Körpersignale kommen nicht fertig beschriftet an. Bei AuDHS können Wahrnehmen, Deuten, Benennen und rechtzeitiges Handeln auf unterschiedliche Weise erschwert sein – die kombinierte Erwachsenenforschung steht jedoch noch am Anfang.
Interozeption hat mehrere Dimensionen
Interozeption bezeichnet die Verarbeitung innerer Körpersignale wie Herzschlag, Atmung, Hunger, Temperatur, Schmerz oder Harndrang. Forschung unterscheidet mindestens zwischen objektiver Leistung in einer Aufgabe, subjektiv berichteter Sensibilität und dem Wissen darüber, wie zuverlässig die eigene Einschätzung ist. Diese Dimensionen können auseinanderfallen. Jemand kann häufig auf den Körper achten und trotzdem unsicher sein, was eine Empfindung bedeutet. Eine andere Person kann im Labor gut abschneiden und im Arbeitsalltag Mahlzeiten übersehen.
Bei Autismus sind interozeptive Befunde widersprüchlicher als populäre Aussagen vermuten lassen. Neuere Reviews fanden je nach Messmethode reduzierte, ähnliche oder erhöhte Werte; in einer Meta-Analyse vergleichbarer Erwachsenenaufgaben zeigte sich kein klarer Gruppenunterschied. Selbstberichte weisen häufiger auf Schwierigkeiten hin. Bei ADHS ist die Erwachsenenliteratur kleiner, enthält aber Hinweise auf geringere Genauigkeit oder Bewusstheit. Für diagnostizierte AuDHS-Erwachsene fehlen robuste direkte Vergleiche.
Das bedeutet nicht, dass gelebte Schwierigkeiten unwirklich sind. Es bedeutet, dass „schlechte Interozeption“ zu pauschal ist. Hunger, Herzschlag und Muskelspannung sind verschiedene Signale, und Aufgaben messen unterschiedliche Fähigkeiten. Angst, Depression, körperliche Erkrankungen, Trauma, Medikamente und Alexithymie beeinflussen Ergebnisse. Eine einzelne Herzschlagaufgabe kann nicht die gesamte Körperwahrnehmung eines Menschen repräsentieren.
Von Empfindung zu Gefühl und Handlung
Emotionen entstehen nicht als fertige Wörter im Körper. Physiologische Aktivierung wird mit Situation, Erinnerung und Erwartungen eingeordnet. Erst daraus werden Bedeutungen wie Angst, Ärger, Aufregung oder Erschöpfung. Alexithymie bezeichnet Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren oder zu beschreiben, und kommt bei autistischen Menschen häufiger vor, ist aber nicht identisch mit Autismus. Auch Erwachsene mit ADHS können Schwierigkeiten mit emotionaler Bewusstheit und Regulation berichten.
Bei AuDHS kann ein Signal mehrfach konkurrieren. Intensive Aufgabenbindung lässt Hunger spät auffallen; sensorische Belastung erzeugt körperliche Aktivierung; impulsive Reaktion erfolgt, bevor der Zustand sprachlich verstanden ist. Diese Kette ist plausibel, aber nicht als universeller kombinierter Mechanismus belegt. Manche Personen bemerken körperliche Aktivierung sehr früh und finden gerade deshalb schwer heraus, welchem Gefühl oder Auslöser sie zuzuordnen ist.
Gefühlsregulation beginnt daher nicht erst beim Beruhigen. Ein Zustand muss wahrgenommen, eingeordnet und mit verfügbaren Handlungsmöglichkeiten verbunden werden. Wenn Sprache, Arbeitsgedächtnis oder Zeitgefühl unter Stress nachlassen, kann eine bekannte Strategie zu spät zugänglich sein. Das erklärt, warum ein Erwachsener im Nachhinein genau weiß, was geholfen hätte, es im Moment aber nicht einsetzen konnte. Wissen und Zugriff sind verschiedene Leistungen.
