Ein Reiz kann körperlich intensiv sein, Aufmerksamkeit gegen den eigenen Willen binden oder im Hintergrund verschwinden. Bei AuDHS treffen sensorische Verarbeitung und Aufmerksamkeitssteuerung möglicherweise zusammen – doch sie sind nicht dasselbe.
Die Filtermetapher erklärt nur einen Teil
Im Alltag heißt es häufig, das AuDHS-Gehirn könne unwichtige Reize nicht filtern. Die Metapher ist anschaulich, wissenschaftlich aber unscharf. Wahrnehmung beginnt nicht mit einem einzigen Sieb. Sinnesorgane registrieren Signale, frühe Verarbeitung unterscheidet Merkmale, Aufmerksamkeit gewichtet Informationen, und Bedeutung entscheidet mit darüber, was handlungsrelevant wird. Ein Reiz kann physiologisch gut erkannt und trotzdem schwer ignoriert werden. Umgekehrt kann er vorhanden sein, ohne rechtzeitig ins Bewusstsein oder Handeln zu gelangen.
Bei autistischen Erwachsenen sind ungewöhnliche sensorische Profile gut dokumentiert. Dazu gehören stärkere Sensitivität, Vermeidung, geringe Registrierung und sensorisches Suchen, wobei dieselbe Person verschiedene Muster kombinieren kann. Bei Erwachsenen mit ADHS fand die Studie von Bijlenga und Kolleginnen ebenfalls Unterschiede in allen vier Bereichen eines gängigen Sensorikfragebogens – auch nachdem autistische Symptome statistisch berücksichtigt wurden. Das spricht dagegen, jede sensorische Auffälligkeit automatisch dem Autismus zuzuordnen. Es beweist aber nicht, dass die Mechanismen in beiden Diagnosen identisch sind.
AuDHS-spezifische Erwachsenenstudien, die frühe Wahrnehmung und Aufmerksamkeitskontrolle gleichzeitig messen, sind selten. Deshalb muss die Forschungslücke sichtbar bleiben. Aus getrennten Gruppenbefunden lässt sich plausibel ableiten, dass sensorische Intensität und Aufmerksamkeitsbindung einander beeinflussen können. Nicht belegt ist eine einheitliche kombinierte Störung, die bei allen Erwachsenen gleich funktioniert. Stress, Angst, Schlaf, Migräne, Medikamente und Umgebung können dieselben Messwerte zusätzlich verändern.
Reizschwelle, Reaktion und Aufmerksamkeit
Eine Reizschwelle beschreibt vereinfacht, ab welcher physikalischen Intensität ein Signal erkannt wird. Sensorische Überreaktivität meint dagegen eine starke oder belastende Reaktion und muss nicht aus einer niedrigeren Erkennungsschwelle entstehen. Aufmerksamkeit wiederum betrifft Auswahl und Gewichtung. Wer ein leises Brummen sofort bemerkt, kann es als neutral registrieren oder stundenlang davon abgelenkt werden. Diese Ebenen werden in Alltagserzählungen oft vermischt, obwohl Unterstützung an unterschiedlichen Stellen ansetzen müsste.
Selbstberichtsfragebögen erfassen langfristige Erfahrung und Belastung. Laboraufgaben prüfen eng definierte Prozesse unter kontrollierten Bedingungen. Neurophysiologische Messungen untersuchen durchschnittliche Reaktionen auf wiederholte oder unerwartete Signale. Wenn Ergebnisse nicht übereinstimmen, ist nicht automatisch eine Methode falsch. Das Labor enthält weder den vorangegangenen Arbeitstag noch die Sorge vor dem anschließenden Telefonat; der Selbstbericht kann dafür Erwartungen, Erinnerung und Sprache nicht vollständig ausschließen.
Aufmerksamkeit ist außerdem zielabhängig. Ein unerwartetes Geräusch kann automatisch Orientierung auslösen, während ein erwartetes Signal trotz gleicher Lautstärke weniger stört. Ein starkes Interesse kann konkurrierende Reize zeitweise in den Hintergrund drängen. Unter einer monotonen Aufgabe wird derselbe Raum vielleicht kaum auszuhalten. Diese Schwankung passt zu mehreren Modellen, darunter Unterschiede in Salienz, Vorhersage und exekutiver Kontrolle. Keines davon erklärt bislang sämtliche AuDHS-Erfahrungen.
