinheit: weg von einer isolierten Fähigkeit, hin zur Interaktion. Direkte Sprache kann für eine Person klar und respektvoll sein, während die andere sie als kühl deutet. Ein indirekter Hinweis kann für die eine höflich und für die andere kaum erkennbar sein. Beide haben kommuniziert; ihre Regeln waren nur nicht dieselben.
Was Studien tatsächlich zeigen
In einer experimentellen Studie ließen Crompton und Kolleginnen Informationen entlang von „Stille-Post“-Ketten weitergeben. Rein autistische und rein nichtautistische Ketten unterschieden sich in der Informationsgenauigkeit nicht wesentlich, während gemischte Ketten in der ursprünglichen Studie mehr Information verloren und geringeren Rapport berichteten. Das unterstützt die Idee einer Passungsfrage, beweist aber kein allgemeines Kommunikationsgesetz. Die Aufgabe war künstlich, die Stichprobe begrenzt, und eine größere Replikation von 2025 fand beim Informationstransfer ein komplexeres Muster ohne denselben klaren Nachteil gemischter Ketten.
Auch reale Kurzgespräche liefern Hinweise. Morrison und Kolleginnen untersuchten Begegnungen zwischen autistischen und nichtautistischen Erwachsenen. Einige Aspekte des Erlebens und der Bereitschaft zu weiterer Interaktion unterschieden sich je nach Paarung. Solche Ergebnisse sprechen gegen die Annahme, soziale Kompetenz sei ein stabiler Wert, den eine Person unabhängig vom Gegenüber mitbringt. Gleichzeitig fanden sich auch ungünstigere Bewertungen autistischer Gesprächspartner, sodass das Bild keineswegs romantisch ist.
Empathie ist kein Gedankenlesen
Empathie umfasst mehrere Prozesse: Gefühle anderer erkennen, deren Perspektive gedanklich nachvollziehen, emotional mitschwingen und fürsorglich handeln. Studien verwenden dafür unterschiedliche Aufgaben und Fragebögen. Aus Schwierigkeiten bei einem Test zur Gesichtserkennung folgt deshalb nicht, dass ein Mensch gleichgültig ist. Ebenso garantiert starke emotionale Anteilnahme nicht, dass die passende Reaktion im richtigen Moment sichtbar wird.
Im Erwachsenenleben kann das doppelte Empathieproblem erklären, warum ein Gespräch auf beiden Seiten als merkwürdig erlebt wird. Die nichtautistische Kollegin erwartet zustimmende Signale und deutet fehlendes Nicken als Desinteresse. Der autistische Kollege konzentriert sich auf den Inhalt und empfindet die vielen Andeutungen als unklar. Später erinnern sich beide daran, dass die andere Person „nicht richtig zugehört“ habe. Der Konflikt liegt dann nicht allein in einem Kopf, sondern in zwei unterschiedlichen Lesarten desselben Austauschs.
Gemeinsame Verständlichkeit statt Anpassung in eine Richtung
Praktisch folgt daraus kein Verbot sozialer Lernstrategien. Es spricht aber dagegen, sämtliche Verantwortung der autistischen Person zu übertragen. Verständigung kann verbessert werden, wenn Erwartungen ausgesprochen, Mehrdeutigkeit reduziert und Nachfragen nicht als Versagen behandelt werden. Auch nichtautistische Gesprächspartner können lernen, weniger aus Blickkontakt, Tonfall oder Gesprächspausen abzuleiten und stärker auf den tatsächlichen Inhalt zu achten.
Das doppelte Empathieproblem ist eine einflussreiche Theorie mit wachsender, aber noch nicht abgeschlossener empirischer Basis. Es erklärt nicht jede soziale Schwierigkeit und darf nicht zur nächsten Pauschalformel werden. Sein wertvollster Beitrag ist bescheidener: Missverständnisse haben eine Beziehungsgeschichte. Manchmal müssen nicht einzelne Menschen „repariert“, sondern gemeinsame Übersetzungsregeln gefunden werden.
Wo die Evidenz das Modell stützt – und wo nicht
Das doppelte Empathieproblem ist inzwischen mehr als eine theoretische Gegenposition zur Defiziterzählung, aber weniger als ein universelles Gesetz. Studien mit kurzen Gesprächen und Informationsketten zeigen, dass soziale Ergebnisse davon abhängen können, wer mit wem interagiert. Autistische Teilnehmende berichteten in manchen Untersuchungen mehr Verbundenheit mit autistischen Gegenübern, und Informationen wurden in gleichartig zusammengesetzten Gruppen teilweise zuverlässig weitergegeben. Solche Befunde widersprechen der Vorstellung, autistische Kommunikation sei unabhängig vom Gegenüber grundsätzlich gestört. Sie beweisen jedoch nicht, dass autistische Menschen einander automatisch verstehen oder gemischte Gespräche zwangsläufig scheitern.