Messung und Alltag widersprechen sich nicht zwingend
Labormethoden kontrollieren Signal und Zeitpunkt. Das ist wissenschaftlich wertvoll, entfernt aber viele Bedingungen des Alltags. Im wirklichen Leben treten Körpersignale mit Geräuschen, Aufgaben, sozialen Erwartungen und Zeitdruck auf. Selbstberichte bilden diese Komplexität besser ab, werden jedoch durch Erinnerung, Sprache und aktuelle Stimmung beeinflusst. Qualitative Interviews zeigen Bedeutungen und Abläufe, können aber keine Häufigkeiten bestimmen.
Neuere Interozeptionsforschung kritisiert besonders Herzschlagzählaufgaben. Ergebnisse können von Wissen über den üblichen Puls, Zeitgefühl oder Erwartungen beeinflusst werden. Das ist für ADHS relevant, weil Zeitwahrnehmung und Aufmerksamkeit in die Aufgabe eingehen können. Für AuDHS wäre eine vermeintlich interozeptive Differenz dann teilweise eine Messmischung. Gute Forschung benötigt mehrere Aufgaben und kontrolliert relevante Begleitfaktoren.
Auch die Richtung von Zusammenhängen bleibt offen. Interozeptive Unsicherheit könnte Angst verstärken; häufige Angst könnte Körpersignale schwerer einordnen; beides könnte durch einen dritten Faktor beeinflusst werden. Querschnittsstudien können diese Möglichkeiten nicht trennen. Wenn ein Artikel aus einer Korrelation eine Ursache macht, klingt er zwar erklärend, ist aber wissenschaftlich dekorierter als belastbar.
Bedeutung für Gesundheit und Alltag
Spät bemerkte Körpersignale können Essen, Schlaf, Toilettengang oder Schmerzversorgung beeinträchtigen. Am Arbeitsplatz wird Anspannung vielleicht erst erkannt, wenn Sprache oder Konzentration bereits einbrechen. In Partnerschaften wirkt eine plötzliche Reaktion unverständlich, obwohl körperliche Warnzeichen lange vorhanden waren. Diese Szenarien sind keine diagnostischen Beweise, aber relevante Funktionsfragen. Sie können auch bei anderen psychischen oder körperlichen Bedingungen auftreten.
Konkrete Sprache kann medizinische Gespräche verbessern. „Seit zwei Stunden Druck im Brustkorb, stärker beim Treppensteigen“ ist oft hilfreicher als die erzwungene Wahl zwischen „Angst“ und „keine Angst“. Ein Gefühl muss nicht sicher benannt sein, damit eine körperliche Veränderung ernst genommen wird. Umgekehrt darf eine AuDHS- oder Interozeptionsannahme niemals dazu führen, neue Beschwerden vorschnell zu psychologisieren.
Äußere Hinweise können Informationen ergänzen. Regelmäßige Pausen, sichtbare Trinkmöglichkeiten oder kurze Zustandsnotizen sind denkbare Hilfen. Sie ersetzen nicht die eigene Wahrnehmung und sind keine universelle Behandlung. Zu viel Überwachung kann Aufmerksamkeit zusätzlich binden oder Angst verstärken. Ziel ist nicht, jeden Herzschlag zu kontrollieren, sondern relevante Bedürfnisse rechtzeitig handlungsfähig zu machen.
Für emotionale Situationen können abgestufte Beschreibungen nützlich sein: Körperort, Intensität, Veränderung, Situation und mögliche Bedürfnisse. Das erlaubt Unsicherheit, ohne Handeln aufzuschieben. Eine Pause kann vereinbart werden, bevor das perfekte Emotionswort gefunden ist. Professionelle Unterstützung sollte dabei konkret und nicht beschämend arbeiten; „Du musst deine Gefühle eben besser spüren“ ist keine Intervention.
Interozeption und Gefühlsregulation sind bei AuDHS ein wichtiges, aber noch unzureichend kombiniertes Forschungsfeld. Gut belegt ist ihre Mehrdimensionalität, nicht ein allgemeines Defizit. Für Erwachsene ist die präziseste Perspektive deshalb individuell: Welche Signale werden wann wahrgenommen, wie werden sie gedeutet, und was verhindert, dass daraus rechtzeitig eine hilfreiche Handlung wird?