Warum mehrere Reize anders wirken als einer
Im Großraumbüro konkurrieren Gesprächsfetzen, Tastaturen, Gerüche, Bildschirmlicht und eingehende Nachrichten. Gleichzeitig muss eine Aufgabe im Arbeitsgedächtnis gehalten werden. Sensorische und kognitive Last lassen sich dabei nicht sauber trennen: Jeder zusätzliche Reiz kann Aufmerksamkeit abziehen, eine Reaktion auslösen oder die Rückkehr zur Aufgabe erschweren. Die Leistung sinkt möglicherweise nicht, weil ein Sinn „zu empfindlich“ ist, sondern weil die Gesamtkonkurrenz zunimmt.
Für Erwachsene haben solche Situationen reale Konsequenzen. Ein Meeting kann fachlich verstanden und dennoch erschöpfend sein. Eine Zugfahrt kann ohne sichtbare Krise gelingen, aber die Kapazität für den anschließenden Termin reduzieren. Wer Reize kurzfristig kompensiert, wirkt nach außen belastbar; die Kosten erscheinen erst später. Querschnittsstudien können solche zeitlichen Kaskaden nur begrenzt abbilden, qualitative Forschung beschreibt sie oft besser, ohne Häufigkeiten zu liefern.
Unterreaktivität bleibt leicht unbemerkt. Ein Hunger-, Schmerz- oder Temperatursignal kann spät handlungsleitend werden, besonders wenn Aufmerksamkeit stark gebunden ist. Auch ADHS-bezogene Ablenkbarkeit bedeutet nicht, dass alles auffällt; Aufmerksamkeit kann gerade auf das jeweils Saliente springen und andere Informationen auslassen. AuDHS darf deshalb nicht mit „nimmt grundsätzlich mehr wahr“ gleichgesetzt werden. Mehr, weniger, später und anders gewichtet können innerhalb eines Profils nebeneinanderstehen.
Unterstützung braucht eine Funktionshypothese
Eine Anpassung sollte zur vermuteten Belastungsstelle passen. Wenn Intensität das Problem ist, helfen möglicherweise leisere Geräte oder Lichtreduktion. Wenn Unvorhersagbarkeit belastet, können Ankündigung und Kontrolle wichtiger sein. Wenn Aufmerksamkeit ständig gekapert wird, kann ein geschützter Arbeitsblock sinnvoller sein als bloß leisere Geräusche. Wenn Unterstimulation vorliegt, kann selbstgewählte Bewegung oder Hintergrundstimulation unterstützen. Dieselbe Maßnahme kann in einer anderen Aufgabe stören.
Eine persönliche Reizbeschreibung ist daher konkreter als ein globales Etikett. Welche Reize sind betroffen, zu welcher Tageszeit, bei welcher Tätigkeit und mit welcher Folge? Wird ein Signal schmerzhaft, ablenkend, angstauslösend oder erst spät bemerkt? Solche Angaben verbessern Arbeitsplatzanpassung und medizinische Kommunikation. Sie sind kein diagnostischer Selbsttest, weil sensorische Unterschiede in vielen Konstellationen und auch ohne Diagnose vorkommen.
Auch die Umwelt trägt Verantwortung. Offene Büros, unregelmäßige Alarme, starke Duftstoffe oder ständige Benachrichtigungen sind keine neutralen Bedingungen. Individuelle Hilfen dürfen nicht zur einzigen Lösung werden, wenn vermeidbare Reizlast kollektiv reduziert werden kann. Zugleich wäre völlige Reizarmut für manche Erwachsene unterstimulierend. Barrierefreiheit besteht deshalb eher aus Wahlmöglichkeiten als aus einem für alle angeblich perfekten Raum.
Die Forschung stützt, dass sensorische Unterschiede sowohl bei Autismus als auch bei ADHS im Erwachsenenalter relevant sein können. Sie stützt nicht die Behauptung eines einzigen defekten Filters. Bei AuDHS ist besonders wichtig, Wahrnehmung, Reaktion und Aufmerksamkeit getrennt zu betrachten. Erst dann wird aus „zu viele Reize“ eine brauchbare Beschreibung dessen, was tatsächlich Unterstützung benötigt.