Gerade neuere Replikationen machen die Lage differenzierter. Eine größere Untersuchung der Informationsübertragung von Crompton und Kolleginnen aus dem Jahr 2025 fand nicht schlicht dieselbe Regel „gleiches Neuroprofil funktioniert besser“. Ergebnisse hingen von Aufgabe, Messgröße und Gruppenzusammensetzung ab. Das ist wissenschaftlich kein Rückschritt, sondern eine Präzisierung: Ein attraktives Modell muss sich auch an Befunden bewähren, die nicht perfekt hineinpassen. Die vernünftige Schlussfolgerung lautet deshalb, Interaktion als wechselseitigen Prozess zu untersuchen, nicht bereits im Voraus einen bestimmten Paarungseffekt zu behaupten.
Auch Empathie selbst besteht aus mehreren Prozessen. Kognitive Empathie meint das Erschließen einer Perspektive, affektive Empathie die emotionale Resonanz; hinzu kommen Mitgefühl, Motivation zu helfen und die Fähigkeit, all das erkennbar auszudrücken. Labortests erfassen oft einzelne Ausschnitte, etwa Emotionen in Gesichtern oder Geschichten, und verwechseln kulturell erlernte Ausdrucksnormen leicht mit innerem Erleben. Alexithymie, Angst, Aufmerksamkeit und Vertrautheit mit dem Kontext beeinflussen Ergebnisse zusätzlich. Aus einer schwächeren Leistung in einem Test folgt daher weder Gefühllosigkeit noch fehlendes Interesse am Wohlergehen anderer.
Im Erwachsenenleben verschiebt diese Perspektive die praktische Frage. Statt ausschließlich zu trainieren, wie eine autistische Person typischer wirken soll, kann geprüft werden, welche Informationen beiden Seiten fehlen und welche Annahmen kollidieren. Explizite Erwartungen, Rückfragen ohne Gesichtsverlust und die Möglichkeit schriftlicher Klärung verringern Interpretationsarbeit für alle Beteiligten. Das entbindet autistische Erwachsene nicht von Verantwortung für verletzendes Verhalten, genauso wenig wie nichtautistische Missverständnisse folgenlos wären. Es verteilt die Verantwortung lediglich realistischer: Verständigung ist Teamarbeit, auch wenn manche Teams das Memo dazu offenbar nie erhalten haben.
Das Modell hat auch Grenzen außerhalb des Labors. Macht, Abhängigkeit und institutionelle Regeln sind in Gesprächen nicht gleich verteilt: Eine Patientin und ein Arzt oder ein Beschäftigter und eine Vorgesetzte tragen nicht dieselben Folgen eines Missverständnisses. „Beide Seiten“ bedeutet daher nicht automatisch gleiche Verantwortung. Wer über mehr Entscheidungsmacht verfügt, muss Verständlichkeit und Zugänglichkeit stärker absichern. Das doppelte Empathieproblem ist am hilfreichsten, wenn es die Beziehungsebene ergänzt, ohne strukturelle Ungleichheit hinter einer symmetrischen Formel verschwinden zu lassen.
Quellen & weiterführende Literatur
• Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: The ‘double empathy problem’. Disability & Society, 27(6), 883–887. https://doi.org/10.1080/09687599.2012.710008 – Theoretischer Ausgangstext; formuliert das Problem wechselseitiger Verständigung, ist aber selbst keine empirische Wirksamkeits- oder Prävalenzstudie.
• Crompton, C. J. et al. (2020). Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism, 24(7), 1704–1712. https://doi.org/10.1177/1362361320919286 – Experiment mit 72 Erwachsenen in Informationsketten. Die standardisierte Aufgabe unterstützt eine Passungshypothese, bildet aber Alltagskommunikation nur begrenzt ab.
• Morrison, K. E. et al. (2020). Outcomes of real-world social interaction for autistic adults paired with autistic compared to typically developing partners. Autism, 24(5), 1067–1080. https://doi.org/10.1177/1362361319892701 – Untersuchte kurze Gespräche in autistischen, nichtautistischen und gemischten Dyaden; relevant für partnerabhängige Interaktionsqualität.
• Crompton, C. J. et al. (2025). Information transfer within and between autistic and non-autistic people. Nature Human Behaviour. https://doi.org/10.1038/s41562-025-02163-z – Größere Weiterentwicklung der Informationskettenforschung mit differenzierteren Ergebnissen; mahnt zur Vorsicht vor einer simplen „gemischt ist schlechter“-Regel.
„Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.“