Sprache für Gefühle und Körperzustände ist eine eigene Variable
Interozeption wird oft mit Emotionswissen gleichgesetzt. Tatsächlich umfasst sie mehrere Ebenen: körperliche Signale wahrnehmen, ihnen Aufmerksamkeit geben, sie unterscheiden und sinnvoll interpretieren. Alexithymie bezeichnet Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu identifizieren oder zu beschreiben, und kommt bei autistischen wie nichtautistischen Menschen vor. Studien legen nahe, dass manche vermeintlich autismusspezifischen Emotionsbefunde stärker mit Alexithymie zusammenhängen. Bei ADHS werden Zusammenhänge mit Emotionsdysregulation und Interozeption erforscht, die Evidenz ist jedoch heterogen.
Für Erwachsene bedeutet das, dass „spät merken“ verschiedene Ursachen haben kann. Ein Signal war schwach, Aufmerksamkeit war anderweitig gebunden, oder seine Bedeutung blieb unklar. Unterstützung kann entsprechend unterschiedlich aussehen: regelmäßige äußere Checkpunkte, konkretere Körperbegriffe, zeitliche Rückschau oder Behandlung von Angst und körperlicher Erkrankung. Ein Gefühlstagebuch ist kein universelles Messgerät und kann bei übermäßiger Selbstbeobachtung sogar zusätzlichen Druck erzeugen. Ziel ist brauchbare Information, nicht perfekte Innenwahrnehmung.
Auch Kontextwissen beeinflusst die Interpretation innerer Signale. Herzklopfen vor einem Vortrag kann Angst, Aktivierung, Koffein oder körperliche Erkrankung bedeuten; die Empfindung allein entscheidet das nicht. Manche Erwachsene profitieren davon, Körperinformation mit Situation und zeitlichem Verlauf zu verbinden, statt sofort ein Gefühl benennen zu müssen. Bei wiederkehrenden oder neuen Symptomen bleibt medizinische Abklärung wichtig. Interozeptive Unsicherheit darf nicht dazu führen, körperliche Beschwerden zu psychologisieren. Umgekehrt ist eine medizinisch unauffällige Untersuchung kein Beweis, dass die subjektive Belastung unwirklich war.
Gefühlsregulation ist außerdem sozial eingebettet. Ein verständlicher Konflikt, klare Erwartungen und die Möglichkeit, ohne Beschämung nachzufragen, reduzieren Interpretationslast. Umgekehrt kann ständige Kritik die Aufmerksamkeit auf mögliche Fehler verengen und Körperaktivierung erhöhen. Das bedeutet nicht, dass Umwelt jede Dysregulation verursacht. Es zeigt, dass innere Wahrnehmung und äußerer Kontext nicht sauber getrennt funktionieren. Interventionen, die nur Benennung von Gefühlen trainieren, können deshalb an der tatsächlichen Belastungsquelle vorbeigehen.
Quellen & weiterführende Literatur
• Klein, M., Witthöft, M. & Jungmann, S. M. (2025). Interoception in individuals with autism spectrum disorder: a systematic literature review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry, 16, 1573263. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1573263 – Aktuelle Synthese, die uneinheitliche Methoden und fehlende klare Erwachsenenunterschiede in vergleichbaren Aufgaben hervorhebt.
• Garfinkel, S. N. et al. (2016). Discrepancies between dimensions of interoception in autism: Implications for emotion and anxiety. Biological Psychology, 114, 117–126. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2015.12.003 – Erwachsenenstudie zur Trennung interozeptiver Dimensionen; Querschnittsdaten erlauben keine Kausalität.
• Bruton, A. M. et al. (2025). Diminished Interoceptive Awareness in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders. https://doi.org/10.1177/10870547241309395 – Review zur noch kleinen und heterogenen ADHS-Interozeptionsliteratur; nicht AuDHS-spezifisch.
• Williams, Z. J. et al. (2023). Characterizing Interoceptive Differences in Autism: A Systematic Review and Meta-analysis. Journal of Autism and Developmental Disorders, 53, 947–962. https://doi.org/10.1007/s10803-022-05656-2 – Zeigt Messheterogenität über verschiedene Altersgruppen und interozeptive Domänen.
„Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und Einordnung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung und keine professionelle Diagnostik.“