Aufmerksamkeit verändert die berichtete Wahrnehmung
Sensorische Fragebögen erfassen, wie häufig oder belastend Menschen Reize erleben. Experimentelle Aufgaben messen dagegen beispielsweise Erkennungsschwellen, Gewöhnung oder Filterung unter kontrollierten Bedingungen. Beide Ebenen stimmen nicht immer überein. Ein Laborreiz ist kurz, vorhersehbar und ohne die sozialen oder organisatorischen Anforderungen eines Arbeitstags. Selbstberichte integrieren viele Situationen, werden aber von Erinnerung, aktueller Belastung und Begriffen beeinflusst. Widersprüche zwischen Methoden sind deshalb nicht automatisch Fehler, sondern können verschiedene Teile des Phänomens zeigen.
Bei AuDHS ist Aufmerksamkeit ein besonders wichtiger Kontextfaktor. Ein Reiz kann physikalisch wahrgenommen werden, ohne handlungsleitend zu werden; ein anderer bindet Aufmerksamkeit so stark, dass die Hauptaufgabe verloren geht. Hyperreaktivität, Hyporeaktivität und sensorisches Suchen beschreiben zudem keine stabilen globalen Typen. Sie können zwischen Sinnesbereichen und Situationen wechseln. Eine Person bemerkt leise elektrische Geräusche sofort und Hunger erst sehr spät. Aus einer einzelnen Empfindlichkeit lässt sich daher weder ein vollständiges Reizprofil noch eine Diagnose ableiten.
Medikamente, Müdigkeit und Stress können die Aufmerksamkeitsgewichtung verändern, ohne das grundlegende sensorische Profil vollständig umzubauen. Manche Erwachsene berichten unter wirksamer ADHS-Medikation weniger Ablenkung, andere nehmen einzelne Reize deutlicher wahr, weil innere Unruhe sinkt. Solche Berichte sind klinisch relevant, aber keine gesicherte allgemeine Medikamentenwirkung auf autistische Sensorik. Veränderungen sollten konkret nach Sinnesbereich, Zeitpunkt und Funktionsfolge beobachtet werden. Ebenso wichtig ist, körperliche Nebenwirkungen oder Angst nicht als bloße Reizempfindlichkeit umzudeuten. Wahrnehmung bleibt eingebettet in den gesamten gesundheitlichen Zustand.
Anpassungen sollten sich nicht allein an den auffälligsten Sinnesbereich richten. Geräuschschutz kann beispielsweise visuelle Aufmerksamkeit verbessern und zugleich Kommunikation erschweren; gedämpftes Licht kann entlasten, aber Müdigkeit verstärken. Kombinationen müssen im tatsächlichen Kontext getestet werden. Eine sensorische Maßnahme ist erfolgreich, wenn die Gesamtfunktion besser wird, nicht wenn ein einzelner Reiz maximal reduziert ist. Diese Gesamtbetrachtung ist bei wechselnder Aufmerksamkeitsaktivierung besonders wichtig.
Quellen & weiterführende Literatur
• Bijlenga, D. et al. (2017). Atypical sensory profiles as core features of adult ADHD, irrespective of autistic symptoms. European Psychiatry, 43, 51–57. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2017.02.481 – Erwachsenenstudie zu sensorischen Selbstberichten bei ADHS. Das Querschnittsdesign erklärt keine Mechanismen.
• Crane, L., Goddard, L. & Pring, L. (2009). Sensory processing in adults with autism spectrum disorders. Autism, 13(3), 215–228. https://doi.org/10.1177/1362361309103794 – Verglich sensorische Profile autistischer und nichtautistischer Erwachsener und zeigte zugleich große individuelle Streuung.
• MacLennan, K. et al. (2022). The Complex Sensory Experiences of Autistic Adults: In Our Own Words. Autism in Adulthood, 4(4), 306–318. https://doi.org/10.1089/aut.2021.0002 – Verbindet Fragebogendaten und qualitative Erwachsenenberichte zu gemischten, kontextabhängigen Erfahrungen.
• Waldren, L. H. et al. (2024). Unpacking the overlap between Autism and ADHD in adults. Cortex, 173, 120–137. https://doi.org/10.1016/j.cortex.2023.12.016 – AuDHS-relevante Merkmalsanalyse bei Erwachsenen, jedoch keine direkte sensorische Laborstudie.
„Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.“










